ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die BASF treibt den nächsten Schritt im Übernahmepoker um Evonik vor und stößt dabei auf eine zentrale Bremse: die RAG-Stiftung. Nachdem Evonik eine erste Barofferte abgelehnt hat, entscheidet nun vor allem die 44-prozentige Beteiligung der Stiftung über die weitere Richtung. In den kommenden Wochen soll sie alle Optionen durchspielen, während Politik, Gewerkschaften und Konzernaufsicht wechselseitige Abhängigkeiten sichtbar machen. Im Raum stehen am Ende drei mögliche Szenarien – von einer Abweisung bis zu einem Aktientausch.

Der Kern des aktuellen Übernahmepokers zwischen BASF und Evonik wirkt zunächst wie ein klassisches Unternehmens-Update: BASF hatte Interesse bekundet und Evonik eine erste Offerte am Montag zurückgewiesen. Doch sobald der Blick auf die Eigentümerstruktur fällt, verschiebt sich das Gewicht. Die RAG-Stiftung hält 44 Prozent an Evonik und steht damit faktisch am entscheidenden Punkt, weil sie über ihre Haltung Einfluss auf das weitere Vorgehen nimmt. Genau diese Rolle liefert den Spannungsmoment: Selbst wenn die Industrieseite den Deal vorantreiben will, bleibt die Stiftung der Akteur, der politisch, finanziell und organisatorisch nicht beliebig positioniert werden kann.
Für die Stiftung ist der Rahmen dabei eng abgesteckt. Ihre Hauptaufgabe hängt mit den „Ewigkeitslasten“ des Steinkohlebergbaus zusammen – darunter fallen etwa Kostenblöcke wie das Abpumpen von Grubenwasser. 288 Millionen Euro wandte die Stiftung im vergangenen Jahr dafür auf, und aus der Evonik-Dividende flossen 200 Millionen Euro in ihre Kasse. Gleichzeitig ist das Stiftungskapital mit 16,5 Milliarden Euro groß genug, um als Investor aufzutreten, aber nicht so groß, dass sich die Abhängigkeit vom Chemiekonzern ohne Übergangslösungen einfach abschneiden ließe. Bernd Tönjes, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, formulierte im Kontext der Finanzierung auch eine Erwartung an „solide Investments“; wörtlich sagte er: „Die Stiftung braucht dafür vor allem solide Investments mit Wachstumschancen.“
Die Gemengelage wird dadurch noch komplexer, dass Tönjes nicht nur Stiftungsvorstandsvorsitzender ist, sondern zugleich Aufsichtsratschef bei Evonik. Diese Doppelfunktion erklärt, warum im aktuellen Poker nicht nur Wirtschaftlichkeitsfragen, sondern auch Treue- und Aufsichtspflichten eine Rolle spielen. Auf der Evonik-Seite hatte die Ablehnung der BASF-Offerte zudem signalisiert, dass der Vorstand lieber den eigenen Strategie-Mix aus Wachstums- und Sparprojekten fortsetzen will, während gleichzeitig weitere Stellen abgebaut werden sollen. Dass Evonik-Chef Christian Kullmann derzeit schwer erkrankt ist und ausfällt, legt zudem nahe, dass die interne Steuerung gerade besonders stark über das verbleibende Management und die Aufsicht abgefedert werden muss. In der Praxis könnte das die Stiftung sogar doppelt betreffen: Sie muss entscheiden, wie sie die Stabilität des Konzerns wahrt, ohne ihre langfristige Finanzierungslast aus dem Blick zu verlieren.
Besonders pikanter als die Personalüberschneidung wirkt jedoch die Rolle der Gewerkschaft. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, sitzt im Kuratorium der RAG-Stiftung und überwacht damit den Vorstand. Gleichzeitig ist er als Aufsichtsratsmitglied bei BASF vertreten – also bei dem Konzern, der Evonik übernehmen will. Nach den Angaben aus dem Umfeld der Beteiligten habe Vassiliadis den Interessenkonflikt im BASF-Aufsichtsrat offengelegt, sodass er dort beim Fusionsthema nicht mehr mitentscheiden soll. Parallel kommt die politische Ebene hinzu: Im Kuratorium haben Vertreter der NRW-Landespolitik großen Einfluss, darunter NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sowie als Vorsitzender Armin Laschet (CDU), der derzeit Bundestagsabgeordneter ist. Damit entsteht ein Entscheidungsraum, in dem gleichzeitig Eigentümerinteressen, sozialpolitische Verantwortung und industriepolitische Zielbilder aufeinandertreffen.
