HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Hamburg und Schleswig-Holstein wollen ihre Stromnetze besser verzahnen und dafür eine gemeinsame Arbeitsgruppe einsetzen. Hintergrund ist der Zielkonflikt aus wachsendem Erneuerbaren-Ausbau im Norden und dem Bedarf einer Großstadt, der über bestehende Netze bislang nur unzureichend bedient werden kann. Bürgermeister Peter Tschentscher warnt, die aktuelle Lage werde zum Risiko für Energiewende und Klimaschutz in Hamburg. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther fordert parallel eine Planungsperspektive für Unternehmen und Bürgerwindparks sowie mehr Augenmerk auf den Strombedarf, der eher steigt als fällt.

Hamburg und Schleswig-Holstein starten gemeinsame Arbeitsgruppe für Netzausbau
Hamburg und Schleswig-Holstein starten gemeinsame Arbeitsgruppe für Netzausbau (Foto: IT BOLTWISE)
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Hamburg und Schleswig-Holstein setzen beim Netzausbau nicht auf ein bloßes „Weiter so“, sondern auf Koordination auf Arbeitsebene: In einer gemeinsamen Kabinettssitzung im Hamburger Rathaus haben beide Länder eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die die Verflechtungen ihrer Stromnetze gezielt ausbauen soll. Die Grundlogik ist technisch simpel, politisch jedoch anspruchsvoll: Schleswig-Holstein produziert immer mehr erneuerbaren Strom, während Hamburg als größerer Verbraucher das zusätzliche Angebot nutzen möchte. Dass dies bislang nur mangelhaft gelingt, liegt nicht an fehlenden Anlagen, sondern an der bestehenden Netzinfrastruktur und damit an der Frage, wie viel Leistung wann und wo tatsächlich transportiert werden kann.

Technisch betrachtet geht es dabei um das Zusammenspiel mehrerer Netzebenen und Akteure. Erneuerbarer Strom fällt regional unterschiedlich an, schwankt wetterbedingt und trifft in der Praxis auf Netzgebiete, die nicht in gleichem Tempo ausgebaut wurden. Wenn Erzeugung und Verbrauch nicht zeitlich und räumlich zusammenpassen, entstehen Engpässe in der Übertragung und Verteilung; die Folge sind Lastflüsse, die sich nicht optimal steuern lassen, sowie Maßnahmen, die im schlimmsten Fall den Betrieb bestimmter Einspeisungen bremsen. Genau diese Lücke adressiert die neue Arbeitsgruppe: Sie soll Synergien und Netzeffizienz erhöhen und die Transportfähigkeit so weit verbessern, dass der hohe Bedarf der Metropole mit dem Energiereichtum des Flächenlands zusammengebracht werden kann.

Damit wird zugleich sichtbar, wie sehr die Energiewende inzwischen zu einer Systemtechnik-Aufgabe geworden ist. Der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) stellt das Risiko in einen politischen Kontext: Die aktuelle Lage sei aus seiner Sicht ein Risiko für die Energiewende und für den Klimaschutz in Hamburg. Er richtet sich dabei auch an Bundesebene und die Netzbetreiber sowie den Bund: Auf den Vorschlag, „Übertragungsnetzbetreiber, Metropolen und die großen Industriestandorte an einen Tisch zu bringen“, gebe es nach seinen Angaben weiterhin keine Antwort. Das ist mehr als Rhetorik, denn für die Planung von Leitungen, Umspannwerken und notwendigen Genehmigungs- und Koordinationsschritten ist eine klare Abstimmung entscheidend, sonst geraten Zeitpläne auseinander – und dann leidet am Ende nicht nur die Versorgung, sondern auch die Investitionssicherheit.

Schleswig-Holstein liefert derweil eine zweite Perspektive auf die technischen Rahmenbedingungen. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) betont, erneuerbare Energien müssten weiterhin „Vorfahrt“ haben, stellt aber gleichzeitig nüchtern in den Raum, dass der Strombedarf in den kommenden Jahren eher steigen als sinken werde. Für die Umsetzung bedeutet das: Wer Netze nur nach dem heutigen Lastprofil auslegt, unterschätzt den künftigen Transport- und Integrationsbedarf. Günther nennt außerdem Übergangstechnologien und Neuregelungen als Teil der Debatte, fordert aber ausdrücklich eine vernünftige Planungsperspektive für mittelständische Unternehmen und Bürgerwindparks. Sein Hinweis, es müsse „ein bisschen was verändert“ werden, damit kein „Fadenriss“ entsteht, zielt damit auf die typische Schwachstelle großer Infrastrukturprogramme: Regeln, die kurzfristig angepasst werden, können langfristige Geschäfts- und Investitionsentscheidungen erschweren.

