RHEIN-MAIN-GEBIET / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), die Deutsche Bahn und der Fahrzeuganbieter HOLON starten das Projekt KIRA+ als Testfeld für autonome On-Demand-Shuttles. Die vollelektrischen Fahrzeuge sind auf Automatisierungsgrad SAE Level 4 ausgelegt und sollen künftig den öffentlichen Nahverkehr ergänzen. Während des Testbetriebs bleibt Sicherheitspersonal an Bord, eine Leitstelle überwacht den Betrieb kontinuierlich. KIRA+ setzt dabei auf das Vorgängerprojekt KIRA auf und soll bis in Teile von Darmstadt sowie den Kreis Offenbach schrittweise in den Fahrgastbetrieb übergehen.

Das Rhein-Main-Gebiet bekommt mit KIRA+ ein weiteres Testfeld für autonomes On-Demand-ÖPNV, das nicht nur Technik verspricht, sondern auch eine konkrete Betriebslogik adressiert. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) arbeitet dafür mit der Deutschen Bahn und dem Fahrzeugunternehmen HOLON zusammen. Das Projekt läuft in der Struktur des größeren Programms MILA.mobility und wird vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr gefördert. Entscheidend ist dabei der geplante nächste Schritt: KIRA+ soll den fahrerlosen Shuttlebetrieb aus dem Vorgängerprojekt fortführen und erweitern, während parallel die Integration in den regulären Nahverkehr vorbereitet wird.
Im Kern zielt KIRA+ auf einen Übergang von Pilotbetrieb hin zu einer Modellregion, in der autonome Shuttles als reguläres Angebot existieren. Das Vorgängerprojekt KIRA stellt dafür die Betriebsbasis und den Leitstellenbetrieb bereit: Ende 2026 soll KIRA auslaufen, KIRA+ setzt aber direkt fort. In Darmstadt, Langen und Egelsbach wurden bis Ende Mai rund 4.200 Testnutzer an etwa 130 Haltepunkten verzeichnet, wobei bisher immer ein Sicherheitsfahrer im Shuttle an Bord war. Diese Historie ist für die organisatorische Planung besonders relevant, weil sie zeigt, dass der eigentliche Engpass selten nur im Fahrzeug liegt, sondern im Zusammenspiel aus Fahrzeugbetrieb, Betriebshof, Leitstelle und Fahrgastkommunikation.
Technisch orientiert sich KIRA+ an SAE Level 4: Die vollelektrischen Shuttles vom Typ HOLON urban sollen den On-Demand-Verkehr künftig ohne Fahrer ermöglichen. Das Fahrzeugmodell ist rund 5 m lang, barrierefrei ausgelegt und erreicht laut Projektangaben bis zu 60 km/h. Für das Testsystem wurde Ende 2025 die deutsche Testzulassung für die Level-4-Plattform durch das Kraftfahrt-Bundesamt erteilt, womit der regulatorische Rahmen für die Erprobung vorliegt. Außerdem liefert Mobileye Technologie in die eingesetzte Sensorik und Rechenkette; im laufenden Projekt bleibt dennoch Sicherheitspersonal an Bord, während eine Leitstelle den Betrieb kontinuierlich überwacht. Genau dieses „Human-in-the-loop light“-Design ist typisch für frühe Level-4-Deployments, weil es Systemgrenzen kontrolliert, ohne den Nutzen voll zu verwässern.