Konkreter wird die Lage, wenn die Stiftung vor drei möglichen Pfaden steht. Im ersten Szenario weist die RAG-Stiftung BASF ab. Sie ist laut Darstellung weiterhin darauf aus, eine Minderheitsbeteiligung von 25,1 Prozent an Evonik zu halten, um Einfluss im Ruhrgebietskonzern zu sichern. Wirtschaftlich sind dafür Übergangsmechanismen vorbereitet: Die Stiftung nennt drei Schuldverschreibungen, deren Umtausch in Evonik-Aktien zwischen 2028 und 2030 möglich wäre. Gleichzeitig steht im Hintergrund die Frage, ob das Stiftungskapital im Fall einer Ablehnung schneller in alternative Ertragsquellen umgeschichtet werden kann, ohne die planbare Finanzierung der Bergbaufolgeaufgaben zu riskieren. Das zweite Szenario wäre, dass die Stiftung das BASF-Geld nimmt – und dann klärt, wie sie Erträge künftig vergleichbar zu Dividendeneinnahmen ersetzt. Im Umfeld wird dafür der Maßstab „gleicher und sicherer Ertrag“ genannt. Kritisch ist dabei, dass die Stiftung in der Vergangenheit nicht nur Gewinne, sondern auch Fehlentwicklungen erlebte; Prüfungen legten unter anderem Abschreibungen auf ein Investment im Immobilienumfeld offen, während das Portfolio auch Beteiligungen über eine Investmentgesellschaft wie RSBG umfasst.
Das dritte Szenario zielt nicht auf einen reinen Barverkauf, sondern auf einen Aktientausch: BASF könnte dem Großaktionär von Evonik Aktien anbieten. Für die Stiftung würde das bedeuten, dass sie nach aktuellen Daten rund zehn Prozent an BASF hält und damit als bedeutender Anteilseigner Einfluss ausüben könnte. Die Darstellung knüpft daran auch eine Dividendenlogik: Bei Zugrundelegung der Ausschüttungssumme für 2025 würde die RAG-Stiftung so ungefähr 200 Millionen Euro erzielen – in etwa jener Größenordnung, die zuletzt aus Evonik-Dividenden in die Stiftung floss. Gleichzeitig wäre der Preis des Deals aus Sicht vieler Beteiligter nicht nur finanziell, sondern strukturell: In dem Fall würden Synergien ins Spiel kommen, die typischerweise auch Restrukturierung nach sich ziehen. Die Gewerkschaften haben bereits betont, dass bei Fusionen Restrukturierungs- und Personalabbauprogramme nicht „überdreht“ werden dürften, was vor allem für die Umsetzung in den nächsten Quartalen entscheidend werden dürfte.
Unterm Strich ist der Übernahme-Poker deshalb weniger ein Schachzug einzelner Vorstände als ein Aushandeln zwischen Eigentumsrechten, Aufsichtsgremien und gesellschaftlichen Erwartungen. Die RAG-Stiftung muss dabei nicht nur die unmittelbare Offerte bewerten, sondern auch den mittelfristigen Investitionspfad: Von Private-Equity-Fonds als künftiger Investorenlogik bis hin zur Frage, wie sich „Ewigkeitslasten“ dauerhaft finanzieren lassen, ohne die Handlungsfähigkeit des Portfolios zu verlieren. Für die Chemiebranche bleibt das Signal ebenfalls deutlich: Ob und wie sich europäische Konzerne gegen asiatische und amerikanische Wettbewerber positionieren, hängt künftig nicht nur an Produktportfolios und Produktionsstandorten, sondern an der Architektur von Beteiligungen und Entscheidungsrechten. Genau deshalb wird die Antwort der Stiftung – ob ablehnend, kaufend oder im Aktientausch – die nächsten Schritte von BASF und Evonik stärker determinieren als viele kurzfristige Marktgerüchte.
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