LONDON (IT BOLTWISE) – 2026 steuert Deutschland laut Berechnungen auf rund 560 Millionen Retourenpakete zu. Das entspricht einer Steigerung gegenüber den etwa 550 Millionen Paketen im Vorjahr. Als Treiber gelten ein anhaltendes Wachstum im Onlinehandel und eine Retourenquote von nahezu jedem vierten Paket. Zusätzlich erhöhen Smartphone-Apps den Impuls zum schnellen Kaufen, was die Rücksendekosten für Händler weiter unter Druck setzt.

Im Onlinehandel werden Retouren zunehmend zum Kostentreiber, weil sich die Bestell- und Kaufgewohnheiten schneller ändern, als viele Händler ihre Logistik und Prozesse darauf ausrichten. Für 2026 geht ein Retourenforscher der Universität Bamberg davon aus, dass Kundinnen und Kunden in Deutschland voraussichtlich 560 Millionen Pakete zurückschicken. Verglichen mit dem Vorjahr (550 Millionen Pakete) deutet das auf eine klare Dynamik hin, bei der nicht nur mehr Bestellungen anfallen, sondern das Rücksendevolumen mitwächst. Die zentrale Frage für Unternehmen lautet damit nicht mehr nur „Wie viele Retouren“, sondern „Wie lassen sich diese Retouren so analysieren und steuern, dass der Margendruck sinkt“.
Technisch betrachtet entsteht das Problem in der Schnittstelle zwischen Frontend-Erlebnis und operativer Abwicklung. Laut den Berechnungen liegt die Retourenquote bei nahezu jedem vierte online bestellte Paket, und sie könnte noch weiter steigen: Immer mehr Menschen kaufen demnach über Smartphone-Apps ein und seltener am Computer. Der Hintergrund ist in der Quelle nachvollziehbar beschrieben: Auf Smartphone-Apps werde schneller gekauft, weil vor dem Klick auf den Bestellbutton weniger Informationen konsumiert würden. Gerade diese Verkürzung der Entscheidungsstrecke ist relevant, denn sie beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, dass Produkte nach Erhalt nicht passen oder schlicht nicht den Erwartungen entsprechen.
Hinzu kommt, dass kostenlose Rücksendungen die ökonomische Struktur verschieben. Besonders häufig betroffen ist Kleidung: Über 80 Prozent der retournierten Pakete und rund 90 Prozent der retournierten Artikel entfallen demnach auf das Modesegment. Wenn Händler Retouren teilweise oder vollständig kostenlos anbieten, werden die Kosten in vielen Fällen nicht „einzeln“ bezahlt, sondern auf den Warenkorb aller Kundinnen und Kunden umgelegt. Die Quelle verweist zudem auf Kostenverteilungen: Etwa 20 Prozent der Händler haben pro Rücksendung Ausgaben von mehr als 10 Euro. Größter Kostenblock ist dabei der Rücktransport, der in einer Untersuchung des Handelsforschungsinstituts EHI etwa zwei Drittel der Retourenkosten ausmacht.
Während traditionelle Ansätze wie bessere Produktbilder, Größen- und Passformangaben oder optimierte Warenwirtschaft weiter wichtig bleiben, rückt KI-gestütztes Retourenmanagement stärker in den Vordergrund. Knapp jeder zehnte befragte Händler experimentiert laut EHI inzwischen mit KI-gestützten Lösungen, um Retouren besser zu analysieren. Die KI kommt demnach zwar im Retourenmanagement an, bleibt aber vorerst häufig ein Pilotprojekt und wird noch nicht breit operativ eingesetzt. Der Grund liegt in der praktischen Umsetzung: Retouren sind nicht nur ein logistisches Ereignis, sondern entstehen aus einer Kette aus Erwartungen, Produktdetails, Entscheidungskontext und Lieferprozessen, die sich erst mit ausreichend Daten verlässlich modellieren lassen.
Für die Hersteller- und Händlerseite bedeutet das auch einen Wechsel von „Reaktion“ zu „Vorhersage“. Wenn KI frühzeitig Muster erkennt, etwa welche Produktkategorie, Größenkombination oder Kundeninteraktion besonders häufig zu Rücksendungen führt, kann das in Richtung gezielterer Empfehlungen, präziserer Produktberatung oder besserer Sortiments- und Lagereinstellungen wirken. Gleichzeitig bleiben die operative Realität und die Datenlage ein Engpass: Pilotprojekte scheitern oft nicht an der Modellidee, sondern an der Frage, wie sich die Ergebnisse in bestehende Systeme wie Shop-Logik, CRM-Prozesse und Retouren-Workflows integrieren lassen, ohne dass zusätzliche Komplexität entsteht. Genau hier entscheidet sich, ob aus Experimenten echte Skalierung wird.
Auch der Markt wird dadurch härter. Je mehr Unternehmen ihre Rücksendungen als Service anbieten, desto stärker wirken die Kosten in die Preisgestaltung und damit in Wettbewerbspositionen hinein. Da Smartphone-Apps den Kauf beschleunigen und damit tendenziell den Rücksendeanlass erhöhen, steigt der Bedarf an intelligenten Steuerungsmechanismen besonders dort, wo die Conversion schnell und ohne lange Informationsphasen entsteht. Die nächste Stufe ist für viele Händler daher weniger „mehr KI“, sondern der Aufbau belastbarer Datengrundlagen und die Integration von KI in operative Routinen – vom Versand bis zur Bewertung zurückgesendeter Ware. Wenn diese Linie gelingt, lassen sich Retouren nicht nur verwalten, sondern wirtschaftlich eingrenzen.
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