Gleichzeitig macht KIRA+ sichtbar, wie komplex die Betriebsrollenverteilung im Alltag wird. Für Verkehrsunternehmen stellt sich schnell die Frage, wer welche Verantwortung übernimmt: Betrieb, technische Aufsicht, Genehmigungen und das Management des Betriebsgebiets. Der RMV hat hierfür einen Leitfaden angekündigt, der Schritte vor dem ersten Fahrgastbetrieb bündelt und den Rollenschnitt zwischen Beteiligten auslotet. Operativ übernimmt DB Regio den Betrieb inklusive Flottenmanagement, technischer Aufsicht und Betriebsgebietsmanagement sowie den Genehmigungen nach dem Personenbeförderungsrecht. Die Buchung erfolgt über eine Anwendung der ioki GmbH, wobei ioki Anfang 2026 von der HOLON-Muttergesellschaft Benteler übernommen wurde. Diese Trennung aus „Beförderungslogik“ (Buchung und Disposition) und „Sicherheits- und Betriebsverantwortung“ (Leitstelle, Aufsicht, Genehmigungswesen) ist in der Praxis oft der entscheidende Architekturpunkt.
Die Projekt-Roadmap ist dabei in Etappen gedacht. Für 2026 sind Testfahrten zur Erschließung vorgesehen, bevor in Teilen von Darmstadt und im Kreis Offenbach der reguläre Fahrgastbetrieb starten soll. Für 2027 sind erste Mapping-Fahrten zur digitalen Gebietseinlesung in den Einsatzgebieten von HEAG mobilo und kvgOF geplant; anschließend folgt 2027 der Fahrgastbetrieb sowie die vollständige Ausweitung. Dass der RMV keine Flottengröße oder Gesamtkosten nannte, unterstreicht zugleich eine typische Phase von Pilotprogrammen: Die Details zur Skalierung hängen stark von Ergebnissen aus dem Betrieb ab, also von Stabilität, Nutzerakzeptanz und dem Aufwand, den eine Leitstellenkette in Spitzenzeiten leistet. Im Fahrzeug selbst ist die Kapazität ebenfalls nicht trivial: Der Innenraum bietet regulär 5 Sitzplätze plus einen Stellplatz für Rollstühle; bei belegtem Stellplatz sinkt die Sitzkapazität auf 3. Herstellerangaben zufolge fasst das Fahrzeug insgesamt bis zu 15 Personen.
Für den Markt ist KIRA+ vor allem deshalb interessant, weil es den Druck in Richtung Personalgewinnung in der Region adressiert. Laut RMV sind im Verbundgebiet derzeit mehr als 40 Prozent des Fahrpersonals älter als 55 Jahre. Autonome On-Demand-Angebote können diese Lücke perspektivisch abfedern, aber ohne belastbare Roadmap bleiben Testfelder in der Wahrnehmung vieler Betreiber Einzelfälle. In dieser Hinsicht wirkt KIRA+ weniger wie ein Technikbeweis und mehr wie ein Integrationsprojekt, das mehrere Rollen und Systeme zusammenführt. Wissenschaftlich begleitet wird es vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), während der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) als Industriepartner beteiligt ist. Beim Fahrzeug und der Wertschöpfung kommt ebenfalls Bewegung hinein: Entwicklung an Standorten in Paderborn und München, Fertigung im ersten Werk in Jacksonville in Florida, ein zweiter Produktionsstandort mit einem saudischen Investor ist in Planung.
Auch der bereits erreichte Industrialisierungs-Status spielt mit hinein: Nach Einsätzen in Hamburg und Paderborn markiert KIRA+ den dritten öffentlichen Straßeneinsatz des HOLON urban in Deutschland. Damit verschiebt sich die Diskussion von „ob“ autonomen Betrieb möglich ist hin zu „wie gut“ und „unter welchen Randbedingungen“ er im ÖPNV-Alltag funktioniert. Entscheidend sind dabei Faktoren wie Geofencing, die Qualität der digitalen Kartenbasis für die Gebietseinlesung, die Fähigkeit der Leitstelle, Störungen sicher abzufangen, und die Abstimmung zwischen Disposition, Fahrzeugstatus und Fahrgastkommunikation. Wenn KIRA+ in Teilen von Darmstadt und Offenbach in Richtung Fahrgastbetrieb skaliert, liefert es genau die Vergleichswerte, die Betreiber brauchen, um ihre eigenen Integrationspfade zu planen.
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