BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutschen Startup-Gründungen haben im ersten Halbjahr 2026 klar angezogen: 3.053 Neugründungen bedeuten 52 % mehr als im zweiten Halbjahr 2025. Neben Berlin und München rücken Hochschulstandorte wie Aachen, Potsdam und Heidelberg deutlich in den Vordergrund. Besonders Brandenburg setzt darauf, regionale Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kapital gezielt zu verbinden. Ein Beispiel ist der Reaktor Wildau, der mit der „Startup-Landpartie“ Teams zu Gastgebern in der Region bringt statt nur lokale Netze zu bündeln.

Startup-Landpartie: Warum Gründung in Brandenburg breiter wird
Startup-Landpartie: Warum Gründung in Brandenburg breiter wird (Foto: IT BOLTWISE)
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Berlin und München bleiben Fixpunkte der deutschen Startup-Landschaft. Die Dynamik zeigt im zweiten Jahr in Folge aber ein anderes Muster: Startups entstehen nicht nur in den Metropolen, sondern zunehmend dort, wo Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen näher beieinander liegen. Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Deutschland 3.053 Startups gegründet; das entspricht laut den vorliegenden Angaben einem Plus von 52 % gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025. Auffällig ist dabei nicht nur die Gesamtsumme, sondern die Verteilung: In allen 16 Bundesländern stiegen die Gründungszahlen.

Berlin blieb mit 429 neuen Startups zwar die gründungsstärkste Stadt, wuchs jedoch mit 21 % spürbar langsamer als der Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig tauchen bei den Gründungen pro Kopf mehrere Hochschulstandorte weit oben auf – neben München, Berlin und Hamburg etwa Aachen, Potsdam und Heidelberg. Das passt zu einem weiteren Befund aus dem Deutschen Startup Monitor 2026: Bei 59 % der befragten Startups basiert das Produkt direkt oder indirekt auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Zudem nennen 51 % der Gründerinnen und Gründer Unterstützungsleistungen von Hochschulen oder Forschungseinrichtungen als Teil ihres Wegs; 70 % von ihnen bewerten diese Unterstützung als wichtig oder sehr wichtig.

Damit verschiebt sich die Frage von „Wer hat das größte Ökosystem?“ zu „Wie entstehen Verbindungen zwischen Ökosystemen?“ Genau diese Logik macht Brandenburg strategisch interessant. Das Bundesland umschließt Berlin, besitzt aber zugleich eigene Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Industriecluster und eine mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft. Die Herausforderung besteht folglich nicht nur darin, weitere Startups hervorzubringen, sondern vorhandene Standorte besser miteinander – und mit Berlin – zu vernetzen. Brandenburg baut dafür seit einigen Jahren gezielt Infrastruktur auf, darunter neue Startup-Zentren, die Gründungen als Acceleratoren unterstützen und stärker mit Hochschulen, Wirtschaft und Investoren zusammenbringen sollen.

Ein zentraler Baustein ist der Reaktor Wildau südöstlich von Berlin. Der Accelerator richtet sich vor allem an Startups aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Energie und Mobilität und sitzt in unmittelbarer Nähe zur Technischen Hochschule Wildau. In der Praxis arbeitet das Format mit eigenen Startup-Batches, versteht sich aber zunehmend als Knotenpunkt zwischen Gründern, Wissenschaft, etablierten Unternehmen und Kapitalgebern. Zugleich zeigt ein einzelnes Zentrum eine typische Grenze: Ein Netzwerk in Wildau bleibt zunächst ein Netzwerk in Wildau. Aus genau diesem Engpass entstand die Idee der „Startup-Landpartie“, die nicht darauf wartet, dass Teams aus dem ganzen Land anreisen, sondern mitreisende Akteure zu Gastgebern führt.

Die Landpartie funktioniert dabei nicht als klassische Tournee, bei der ein Accelerator sein Portfolio an verschiedenen Orten präsentiert. Mindestens genauso wichtig ist, wer am Zielort bereits gründet, forscht, investiert oder Unternehmen führt. So wird das Format eher zu einer Art Feldforschung im eigenen Ökosystem: Welche Community gibt es etwa in Brandenburg an der Havel? Was entsteht in Neuruppin? Und welche Akteure aus Wildau, Potsdam oder Berlin kennen die regionalen Initiativen dort noch nicht? Die bisherigen Stationen zeigen, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen. In Neuruppin fand die Landpartie im März statt, Gastgeber war das Quartier 20 – mit Startup-Pitches vor Investoren sowie paralleler Arbeit an Finanzierung, Accelerator-Ansätzen und dem regionalen Gründungsnetzwerk. In der Region existiert mit der „Schule der Löwen“ außerdem ein Gründerwettbewerb, der Schülerinnen und Schüler mit regionalen Unternehmen und erfahrenen Gründern zusammenbringt.

