SEATTLE / LONDON (IT BOLTWISE) – Zeno Power will mit zwei radioisotopenbasierten Produkten Mondmissionen deutlich länger betreibbar machen. Ein Radioisotope-Heater-Unit soll bereits ab 2028 Wärme für eine Landung und die Nachtphase bereitstellen. Parallel entwickelt das Startup einen Radioisotope-Stirling-Generator für durchgängige Stromversorgung im 24/7-Betrieb. Im Interview ordnet der CEO die Nachfrage neu ein: Energie-Resilienz, weniger Abhängigkeiten bei der Brennstoffkette und ein Regulierungsrahmen, der laut Unternehmen beschleunigt werden soll.

Der Weg zum Mond scheitert in der Praxis selten an der Landetechnik allein, sondern oft an einer langweiligen, aber entscheidenden Frage: Wie versorgt man Systeme über lange Zeiträume mit Energie, wenn Sonnenlicht nur zeitweise verfügbar ist und sich keine Infrastruktur vor Ort aufbauen lässt. Genau in dieses Spannungsfeld positioniert sich Zeno Power. Das Startup aus dem Raum Seattle entwickelt kompakte Strom- und Wärmelösungen auf Basis radioaktiver Isotope, um Landersysteme auch in der zweiwöchigen Mondnacht am Laufen zu halten.
Konkret unterscheidet Zeno Power zwei Produktlinien. Für Kälte und thermische Stabilität ist die Radioisotope Heater Unit gedacht, die Wärme liefert statt Strom. Für Stromversorgung im Dauerbetrieb steht ein Radioisotope Stirling Generator im Mittelpunkt, der die Zerfallswärme eines Isotops in Elektrizität umwandelt. Auf der technischen Ebene ist das Prinzip nicht neu: NASA hat den Ansatz für tiefe Raumfahrt bereits genutzt. Neu ist der Anspruch, die Bauteile industriell herzustellen und auf ein Massenmaß zu skalieren, damit nicht nur einzelne Demonstratoren, sondern künftig ganze Missionsflotten davon profitieren können.
Hinter der aktuellen Dynamik steckt laut dem CEO auch ein geänderter geopolitischer und technologischer Kontext. Auf dem offenen Meer kann Solarenergie in der Praxis schnell an Grenzen stoßen, etwa weil Akkus Alterung und Zyklen begrenzen. Im tiefen Weltraum kommt hinzu, dass Sonnenabstände und Planeten-Geometrien die Energieplanung erschweren. Genau deshalb sieht Zeno Power einen Bedarf an kompakten, zuverlässigen Energiequellen, die unabhängig vom Tageslicht funktionieren. Der CEO verweist zudem auf einen Wettbewerbsschub, bei dem Energieversorgung zur Engpassressource wird und Systeme resilient gegen Ausfälle bleiben müssen.
Finanziell hat das Unternehmen einen wichtigen Umsetzungsschritt bereits über die US-Seite erreicht: Zeno Power erhielt 2023 einen NASA Tipping Point Contract über 15 Millionen US-Dollar. Das Ziel besteht darin, den Radioisotope Stirling Generator für den Einsatz bei Mondlandern und Oberflächensystemen weiterzuentwickeln. Dabei greift NASA laut Beschreibung nicht bei Null an, sondern baut auf bestehenden Erfahrungen auf; auch die Zusammenarbeit mit NASA Glenn und Industriepartnern soll helfen, die nächsten Tests zeitnah zu ermöglichen. Die Tipping-Point-Mechanik ist dabei bewusst markt- und technologiegetrieben: Sie soll laut den Angaben im Text die Entwicklung kommerzieller Raumfahrtfähigkeiten fördern, wenn eine Investition die Technologie sichtbar reift und an den Markt heranbringt.
Technisch setzt Zeno Power statt auf Plutonium 238 auf Americium 241. Die Wahl ist aus Unternehmenssicht nicht nur eine Materialentscheidung, sondern eine Strategie für die Lieferkette. Americium 241 gilt als Alpha-Strahler; damit ist der Brennstoffbedarf vergleichsweise geringer, weil die emittierten Teilchen nur kurze Strecken zurücklegen, die thermische Umsetzung in einem engen Bauraum begünstigt und die Handhabung im Systemkonzept einfacher wirkt als bei stärker durchdringenden Strahlungsarten. Hinzu kommt eine lange Halbwertszeit von über 430 Jahren. Entscheidend für die Skalierung: Americium 241 kann der Darstellung zufolge aus Kernbrennstoff- bzw. Abfallströmen getrennt oder zurückgewonnen werden, was die Verfügbarkeit erhöhen könnte. Das Unternehmen spricht allerdings selbst davon, dass die Lieferkette noch nicht vollständig ausgereift ist und man deshalb gezielt investiert, um perspektivisch Hunderte Generatoren bereitstellen zu können.
Auch regulatorisch will Zeno Power die Zeitachse für den Markteintritt beeinflussen. Der CEO beschreibt, dass man sich im Austausch mit der FAA, NASA sowie den zuständigen Regulierungsstellen befindet, um die Genehmigungen für einen sicheren Startprozess vorzubereiten. Zusätzlich nennt er die politische Ebene: Zeno Power sei aktiv in Gesprächen mit Abgeordneten und mit Akteuren aus dem Weißen Haus, um die Industrie durch Fördermöglichkeiten oder durch Straffung bei Regeln zu beschleunigen. Als Beleg verweist der Text auf Abschnitte im NASA Reauthorization Act, die explizit Raumfahrtnukleare Technologien adressieren, und auf eine Formulierung in der House-Version, wonach solche Systeme eine Schlüsseltechnologie für bemannte und robotische Missionen in den Tiefraum darstellen.
Für die Branche ergibt sich daraus ein doppelter Effekt: Erstens verschiebt sich der Fokus von reinen Demonstrationsläufen hin zu einer Liefer- und Betriebsfähigkeit, die im Mondumfeld 24/7 relevant wird. Zweitens könnten mehrere Missionstypen profitieren, weil eine Heater Unit die thermische Architektur vereinfacht, während der Stirling-Generator die Stromplanung entkoppelt. Wenn die Firefly-Aerospace-Landung „no earlier than 2028“ tatsächlich als Zielzeitpunkt bestätigt wird, hätte Zeno Power zumindest einen frühen operativen Referenzpunkt. Unabhängig vom exakten Termin zeigt die Richtung der Entwicklung aber klar: Energie bleibt der harte Limit-Faktor für Oberflächenmissionen, und genau dort setzen radioisotopenbasierte Systeme gerade wieder an.
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