BAGDAD / LONDON (IT BOLTWISE) – Die letzten US-Truppen der Anti-IS-Koalition verlassen den Irak von der Victoria Base am Bagdad International Airport. Der Abzug war jedoch schon länger ein Thema: Absprachen reichen bis in die Zeit um 2026 zurück, während weitere Evakuierungen zeitlich mit Eskalationen im Iran-Umfeld zusammenfielen. In der politischen Debatte geht es darum, ob der Iran dadurch gestärkt wird – oder ob im Irak vor allem interne Machtlogiken wirken. Unklar bleibt, wie stark die neue Regierung tatsächlich Einfluss auf bewaffnete Gruppen nehmen kann, ohne neue Konflikte auszulösen.

US-Abzug aus dem Irak: Stärkt das den Iran wirklich?
US-Abzug aus dem Irak: Stärkt das den Iran wirklich? (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Abzug der letzten US-Truppen aus dem Irak markiert weniger eine plötzliche Zäsur als das Ende einer langen Aushandlung. Laut Darstellung startete ein Teil der Evakuierungen bereits deutlich vor der später genannten Frist vom 30. September 2026 – und zwar in einer Phase, in der sich die regionale Sicherheit durch Angriffe im Umfeld des Iran spürbar verdichtete. Am Standort Victoria Base am Bagdad International Airport, wo die Einheiten der globalen Koalition gegen den „Islamic State“ (IS) stationiert waren, wird damit ein Kapitel abgeschlossen, das seit der US-Entscheidung, im Irak Präsenz zu halten, immer wieder neu kalibriert wurde. Für die politische Bewertung ist entscheidend: Wenn Sicherheitsdruck und Rückzugstermine zusammenfallen, wirkt das wie ein Signal – doch ob dieses Signal tatsächlich Einfluss auf Machtverschiebungen hat, hängt im Irak an viel mehr als an der Frage „USA bleiben oder gehen“.

Um die Logik „US-Abzug stärkt den Iran“ sauber einzuordnen, lohnt sich der Blick auf die zeitliche Linie der politischen Entscheidungen. In den Jahren vor der endgültigen Exit-Frist wurden mehrere Weichen gestellt: Schon im Umfeld von 2020 soll US-Präsident Donald Trump seinem damaligen Gesprächspartner, dem irakischen Premier Mustafa al-Kadhimi, sinngemäß vor Augen geführt haben, dass die Entsendung von Truppen ursprünglich ein „major mistake“ gewesen sei. Zwei Jahre später führte der irakische Prozess dann zu einem Verhandlungspaket mit der International Coalition, das einen Fahrplan vorsah, die Truppen bis Ende September 2026 zu beenden. Dieser Termin tauchte später auch im Regierungsprogramm von Ali al-Zaidi auf, also in dem Rahmen, der die Erwartungen an die neue irakische Führung prägt. Damit wird klar: Der Abzug war nicht nur außenpolitische Druckmaßnahme, sondern wurde innerirakisch als politischer Fixpunkt vorbereitet.

Technisch betrachtet ist das Zusammenspiel von US- und iranischer Einflussnahme im Irak vor allem eine Frage von „Kontrollpunkten“: Wer kann Personalentscheidungen, Sicherheitszusagen und die Finanzierung politischer Bündnisse steuern? In der Darstellung wird beschrieben, dass die USA unter früheren Regierungen teils bewusst zurücktraten, was dem Iran Spielraum eröffnete, seine Kontakte in irakischen politischen Akteuren zu vertiefen. Besonders relevant sind dabei bewaffnete Formationen, die faktisch Handlungsfähigkeit besitzen, auch wenn ihre politische Einbindung formal anders aussehen mag. Genau an dieser Stelle wird der Unterschied zwischen Militärpräsenz und politischer Gestaltung sichtbar: Der Abzug reduziert zwar einen äußeren Einflussfaktor, eliminiert aber nicht automatisch jene Netzwerke, die bereits über Jahre entstanden sind. 2014 veränderte sich die US-Rolle erneut – unter dem Druck der IS-Eroberungen wurden Truppen in den Irak redeployt, diesmal mit dem Fokus auf die Terrorgruppe. Spätestens bis 2025 wird zudem geschildert, dass Washington Kandidaturen politisch beeinflusste, etwa indem es sich gegen Nouri al-Maliki in einem Kontext positionierte, der als iranseitig geprägt galt.

