LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin ist diese Woche zwar gestiegen, doch seine Dominanz am Krypto-Gesamtmarkt ist zum vierten Mal unter 60% gerutscht. Entscheidend wirkt dabei ein Zufluss von rund 2,4 Milliarden US-Dollar in US-Spot-Bitcoin-ETFs im Zeitraum vom 21. bis 25. September 2026. Zeitgleich legten mehrere Altcoins kräftig zu, während sich am Gesamtbild eher breite Risikoappetit als ein einzelner Auslöser abzeichnet. Ob daraus eine echte Altcoin-Phase wird, dürfte sich vor allem daran zeigen, wie sich die täglichen ETF-Flüsse im Oktober entwickeln.

Die Krypto-Wochencharts erzählen gerade zwei Geschichten zugleich: Bitcoin gewinnt, aber seine relative Stellung im Markt schrumpft. In der Woche bis zum 26. September 2026 fiel die Bitcoin-Dominanz zum vierten Mal in der Historie unter die 60%-Marke, obwohl der Bitcoin-Preis um 3,3% zulegte. Dominanz bedeutet dabei nicht „Bitcoin sinkt“, sondern „Bitcoin bewegt sich im Verhältnis zum Rest langsamer“: Gemessen wird der Marktwert von Bitcoin (Preis mal im Umlauf befindliche Coins) ins Verhältnis zur Summe aller Krypto-Marktkapitalisierungen.
Technisch ist genau diese Logik der Grund, warum Dominanz auch bei steigenden Kursen fallen kann. Wenn andere Kryptowährungen schneller wachsen, verschiebt sich ihr Anteil am Gesamtwert, selbst wenn Bitcoin gleichzeitig Gewinne verbucht. Für die genannte Woche deutet vor allem die breite Outperformance von sieben großen Altcoins auf eine aktive Rotation hin. Angeführt wurde das Feld von Litecoin, das um 23,7% zulegte, gefolgt von Cardano (+12,7%), Dogecoin (+12,0%), Chainlink (+11,9%), Stellar (+11,2%), XRP (+10,4%) und Solana (+9,3%). Die Mischung reicht von Zahlprozessen und App-Plattformen bis zu Meme-Coins und Orakel-Netzwerken; das spricht eher für gleichzeitiges Suchen nach höheren Renditechancen als für eine einzelne thematische Wette.
Das Entscheidende an diesem erneuten Unterschreiten der 60%-Schwelle ist jedoch ein Faktor, der bei früheren Kreuzungen so nicht im gleichen Maß präsent war: Parallel dazu floss in kurzer Zeit spürbares Kapital in Bitcoin-ETFs. Vom 21. bis 25. September 2026 sollen US-Spot-Bitcoin-ETFs rund 2,4 Milliarden US-Dollar an neuen Investments angezogen haben – genau in dem Zeitfenster, in dem die Dominanz unter 60% rutschte. Diese Kopplung verändert die Interpretation: Es sieht nicht danach aus, als würde Kapital aus Bitcoin abgezogen und in andere Coins „abgereicht“, sondern eher danach, dass insgesamt Geld in den Bitcoin-Markt fand, während zugleich Altcoins im selben Zeitraum überproportional zulegten. Selbst wenn die täglichen Zuflüsse im Wochenverlauf leicht nachließen, blieb pro Tag weiterhin messbarer Nachschub.
