LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse zeigt, dass sich die US-Öffentliche Meinung zwischen 2016 und 2020 zwar insgesamt liberaler entwickelte. Gleichzeitig wuchs die Kluft zwischen Demokraten und Republikanern bei zentralen Themen weiter an. Besonders stark nahm die emotionale Abneigung gegenüber der jeweils anderen Partei zu, vor allem bei Republikanern. Die Studie verbindet diese kurzfristige emotionale Eskalation mit beobachtbaren Verschiebungen in konkreten politischen Einstellungen.

Zwischen 2016 und 2020 hat sich in den USA nicht nur die Sachpolitik bewegt, sondern auch die Stimmung zwischen den Lagern. Die öffentliche Meinung sei in dieser Phase insgesamt in eine liberalere Richtung gerückt, berichten die Autoren einer Studie, die im Fachjournal American Politics Research veröffentlicht wurde. Entscheidend ist dabei: Dieser „Liberalisierungs-Schub“ ist nicht einfach ein allgemeines Pendel, das je nach Regierungstyp wieder ausschlägt. Stattdessen lässt sich in den Daten eine Mischung aus zwei Dynamiken erkennen – einer Verschiebung der Mehrheitswahrnehmung auf der einen und einer zunehmenden Parteien-Spreizung bei konkreten Politikfeldern auf der anderen Seite.
Als theoretischen Rahmen nutzen Politikwissenschaftler häufig den Begriff „public mood“, also einer Art gesellschaftlichem Thermostat. In diesem Modell reagieren Menschen auf politische Konstellationen, indem sich ihre Positionen gegenüber der jeweils herrschenden Richtung anpassen. Bei einer konservativen Regierung wird demnach typischerweise eine Bewegung „nach links“ sichtbar, bei einer liberaleren Konstellation eher ein Gegenschlag „nach rechts“. Unter der Oberfläche dieser makroskopischen Schwankungen taucht aber eine zweite Größe auf: „partisan divergence“. Gemeint ist die wachsende Lücke zwischen Demokraten und Republikanern, wenn es um einzelne Themen geht – etwa Gesundheitswesen, Besteuerung oder Einwanderung. Genau diese Divergenz habe sich über mehrere Jahrzehnte schrittweise vergrößert; im hier betrachteten Zeitraum setzte sich das Muster aber besonders sichtbar fort.
Was den Zeitraum 2016 bis 2020 zusätzlich prägt, ist der Aufstieg von „affective partisanship“: also emotionaler Abneigung oder Feindseligkeit gegenüber der gegnerischen Partei. Die Studie ordnet diese Entwicklung nicht als Nebenrauschen ein, sondern als Faktor, der mit der politischen Meinungsbildung verknüpft ist. Methodisch folgt das Team dabei einem wichtigen Prinzip: Es untersucht nicht nur Momentaufnahmen, sondern nimmt individuelle Veränderungen ernst. Dafür greifen die Forscher auf Daten aus dem 2016–2020 American National Election Study (ANES) und dem 2016–2020 General Social Survey (GSS) zurück. Beide Datensätze verwenden Panel-Designs, das heißt: Befragt werden im Kern dieselben Personen zu mehreren Zeitpunkten. Das erlaubt es, direkt nachzuvollziehen, ob jemand seine Position von einem Wahl- oder Befragungszeitpunkt zum nächsten tatsächlich ändert, statt nur unterschiedliche Personen zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu sehen.
Im Detail analysiert die Arbeitsgruppe 32 Politikfragen aus der ANES-Studie und 40 Fragen aus dem GSS. Die Themen decken ein breites Spektrum ab: Staatsausgaben, Fragen der rassischen Gleichstellung, Einwanderung, Außenpolitik sowie gesellschaftspolitische Themen wie Abtreibung und Rechte von Schwulen und Lesben. Um die emotionale Komponente zu messen, kommt eine klassische „Gefühlsthermometer“-Skala zum Einsatz. Befragte bewerten dabei ihre Gefühle gegenüber Demokraten und Republikanern auf einer Skala von 0 bis 100, wobei höhere Werte für wärmere, positivere Gefühle stehen. Der zentrale Befund lautet: Zwischen 2016 und 2020 gab es in vielen Politikbereichen eine klar erkennbare Verschiebung in Richtung liberaler Positionen. In einzelnen Feldern, darunter Befürwortung von Beibehaltung oder Erhöhung von Sozialhilfe, mehr staatliche Dienstleistungen sowie eine Ausweitung von Einwanderung, fiel das Wachstum besonders deutlich aus.
