LONDON (IT BOLTWISE) – Unternehmen in Deutschland geben laut Ifo höhere Energiepreise zunehmend an ihre Kunden weiter. Die Ifo-Preiserwartungen sind im September auf 22,7 Punkte gestiegen, nach 21,4 im August. Für die kommenden Monate rechnen die Konjunkturforscher mit einer Inflationsrate von über 3 Prozent. Hintergrund sind vor allem kräftig angezogene Rohölpreise nach der Blockade der Meerenge Bab al-Mandab.

Die Preissetzungsmacht im deutschen Mittelstand und in den Konzernen wirkt derzeit stärker als noch im Sommer: Das Ifo-Institut meldet, dass Unternehmen höhere Energiepreise zunehmend in den Verkaufspreisen spiegeln. Damit rückt der klassische Mechanismus des „Energiepreis-Pass-Through“ wieder in den Fokus, also die Übertragung von Kostensteigerungen über mehrere Monate hinweg in die Inflation. Für Entscheider ist dabei weniger die einzelne Prozentzahl relevant als die Richtung: Wenn sich Preiserwartungen breit und sichtbar nach oben bewegen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Teuerungserwartungen auch in Verträgen, Preislisten und Einkaufslogiken verfestigen.
Die Ifo-Preiserwartungen kletterten im September auf 22,7 Punkte, nachdem sie im August bei 21,4 gelegen hatten. Besonders auffällig ist die Differenzierung nach Branchen: Energieintensive Industrieunternehmen planen deutlich häufiger mit steigenden Preisen, ihr Indikator stieg auf 24,8 Punkte (gegenüber 19,5 im Vormonat). Bei nicht-energieintensiven Unternehmen erhöhte sich der Wert auf 20,4 Punkte, nach 19,2. Diese Staffelung ist für die Praxis ein Hinweis darauf, dass Energiekosten nicht nur als „einmaliger Schock“ durchschlagen, sondern je nach Kostenstruktur unterschiedlich schnell in die Preisbildung wandern.
Ein weiterer Belastungsfaktor kommt aus dem Rohstoff- und Handelskanal: Nach der Blockade der Meerenge Bab al-Mandab hätten die Rohölpreise erneut deutlich angezogen. Parallel dazu hätten Erdgas- und Strompreise Mitte September den höchsten Stand seit Ende 2022 erreicht. Genau hier schließt die Begründung des Ifo zusammen: „Sprit und Heizöl haben sich bereits spürbar verteuert, im Winter dürften die Energieversorger die Preise für Strom und Gas anheben. Gleichzeitig wird der Preisdruck bei vielen Waren und Dienstleistungen weiter zunehmen“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Der Satz trifft einen wichtigen Punkt für die Unternehmenssteuerung: Selbst wenn einzelne Sparten (etwa Kraftstoffe) bereits teurer werden, entsteht häufig ein zweiter Wirkungsschritt über Versorgerpreise und die dortigen Vorlauf- und Beschaffungszyklen.
Auch im Handel sieht das Ifo-Institut eine spürbare Verschiebung: Der Indikator für die Preiserwartungen stieg auf 35,6 Punkte (von 30,0). Das ist ungewöhnlich hoch im Vergleich zu vielen anderen Sektoren, weil Händler Energie nicht nur direkt, sondern auch indirekt über Logistik, Kühlketten, Mieten und betriebswirtschaftliche Energieintensität spüren. Interessant ist daneben das Gegenbild bei den Dienstleistern: Dort planen sie seltener mit steigenden Preisen, der Wert sank auf 19,8 Punkte, nach 20,9. Für die Marktanalyse bedeutet das: Nicht jede Wertschöpfungsstufe „zieht automatisch mit“, und die Teuerung wird sich voraussichtlich ungleich über die Konsumsegmente und Dienstleistungsbereiche verteilen.
In Summe sieht das Ifo eine Inflationsrate, die in den kommenden Monaten auf über 3 Prozent klettern dürfte. Entscheidend ist dabei, dass Preiserwartungen nicht nur ein Stimmungsbarometer sind, sondern oft als Frühindikator dafür dienen, wann Unternehmen Preisänderungen in Umlauf bringen und wie schnell sie Einkaufs- und Kontraktrisiken in ihren Angeboten abbilden. Historisch zeigt sich bei Energiepreisschocks häufig ein Muster: Erst steigen einzelne Energieträger, dann ziehen Großhandelspreise nach, anschließend folgen Endkundenpreise und schließlich wirken die Kosten über Lieferketten und Konsumnachfrage auf die „Breite“ der Inflation. Das Ifo-Statement legt nahe, dass diese Kette aktuell wieder anspringt.
Für Unternehmen stellt sich damit vor allem eine operative Frage: Wie schnell lassen sich Preisänderungen durchsetzen, ohne Nachfrageeinbrüche oder Wettbewerbsverluste auszulösen? Energieintensive Industrien haben oft weniger Spielraum, weil ihre Grenzkosten stark von Strom- und Gaspreisen abhängen; entsprechend höher ist der Preisdruck, den sie intern melden. Im Handel kommen zusätzlich kurze Preiszyklen hinzu, während Dienstleister häufiger in längeren Leistungs- und Vertragszyklen stecken und deshalb seltener mit sofortigen Preiserhöhungen planen. Das bedeutet nicht, dass Teuerung dort ausbleibt, aber die Dynamik dürfte zeitlich versetzt sein und damit auch die Planungsarbeit im Controlling beeinflussen.
Branchenübergreifend steigt damit der Bedarf an sauberer Transparenz über Energiebeschaffung, Hedging-Strategien und Preisformeln. Denn wenn die Rohöl- und Strom-/Gas-Komponenten weiterhin hoch bleiben oder erneut anziehen, kann die Wirkung über mehrere Monate bestehen bleiben, selbst wenn sich die Schlagzeilen beruhigen. Für die nächsten Quartale wird außerdem relevant sein, ob sich die Preiserwartungen auch in weiteren Wirtschaftsbereichen festigen oder ob einzelne Sektoren wegen Nachfrageelastizität gegensteuern. Klar ist: Die Ifo-Daten signalisieren einen weiteren Schritt weg von der Phase reiner Kostenschwankung hin zu einer breiteren Preisanpassung an der Kundenseite.
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