Auch das Setting in der zweiten Station zielte darauf, das Ökosystem nicht nur im Konferenzraum zu erklären: „Pitch am Beach“ am Zeuthener See verband Startup-Pitches mit einem Förder- und Innovationsmarktplatz. Der Ansatz wirkt bewusst gegen ein Standardmuster aus Bühne, Panel, Pitch und anschließender Networking-Phase, weil gerade im Berliner Umland die Alltagsrealität die künstlichen Grenzen überblendet: Berlin und Brandenburg entsprechen im Alltag vieler Gründer, Beschäftigter und Unternehmen ohnehin nicht strikt den Grenzen ihrer Netzwerke. Im Juli ging die Landpartie weiter nach Brandenburg an der Havel, erneut mit Blick darauf, was bereits vorhanden ist – etwa das HavelValley-Umfeld, den Coworking-Space HavelSpace und die Technische Hochschule Brandenburg. Als Veranstaltungsort diente der Dom zu Brandenburg, ein historischer Ort, an dem Brandenburg und Berlin bereits über Jahrhunderte verbunden waren.

Im Oktober kommt mit Frankfurt (Oder) eine neue Dimension hinzu. Auf einer Europa-Karte verschiebt sich die Perspektive entlang einer Achse, die von Berlin über Frankfurt (Oder) und weiter bis nach Słubice, Poznań und Warszawa lesbar wird. Diese Route steht weniger für eine Transitstrecke als für einen grenzüberschreitenden Startup-Korridor, der in der deutschen Startup-Debatte bislang vergleichsweise wenig sichtbar war. Dahinter liegt auch die Erkenntnis: Internationalisierung muss für ein Brandenburger Startup nicht zwingend mit London oder dem Silicon Valley beginnen. Poznań liegt näher, und für polnische Startups ist die Hauptstadtregion nach Angaben der vorliegenden Daten direkt hinter der Grenze als Einstieg in den deutschen Markt relevant.

Neben dem Kennenlernen adressiert die Initiative ein zweites, oft unterschätztes Problem regionaler Ökosysteme: Kontakte entstehen auf Events schneller als tragfähige Kapitalbeziehungen. Deshalb ergänzt der Reaktor Wildau die Landpartie um eine zweite Maßnahme – das Brandenburg Investors Network (BIN), das im September bei der FUSION 2026 gestartet wurde. Das BIN soll Startups mit aktiven und künftigen Business Angels sowie weiteren Akteuren des Ökosystems zusammenbringen. Besonders interessant ist dabei die Aktivierung von Unternehmerinnen und Unternehmern, die bislang noch nicht als Business Angels aktiv sind: Gerade außerhalb klassischer VC-Zentren gibt es Menschen mit Kapital, Branchenwissen und Netzwerken, die für Startups mindestens genauso relevant sein können wie institutionelle Investoren. Entscheidend wird sein, ob sich aus den Landpartie-Verbindungen dauerhafte Kooperations- und Investitionspfade ergeben – denn die spannendste Messgröße ist nicht, wie viele Pitches stattfinden, sondern welche Verbindungen künftig dauerhaft fehlen, wenn einzelne Regionen wieder nur für sich bleiben.

Die Landpartie soll 2027 fortgesetzt werden: Nach Neuruppin, Zeuthener See, Brandenburg an der Havel und Frankfurt (Oder) sucht der Reaktor Wildau weitere Gastgeber. Gesucht sind dabei nicht nur etablierte Startup-Standorte, sondern Orte, an denen bereits etwas entstanden ist, das über die eigene Region hinaus wenig sichtbar war – etwa Hochschulausgründungen, eine aktive Gründercommunity, ein Industriecluster, ein Technologiezentrum, ein Mittelstandsnetzwerk oder eine weitere Grenzregion. Die Grundidee dahinter lautet: Nicht jede Stadt muss Berlin werden. Entscheidend ist vielmehr, wie unterschiedliche Stärken so miteinander verbunden werden, dass ein regionales Ökosystem praktisch nutzbar wird – für Teams, Talente, Forschung, Unternehmen und Investoren.


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