BAD HOMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Recyclinganteil von Rezyklat in PET-Getränkeflaschen liegt laut einer Studie im vergangenen Jahr bei rund 58 Prozent. Das sind etwa sieben Prozentpunkte mehr als 2023 und deutlich über der EU-Mindestvorgabe von 25 Prozent. Der Anstieg wird unter anderem mit verbesserten CO2-Bilanzen begründet, zugleich warnen Umweltschützer vor einem anhaltenden Einweg-Trend. Im Mittelpunkt steht damit die Frage, wie viel Mehrweg tatsächlich noch gewinnt.

Bei handelsüblichen Plastikflaschen verschiebt sich die Bilanz: Der Anteil von Rezyklat, also wiederverwertetem Kunststoff, im PET von Getränkeflaschen ist in den letzten Jahren spürbar gestiegen. Für Deutschland nennt eine Studie der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) im vergangenen Jahr einen Wert von rund 58 Prozent. Das entspricht einer Zunahme um etwa sieben Prozentpunkte gegenüber 2023 und ist auch im Zeitverlauf auffällig: 2019 lag der Rezyklatanteil noch bei rund 34 Prozent, 2021 bei 45 Prozent. Damit übertrifft die Branche nicht nur die EU-Mindestvorgabe von 25 Prozent, sondern signalisiert zugleich, dass die für 2030 geplante Verschärfung auf 30 Prozent laut den vorliegenden Zahlen absehbar erreichbar sein dürfte.
Technisch betrachtet geht es bei PET um einen klaren Materialkreislauf: Das Kürzel PET steht für Polyethylenterephthalat, das in Einweg- und Mehrweg-Getränkeflaschen genutzt wird. Bei Einweg-Pfandflaschen mit 25 Cent Pfand werden die zurückgenommenen Flaschen nach der Rücknahme geschreddert; das dabei entstehende Material fließt anschließend in die Herstellung neuer PET-Flaschen. Mehrwegflaschen mit in Deutschland üblicherweise 15 Cent Pfand folgen dagegen einem anderen Pfad: Sie werden nach der Rücknahme erneut befüllt und dadurch funktional so häufig genutzt, bis sie nicht mehr im Kreislauf bleiben. Damit steht der Vergleich zwischen Rezyklat-Strategie (stoffliches Recycling) und Mehrweg-Prinzip (mehrfache Nutzung) im Kern der Diskussion.
Aus Marktsicht liefert die Industrie ein wiederkehrendes Argument: Der Anstieg des Rezyklat-Anteils wird laut der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) unter anderem mit der Verbesserung der CO2-Bilanz begründet, die Unternehmen für ihre Produkte anstreben. Hinter dieser Logik steckt ein praktischer Betriebsmodus für Verpackungshersteller und Abfüller: Rezyklat kann den Bedarf an neuem Rohstoff reduzieren und damit Emissionen senken, sofern die Lieferkette für wiederverwertetes PET stabil genug ist und die Materialqualität die Anforderungen im Produktionsprozess erfüllt. Die IK bezieht sich dabei auch auf die Rolle der industriellen Basis vor Ort. Isabell Schmidt von der IK bringt es mit Blick auf die Studie so auf den Punkt: „Wirksame Umweltpolitik braucht eine starke industrielle Basis im Land“. Und ergänzt sinngemäß in der Debatte den politischen Rahmen: „Kreislaufwirtschaft entsteht nicht allein durch gesetzliche Vorgaben.“
Die Umweltseite ordnet die Entwicklung jedoch anders ein. Viola Wohlgemuth von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) erkennt ausdrücklich an, dass der steigende Rezyklatanteil bei PET den Bedarf an Erdöl für neues Plastik verringere. Gleichzeitig kritisiert sie, PET sei in diesem Kontext lediglich „Vorzeige-Plastik“ und stehe nicht für den gesamten Plastikkonsum. Genau hier setzt die Sorge an: Wenn sich der Fokus zu stark auf den Rezyklatanteil verengt, könnten strukturelle Probleme im System übersehen werden. Wohlgemuth argumentiert außerdem, der Trend gehe weg von Mehrweg: „Ihr Anteil bei Getränken liegt bei nur 34,5 Prozent und Einweg-Plastikflaschen sind weiterhin marktdominant, obwohl im Verpackungsgesetz 70 Prozent Mehrweg vorgegeben sind“, sagt sie. Entscheidend ist aus ihrer Sicht auch die Energieperspektive beim Recycling: Das Plastik von Einwegflaschen werde wieder eingeschmolzen und neu verarbeitet, dafür brauche es „viel Energie“.
Für die Bewertung der Umweltwirkung ist dieser Punkt zentral, weil er unterschiedliche Endpunkte der Kreislauflogik beschreibt. Besser als PET-Einwegflaschen seien demnach PET-Mehrwegflaschen, die etwa 25 Umläufe schaffen, bevor die Flaschen aus dem Mehrwegsystem herausgenommen werden. Glas-Pfandflaschen können sogar bis zu 50 Umläufe erreichen, bevor sie eingeschmolzen werden müssen. Die Zahlen zeigen: Mehrweg zielt stärker auf vermeidbare Neubedarfe ab, während Rezyklat einen wiederholten Materialdurchlauf über Recyclinganlagen darstellt. Aus dieser Abwägung leitet Wohlgemuth eine klare Schlussfolgerung ab: „Wir können uns nicht aus der Plastikkrise heraus recyclen: Die Zukunft muss Mehrweg heiße[n], damit wir unsere Ressourcen- und Klimaziele einhalten können.“
Für Unternehmen bedeutet das vor allem eine Verschiebung in der strategischen Gewichtung. Wenn der Rezyklatanteil bei PET zwar steigt, bleibt die Systemfrage, ob gleichzeitig auch die Nutzungsmuster in Richtung Mehrweg nachziehen. Hersteller und Abfüller können den eigenen CO2-Fußabdruck zwar durch Rezyklatanteile verbessern, müssen aber parallel sicherstellen, dass Produktdesign, Logistik und Rücknahmeprozesse so funktionieren, dass Mehrweg tatsächlich skaliert. Branchenpraktisch heißt das: Die Entscheidung fällt nicht nur bei Materialbeschaffung und Rezepturen, sondern auch bei der Ausgestaltung der Pfand- und Rücknahmeströme. Im Wettbewerb könnten sich diejenigen Anbieter differenzieren, die beides zusammenbringen – steigende Rezyklatquoten im Materialmix und gleichzeitig den Mehrweganteil so weit erhöhen, dass die Klimabilanz nicht nur rechnerisch, sondern in der Gesamtbilanz belastbar besser ausfällt.
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