FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Große börsennotierte Konzerne in DACH halten zwar an der Zusammenarbeit mit Startups fest, bündeln aber ihre Programme. Laut Valantic sinkt die Zahl betreuungsintensiver Formate deutlich: Inkubatoren verlieren 32%, Acceleratoren 25%. Gleichzeitig steigt der Fokus auf finanzielle Beteiligungen und auf Modelle, bei denen Konzerne als frühe Kunden auftreten. Neue Beispiele reichen von BASFs eingestelltem Chemovator bis zu BMWs Umstellung von Urban-X auf zusätzliche Fonds.

Die Startup-Zusammenarbeit großer Konzerne wirkt auf den ersten Blick stabil, allerdings verschiebt sich die Mischung spürbar. Von 130 betrachteten Unternehmen in DAX, MDAX, ATX und SMI hatten 61 mindestens ein öffentlich kommuniziertes Programm für externe Startups. Genau an dieser Stelle setzt der neue Startup- und Innovationsmonitor von Valantic an: Er erfasst nicht nur neue Initiativen, sondern auch bestehende Engagements zum jeweiligen Erhebungszeitpunkt – und kommt zu dem Ergebnis, dass die Konzerne zwar weiterhin Innovation einkaufen, aber den betreuungsintensiven Aufwand reduzieren wollen.
Technisch und organisatorisch bedeutet das vor allem eine Verschiebung von „Begleitung“ hin zu „Finanzierung“. Valantic beziffert den Rückgang bei Inkubatoren-Programmen, die junge Teams in frühen Phasen stützen, mit minus 32%. Acceleratoren, die Startups mit bereits entwickeltem Produkt über einen definierten Zeitraum per strukturiertem Mentoring und Netzwerkeinsatz voranbringen, verlieren sogar 25%. Insgesamt werden in Summe 114 unternehmenseigene Programme gezählt, das sind 13% weniger als im Vorjahr. Aus der Sicht von Valantic, wie Patricia Haas (Senior Consultant) es einordnet, trifft der Rückgang fast ausschließlich die betreuungsintensiven Formen; die Zahl der Fonds für finanzielle Beteiligungen nimmt dagegen zu.
Diese Logik ist in der Praxis auch deshalb attraktiv, weil sie andersartige Ressourcen bindet. Ein Inkubator oder Accelerator verlangt typischerweise laufende Betreuung, enge Abstimmung im Tagesgeschäft und ein für Startups nutzbares Ökosystem – etwa über Mentoren, Workshops und konkrete Entwicklungszyklen. Kapitalbeteiligungen dagegen lassen sich häufig stärker in bestehende Investment- und Portfolio-Strukturen integrieren, die ohnehin auf Genehmigungen, Reportings und Risikoklassen ausgelegt sind. Konkrete Beispiele aus dem Report zeigen, wie Konzerne die Programme umstellen: BASF hat seinen 2018 eingerichteten Inkubator „Chemovator“ im vergangenen Juli eingestellt und die Beteiligungen an BASF Venture Capital übertragen. Auch die BMW Group beendet das Accelerator-Programm „Urban-X“ und legt stattdessen im April mit BMW i Ventures einen dritten Investitionsfonds über 300 Mill. Dollar auf.
Gleichzeitig steckt in solchen Umstellungen selten nur eine strategische Entscheidung, sondern auch ein internes Timing-Problem. Haas verweist darauf, dass Konzerne am Aufwand sparen, aber nicht zwingend am Kapital – allerdings greifen interne Budget- und Genehmigungszyklen, bevor Programme eingestellt oder neu aufgelegt werden können. Dazu kommt: In dem Monitor seien die jüngsten geopolitischen Verwerfungen noch nicht vollständig abgebildet. Damit bleibt offen, ob der wirtschaftliche Druck, der aktuell auf einzelnen Geschäftsbereichen lastet, in den nächsten Quartalen auch bei Venture-Capital-Einheiten spürbar wird. Der Report selbst erhebt übrigens keine Summe, wie viel Geld konkret in Startup-Engagements fließt; als Einordnung lässt sich aber heranziehen, wie groß der globale Corporate-Venture-Capital-Markt 2024 laut CB Insights war: 65,9 Mrd. Dollar, ein Plus von 20%, getragen durch eine hohe Nachfrage nach KI-Unternehmen.
Unterm Strich spricht Valantic gegen ein generelles „Venture-Abschalten“. Haas sieht keinen grundsätzlichen Rückgang der Startup-Engagements: Viele Unternehmen führen mindestens ein Programm, im DAX sind es rund drei Viertel. Allerdings sinkt die Programmdichte pro Unternehmen im Schnitt von 2,5 auf 1,9 Formate. Daneben nimmt ein spezielles Engagement-Modell zu: Venture Clienting. Dabei agieren etablierte Unternehmen als erste Kunden eines Startups und sichern sich bei Erfolg Zugriff auf dessen fertiges Produkt – statt primär in Mentoring und Inkubation zu investieren. Im Report werden dafür mehrere Beispiele genannt: Die BMW Group verfolgt den Ansatz mit „Startup Garage“, Audi mit „Startup Connect“ und die DHL Group mit „Warehouse of Innovation“.
Auch Kooperationen unter mehreren Konzernen bleiben ein Thema, wenn auch mit einer kleinen Dämpfung. Die Zahl gemeinsamer Kooperationsprogramme geht leicht um 3% zurück. Zu den größeren Verbünden im deutschsprachigen Raum zählen etwa der Verbund „X Accelerator“ mit acht beteiligten ATX-Unternehmen, „Switzerland Innovation“ mit neun SMI-Unternehmen sowie in Deutschland das Zentrum UnternehmerTUM, in dem 14 Unternehmen aus DAX und MDAX neben weiteren Akteuren engagiert sind. Ergänzend nennt der Monitor die Innovationsplattform „Plug and Play“ mit 17 beteiligten Unternehmen über alle vier Indizes hinweg. Aktivster DAX-Konzern ist SAP mit neun Programmen, BASF ist in sieben Programmen aktiv, und die Allianz sowie Infineon sind jeweils in sechs Initiativen vertreten. Dass Porsche als MDAX-Absteiger zwei Corporate-Venture-Einheiten (Porsche Ventures und Forward31) sowie acht Kooperationsformate führt, zeigt schließlich: Die Community bleibt groß – aber die Form, in der Konzerne investieren, wird zunehmend „effizienter“ und weniger betreuungsgetrieben.
Für Unternehmen mit KI- und Produktentwicklung in der Linie von mehreren Tochter- oder Beteiligungsstrategien bedeutet diese Entwicklung vor allem eins: Beteiligungs- und Kundenmodelle werden stärker zu Bausteinen der Innovationsarchitektur. Wer Startups einbindet, kann künftig weniger über die Anzahl von Programmen argumentieren, sondern über Passung und Umsetzungsfähigkeit – etwa über Investmentlogik, beschleunigte Pilotzugänge oder klare Erfolgsmetriken im Venture Clienting. Der Monitor liefert damit keine verlässliche Prognose über das absolute Budget, aber ein klares Muster: Programme werden verschlankt, Betreuung reduziert, und finanzielle Beteiligungen rücken in den Vordergrund. Sobald die nächsten Report-Ausgaben die späteren Budget- und Genehmigungszyklen spiegeln, dürfte sich zeigen, ob der Trend dauerhaft bleibt oder in Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit wieder stärker in Richtung selektiver, kurzlaufender Formate kippt.
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