Diese Gesamtverschiebung verdeckt jedoch, wie stark sich die Parteien im selben Zeitraum auseinanderentwickelten. Die Autoren beschreiben eine asymmetrische Struktur: Der liberale „Rückprall“ der öffentlichen Stimmung sei fast ausschließlich dadurch getragen worden, dass vor allem Demokraten und Unabhängige ihre Positionen in Richtung progressiver änderten – beispielsweise bei Regierungsausgaben oder Fragen der rassischen Gleichstellung. Republikanische Befragte zeigten hingegen insgesamt deutlich mehr Stabilität. Wo es zu Verschiebungen kam, gingen diese in bestimmten Bereichen eher in die Gegenrichtung, etwa bei Positionen zu wissenschaftlicher Forschung und alternativen Energien. Damit stehen die Ergebnisse auch im Einklang mit früheren Beobachtungen, wonach sich politische Distanzen über längere Zeiträume vor allem dadurch vergrößern, dass „eine Seite“ stärker in eine progressive oder konservative Richtung driftet. Die Studie betont dabei außerdem eine Messdifferenz: Frühere Arbeiten gruppierten Menschen oft allein nach ihren Politiküberzeugungen, während die neue Analyse die Divergenz zwischen selbst zugeordneten Parteianhängern in den Mittelpunkt stellt.
Besonders anschaulich wird die emotionale Eskalation in den Temperaturmessungen. Die Studie berichtet, dass sich die „affektive“ Parteikälte insgesamt erhöhte, die stärksten Sprünge aber bei Republikanern zu sehen waren. Demnach hielten demokratische Panelteilnehmende eine relativ konstante Wärme gegenüber der eigenen Partei und kühlten ihre Gefühle gegenüber den Republikanern um grob vier Grad ab. Bei republikanischen Panelteilnehmenden lief es umgekehrt: Sie wurden gegenüber der eigenen Partei um mehr als zehn Grad „wärmer“ und gegenüber den Demokraten um etwa acht Grad „kälter“. Die Differenz zwischen dem, was Republikaner der eigenen Partei geben, und dem, was sie der Gegenseite zugestehen, wuchs um nahezu 19 Grad. Auf individueller Ebene ist das Signal dann nicht nur psychologisch, sondern auch politisch anschlussfähig: Die Studie findet, dass diese kurzfristige Verschärfung der emotionalen Polarisierung mit tatsächlichen Änderungen in den Politikpräferenzen zusammenhing. Für Demokraten und Republikaner gilt: Wer die Abneigung gegenüber der jeweils anderen Partei stärker empfand, änderte mit höherer Wahrscheinlichkeit seine Meinung bei besonders prägenden Themen – die Analyse nennt etwa Einwanderung, Umwelt und Fragen der Rassengerechtigkeit. In einem Satz verdichtet, lautet der Befund: Eine Zunahme der emotionalen Parteibindung korrelierte mit einer Verlagerung der Parteipositionen entlang bestimmter Fragen – bei Republikanern tendenziell nach rechts, bei Demokraten tendenziell nach links – während der ersten Amtszeit des damaligen US-Präsidenten.
So klar die Zusammenhänge wirken, so wichtig bleibt die methodische und zeitliche Einordnung. Die Studie betrachtet einen relativ kurzen Zeitraum von vier Jahren, der durch eine ungewöhnliche politische Ausgangslage und den Beginn der COVID-19-Pandemie geprägt war. Zudem bleibt die Kausalitätsfrage offen: Die Daten zeigen eine Assoziation zwischen emotionaler Animosität und politischen Einstellungen, doch sie lösen nicht auf, welches zuerst kommt. Möglicherweise entstehen stärkere negative Gefühle, weil politische Differenzen bereits bestehen. Umgekehrt kann es ebenso plausibel sein, dass Menschen ihre Politikansichten verändern, um sich stärker von einer Partei abzugrenzen, die sie emotional ablehnen. Die Autoren nennen als nächsten Schritt eine Ausweitung der Analyse bis in die Jahre nach dem Ausscheiden des damaligen Präsidenten – konkret sollen die Paneldaten von 2020 bis 2024 genutzt werden, um zu prüfen, ob sich die Dynamiken fortschreiben oder ob der Zeitraum 2016–2020 eine spezifische Episode war. Veröffentlicht ist die Arbeit unter dem Titel „Individuals and Public Opinion Change: The Liberal Rebound, Continued Partisan Divergence and Affective Partisanship 2016–2020“; der DOI lautet https: //doi.org/10.1177/1532673×261470397.
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