Für al-Zaidi und seine Regierung wird die Lage besonders anspruchsvoll, weil die „Entwaffnung“ bewaffneter Gruppen nicht nur eine Sicherheitsfrage ist, sondern ein politisches Tauschangebot. Die Quelle beschreibt, dass US-Seite dem irakischen Premier eine Frist bis zum 30. September gab, um entsprechende Schritte umzusetzen. Gleichzeitig soll al-Zaidi eine Verlängerung bzw. zusätzliche Zeit erhalten haben: Es wird von einem sechsmonatigen Aufschub bis Juni 2027 berichtet, während parallel keine entsprechende Klarstellung auf US-Außenminister-Ebene erwähnt wird. Noch spannender wird es, weil die innerirakische Verhandlungsebene bereits läuft: Führungskräfte des Coordination Framework und weitere bewaffnete Gruppen hätten Gespräche mit al-Zaidi geführt und Entwaffnung gegen politische Positionen in Aussicht gestellt. Doch die entscheidende Bremse liegt offenbar weiterhin in Washingtons Einfluss auf die Zusammensetzung des Kabinetts. Damit entsteht ein Bild, in dem der Abzug als Ergebnis einer Vereinbarung erscheint, während die Umsetzung politischer Hebel weiter stark vom US-Einfluss abhängt.

Ob dieser Hebel den Iran stärkt, ist deshalb nicht als Automatismus zu lesen. Die Quelle argumentiert, dass der Austausch zwischen den Seiten im Irak von komplexen, gegenseitigen Interessen gesteuert wird – insbesondere von der Verteilung staatlicher Ressourcen und den Formeln, nach denen politische Deals geschlossen werden. Das ist ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft unterbelichtet bleibt, weil sich Narrative lieber an sichtbaren Bewegungen festmachen: „Truppen gehen“, „Einfluss wächst“. Aber im Irak wirkt die innere Logik wie ein Filter: Selbst wenn externe Kapazitäten abnehmen, bleibt das interne Gleichgewicht bestehen, solange die Akteure ihre Schnittstellen behalten können. Deshalb wird auch betont, dass der US-Abzug nicht der entscheidende Faktor war, warum kein umfassender innerer bewaffneter Konflikt ausbrach. Entscheidend seien die bestehenden Mechanismen, die alle Seiten binden und dazu drängen, Konfliktkosten zu minimieren.

Gleichzeitig bleibt die Entwaffnungsfrage der Stresspunkt, an dem sich narrative Lager scheiden. Nach dem beschriebenen Verlauf wird deutlich, dass al-Zaidi zwar mit einer härteren Rhetorik gegen den iranischen Einfluss antrat und die Entwaffnung irakischer Milizen versprach, während Teheran parallel eine Druckkampagne verstärkte. Als der 30. September passierte, ohne dass substanzielle Bewegung bei den Waffen erkennbar war, spricht das in der Darstellung gegen die These, dass ein reiner Zeitplan automatisch zu Sicherheitsreformen führt. Für Kritiker iranischer Präsenz kann das im Ergebnis bedeuten: Der US-Abzug wird als Vorteil für Teheran interpretiert. Für die sicherheitspolitische Praxis ist die Lage aber eher „zwischenzeitlich“: Wenn Entwaffnung in politischen Deals eingebettet wird, kann sie hinausgezögert oder selektiv umgesetzt werden. Dann verschiebt sich der Wettbewerb vom offenen Feld in Richtung Postenverhandlungen, Koalitionsarchitektur und informelle Zusagen.

Für Entscheidungsträger im Irak und externe Partner folgt daraus ein nüchterner Auftrag: Wer Einfluss gewinnen will, muss weniger über reine Truppenstärke sprechen, sondern über die Konstruktionsprinzipien der politischen Ordnung. Wenn die Quelle beschreibt, dass breite Teile der irakischen Bevölkerung schiitisch sind und religiöse sowie politische Nähe zum Iran besitzen, ist das keine Garantie für identische Interessen, aber ein Erklärungsanker dafür, warum Washingtons Druck, den Einfluss „zu kappen oder zumindest zu beschränken“, sehr teuer werden kann. Der eigentliche Hebel liegt dann in der Fähigkeit, Entwaffnung, Sicherheitsgarantien und Ressourcenverteilung so zu koppeln, dass rivalisierende Gruppen keinen Anlass sehen, das Gleichgewicht zu sprengen. Genau hier könnte die nächste Phase bis Juni 2027 zeigen, ob al-Zaidi mehr ist als ein Koordinator zwischen externen Erwartungen, oder ob er tatsächlich die inneren Kontrollpunkte verschieben kann. Der US-Abzug ist dafür nicht automatisch ein Verstärker für den Iran, aber er reduziert den äußeren Puffer – und erhöht damit den Druck auf die irakische Innenpolitik, ihre Versprechen bis zur nächsten überprüfbaren Etappe einzulösen.


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