Einordnen lässt sich die aktuelle Konstellation nur, wenn man die drei früheren Dominanz-Kreuzungen unter 60% getrennt betrachtet. Die erste Phase fiel in den März 2017: Damals zogen Ethereum und XRP stark Kapital an, die Dominanz fiel weiter und erreichte bis Januar 2018 Werte um rund 33%. Diese schnelle Abwärtsbewegung lief zusammen mit einem massiven Altcoin-Rallye, dem später im Jahr ein deutlicher Markteinbruch folgte. Die zweite Kreuzung lag im Frühjahr/Frühsommer 2021: Von etwa 70% zu Jahresbeginn sank die Dominanz im März unter 60%, fiel im Mai auf nahe 40% und wurde in der Spitze stark von Dogecoin und mehreren App-Plattformen getragen. Im Anschluss schwankten die Altcoins in der anschließenden Marktkrise jedoch stärker als Bitcoin – spätes Umsteigen wurde damit in der Breite teuer. Die dritte relevante Phase datiert in den September 2025: Zuvor erreichte ein Altcoin-Season-Index (Anteil der Top-100-Coins, die über 90 Tage besser als Bitcoin liefen) einen Wert von 78 am 20. September und fiel anschließend zügig auf 14 bis zum 19. Dezember; damit konnte Bitcoin die Dominanz wieder über 60% zurückholen und sich über weite Teile des Jahres zwischen 58% und 62% stabilisieren.
Damit ist die heutige Lage noch kein „Automatismus“ in Richtung Altcoin-Season, aber sie ist auch kein reines Signal zur Beruhigung. Aus der aktuellen Datenlage lässt sich zumindest ein wichtiger Unterschied ableiten: Bitcoin verliert nicht sichtbar an Kapitalbasis, denn die ETF-Zuflüsse sprechen für fortgesetzte Nachfrage. Gleichzeitig zeigen die Performance-Bänder mehrerer Segmente, dass keine einzige Nische dominiert. Trotzdem bleibt die Beobachtung eine Momentaufnahme – eine Woche reicht für belastbare Trendannahmen nicht aus. Für die nächste Entscheidungsstufe zählt, ob sich die Kapitalflüsse dauerhaft verschieben: Wenn die Zuflüsse in Bitcoin-ETFs im Zeitverlauf in Abflüsse kippen, während Altcoins im Oktober weiter steigen, wäre das ein stärkeres Muster in Richtung der 2021er Dynamik. Dreht die Entwicklung dagegen kurzfristig wieder zurück, kann aus der Dominanz-Entkopplung auch schnell wieder nur eine Phase innerhalb einer größeren Marktbewegung werden.
Für Unternehmen und fortgeschrittene Marktteilnehmer steckt in dieser Konstellation vor allem ein technischer und ein organisatorischer Lernpunkt. Erstens bleibt die Bitcoin-Dominanz als KPI nützlich, aber nicht ausreichend: Sie basiert auf Preis und Supply und ignoriert, wer tatsächlich kauft und in welchem Tempo. Zweitens wird die Messung zusätzlich durch Stablecoins beeinflusst, weil deren Marktkapitalisierung in die Gesamtbasis der Dominanzberechnung eingeht. Neue Stablecoin-Emissionen können die Dominanz rechnerisch drücken, ohne dass sich das Bitcoin-Balancemuster „in den Wallets“ erkennbar ändern muss. Drittens sollten Monitoring-Setups neben Dominanz und Kursen auch die Kapitalflüsse in Real-World-Onramps wie ETFs berücksichtigen, um die Unterscheidung zwischen „Rotation innerhalb des Marktes“ und „Kapitalverschiebung weg von Bitcoin“ besser treffen zu können.
Unterm Strich ist das aktuelle Unterschreiten der 60%-Dominanzmarke zwar historisch bedeutsam, aber anders „qualifiziert“ als die früheren drei Fälle. Die Kombination aus steigenden Bitcoin-Kursen, breit outperformenden Altcoins und gleichzeitigen ETF-Zuflüssen mit rund 2,4 Milliarden US-Dollar sorgt für eine Zwischenzone: noch kein ausgerufenes Altcoin-Szenario, aber ein klarer Hinweis, dass Risikoallokation im Markt gerade anders läuft als zuvor. Beobachtbar wird der nächste Schritt vor allem über die Entwicklung der täglichen ETF-Ströme und die Frage, ob die Outperformance der Altcoins über mehrere Wochen Bestand hat oder nur ein kurzer Ausschlag war. Genau diese Persistenz wird entscheiden, ob die Dominanz „nur“ kurz nachgibt oder ob sich ein struktureres Regimewechsel-Muster andeutet.
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