DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik hat ein Übernahmeangebot von BASF abgelehnt. BASF soll dabei rund 22,15 Euro je Evonik-Aktie geboten haben, mit einem Aufschlag von gut 28 Prozent auf den Kurs vor den jüngsten Übernahmespekulationen. Entscheidend bleibt nun, wie der Chemiekonzern seine Strategie ohne den Zusammenschluss mit dem Ludwigshafener Rivalen weiterführt. Im Hintergrund spielen dabei die RAG-Stiftung mit 43 Prozent und die Standortperspektiven in Nordrhein-Westfalen eine zentrale Rolle.

Der Chemiesektor bekommt damit erneut die klassische Frage nach der nächsten Konsolidierungsrunde: Können sich zwei große Player mit ähnlichen Marktlogiken tatsächlich zu mehr Effizienz und stabileren Margen verbinden? Evonik sagt vorerst „Nein“ zu einem möglichen Zusammenschluss mit BASF und verweist gleichzeitig auf Bewertung und Synergien, die nur unter Einbindung von Evonik verifiziert werden könnten. Für den Markt ist das ein klares Signal, dass ein reines „Preisangebot“ ohne belastbare Perspektive für Standort und Investitionen bei großen Industrieunternehmen längst nicht ausreicht.
Laut den genannten Berichten soll BASF rund 22,15 Euro je Evonik-Aktie geboten haben. Der Betrag entspricht einem Aufschlag von gut 28 Prozent auf den Evonik-Kurs vor den ersten Übernahmespekulationen der vergangenen Woche. Solche Aufschläge sind im M&A-Alltag häufig ein Instrument, um die Parteien über das reine Markt-Timing hinaus zu bewegen; sie lösen jedoch selten automatisch Zustimmung aus, wenn das Zielunternehmen Synergien, Governance oder strategische Passung als noch nicht überzeugend bewertet. Dass die Evonik-Aktien am Montag um bis zu 2,5 Prozent auf 19,85 Euro zulegten, deutet darauf hin, dass Anleger die Ablehnung zwar nicht als Desaster lesen, aber die nächsten Verhandlungen und Alternativen aufmerksam verfolgen.
Auch die Vorgeschichte wirkt nach: Beide Konzerne hatten Sondierungsgespräche bestätigt, die im Erfolgsfall zu einer der größten Zukäufe in der über 160-jährigen Firmengeschichte von BASF geführt hätten. In der Vergangenheit hatte BASF bereits größere Schritte unternommen, unter anderem mit dem Erwerb der Saatgut- und Herbizidgeschäfte von Bayer im Jahr 2018 für 7,6 Milliarden Euro sowie dem Kauf des US-Katalysatorherstellers Engelhard 2006 für 4,8 Milliarden Dollar. Diese früheren Transaktionen zeigen, wie stark die Ludwigshafener bei Portfoliobewegungen auf Chemie-Wertschöpfungsketten mit Hebelwirkung setzen. Der aktuelle Schritt wäre dagegen stärker ein „Industriekonsolidierungs“-Narrativ gewesen – und genau dort entscheidet sich, ob Synergieannahmen in operative Realität übersetzt werden.
Ein neuralgischer Punkt liegt in der Eigentümerstruktur: Die RAG-Stiftung hält 43 Prozent an Evonik. Im Kuratorium der Stiftung ist zudem das Land Nordrhein-Westfalen durch Ministerpräsident Hendrik Wüst vertreten. Für ein Übernahmevorhaben heißt das: Selbst wenn sich Verhandlungslinien schnell ausloten lassen, müssen Governance-Fragen und regionale Zielsetzungen in einer frühen Phase mitgedacht werden. Die Position des Wirtschaftsministeriums unterstreicht diese Logik: Wirtschaftsministerin Mona Neubaur sagte, jede Lösung müsse sich daran messen lassen, ob sie Investitionen an den Standorten in Nordrhein-Westfalen sowie den dort arbeitenden Menschen eine Zukunft gibt. Damit wird aus einem Finanzthema ein Standort- und Beschäftigungsversprechen, das in der Praxis häufig die „Machbarkeit“ bestimmt.
Auch aus Sicht der Belegschafts- und Interessenvertretungen bleibt die Prüfung offen. Der Vorsitzende der Gewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, sitzt sowohl im Kuratorium der RAG-Stiftung als auch im Aufsichtsrat von BASF. In der Berichterstattung wird dabei betont, dass ein erfolgreicher Zusammenschluss nicht automatisch zu einer „Zukunftsgeschichte“ wird, nur weil das neue Gebilde größer ist. Für die Beschäftigten beider Konzerne brauche es Zukunftsperspektiven und konkrete Investitionszusagen. Für Unternehmen bedeutet das: Wenn ein Deal primär mit Kosten- und Synergieeffekten begründet wird, erwarten viele Stakeholder inzwischen einen belastbaren Umsetzungsplan, der Produktion, Forschung, Qualifizierung und Rollenverteilung deutlich benennt.
Evonik selbst lehnte eine aktuelle Stellungnahme ab; BASF wiederum wollte sich dem genannten Preis nicht öffentlich anschließen. Gleichzeitig wurde aber kommuniziert, dass eine mögliche Übernahme die eigenen Kerngeschäfte stärken und ergänzen würde, verbunden mit einem disziplinierten Ansatz: Die Bewertung basiere auf einem Synergiepotenzial, das nur unter Einbindung von Evonik verifiziert werden könne. Technisch betrachtet ist das ein Hinweis auf die typische M&A-„Proof“-Phase: Synergien entstehen nicht aus dem Rechenmodell allein, sondern aus der detaillierten Abstimmung von Produktionsnetzwerken, Lieferketten, Kundenverträgen, Portfoliozuschnitten und IT-/Prozesslandschaften. Ohne Zugang zu internen Annahmen bleibt das Potenzial für das Zielunternehmen oft eine Hypothese – und genau dort entscheidet sich, ob ein Angebot als fair und umsetzbar gilt.
Für den weiteren Verlauf ist deshalb weniger entscheidend, ob ein Aufschlag pro Aktie „hoch genug“ wirkt, sondern ob Evonik parallel eigene Optionen entwickelt oder ob BASF nachschärft, etwa über strukturierte Garantien zu Investitionen, Standorten und operativer Integration. Kurzfristig kann die Ablehnung den Druck vom Tisch nehmen, langfristig aber erhöht sie den Legitimationsbedarf für jede künftige Konsolidierungsbewegung. Der Markt wird nun beobachten, wie Evonik strategisch priorisiert und ob sich innerhalb der nächsten Quartale ein erneutes Verhandlungsfenster ergibt – mit deutlich konkreteren Annahmen zur Umsetzung statt nur zur Bewertung.
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