Ein zentrales Verhandlungsfeld ist darüber hinaus die Frage, wie Strom an den Märkten bepreist wird. Hamburg und Schleswig-Holstein halten an der Idee einer gemeinsamen Strompreiszone Nord zusammen mit Skandinavien fest. Tschentscher argumentiert dabei mit Marktlogik und Synergien im Sinne der Energiewende: Eine solche Preiszone könne marktgerechter sein und dabei helfen, regionale Erzeugung stärker vor Ort nutzbar zu machen. Dass diese Sicht nicht nur politisch, sondern auch wettbewerblich anschlussfähig ist, versucht die Landespolitik über den Verweis auf die Europäische Kommission zu untermauern, die ebenfalls auf Wettbewerb setzt. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen technischer Netzplanung und marktseitigen Anreizen: Selbst wenn Leitungen gebaut werden, müssen Preis- und Marktmechanismen so ausgestaltet sein, dass sie Investitionen in Erzeugung, Netze und Flexibilität robust belohnen.

Auch die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein hat das Thema aufgegriffen: Sie hatte zuletzt eine gemeinsame Stromzone für Schleswig-Holstein und Hamburg mit Westdänemark vorgeschlagen. Aus Sicht der Kammer würden sich damit günstigere Bedingungen für wirtschaftliche Produktion und Vermarktung regional erzeugten Stroms ergeben, der stärker vor Ort genutzt werden könne. Günther greift diese Argumentation auf und verweist darauf, dass Deutschland in den Bereichen Strommarkt und Preislogik „zunehmendes Ärgernis“ auf europäischer Ebene auslöse: Die skandinavischen Länder fänden es offenbar nicht attraktiv, wenn ganz Deutschland einen einheitlichen Strompreis habe. Das ist ein Hinweis darauf, dass sich die Debatte inzwischen über nationale Grenzen hinweg verlagert hat – dorthin, wo Leitungsprojekte, Strombörsen und Handelsströme ohnehin gemeinsam funktionieren müssen.

Konkreter wird die Wirkung einer Einheitsstromzone, wenn man sie als Kosten- und Akzeptanzmechanismus betrachtet. Günther erläutert, dass es in der Vergangenheit vielfach Widerstand gegen zusätzliche Windparks „vor der Haustür“ gegeben habe. Seine Gegenargumentation ist provokant und zugleich sehr praxisnah: Wenn Anlagenbetreiber und Nachbarschaft wüssten, dass eine zusätzliche Windkraftanlage dazu führen kann, dass weniger bezahlt werden muss und nicht teilweise mehr, könnte sich die Akzeptanz verändern. Genau solche Effekte sind für die Energiewende entscheidend, weil Genehmigungen und Akzeptanz nicht nur von technischen Kennzahlen abhängen, sondern auch davon, ob die Lasten und Nutzen der Energiewende als fair wahrgenommen werden.

Für Unternehmen, Netzbetreiber und Kommunen ergibt sich daraus ein klarer Aufgabenmix. Auf der technischen Seite wird die gemeinsame Arbeitsgruppe vor allem die Koordination verbessern müssen: etwa bei der Abstimmung von Ausbaustrategien, bei der Harmonisierung von Zeitplänen und bei der Vermeidung von Engpassplanungen „auf Sicht“. Auf der Marktseite wird parallel zu prüfen sein, ob eine Strompreiszone Nord tatsächlich die gewünschte Kopplung von Erzeugung und Nutzung stärkt und welche Nebeneffekte sich für Regionen ergeben, die nicht in gleichem Maß profitieren. Entscheidend ist zudem, dass die in Hamburg und Schleswig-Holstein genannten Ziele – Netzeffizienz, Synergien, Planungsperspektive – nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wenn Netzausbau, Marktregeln und Investitionssicherheit zusammenkommen, steigt die Chance, dass die Energiewende nicht nur schneller, sondern auch verlässlicher abläuft.


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