LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zur Sozialpsychologie zeigt, dass Künstliche Intelligenz hier nicht im Fokus steht, sondern die Wirkung von Sprache. Unbegründete antisemitische Aussagen werden von politischen Liberalen deutlich abgelehnt, doch bestimmte linke Rechtfertigungen mildern die Reaktion spürbar. In Online-Experimenten beurteilten Teilnehmende die Sprecher als politisch näher und weniger grundsätzlich „bigott“, wenn die Aussagen als Menschenrechtskritik oder als Abgrenzung zum israelbezogenen Krieg gerahmt waren. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wann moralisch verpackte Vorurteile im Alltag weniger Widerspruch auslösen.

Studie zeigt: Linke Rechtfertigungen machen Antisemitismus gesellschaftlich „akzeptabler“
Studie zeigt: Linke Rechtfertigungen machen Antisemitismus gesellschaftlich „akzeptabler“ (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Ergebnisse einer sozialpsychologischen Studie drehen die Perspektive auf eine Mechanik, die im politischen Alltag oft unsichtbar bleibt: Nicht nur die Vorurteile selbst, sondern die Rechtfertigung kann darüber entscheiden, wie stark Außenstehende eine Person sozial sanktionieren. Die Untersuchung, veröffentlicht in American Psychologist, beschreibt, dass politische Liberale zwar eine klare Abneigung gegen prejudiced Personen haben, aber Antisemitismus dann deutlich weniger negativ bewerten, wenn die antisemitischen Aussagen mit bestimmten Argumenten aus dem liberalen Wertekanon verknüpft sind. Die Autorinnen und Autoren rahmen die Rechtfertigungen als „soziale Signale“: Sie machen für die Zielgruppe erkennbar, dass der Sprecher möglicherweise Teil des eigenen politischen Lagers ist und nicht pauschal „gegen alle“ wütet.

Historisch ordnet sich das Ergebnis in eine breitere Forschungslinie ein, die Vorurteile als etwas untersucht, das Menschen im Alltag selten nackt äußern. In vielen sozialen Situationen würden Diskriminierungen nicht einfach nur behauptet, sondern mit Begründungen versehen, um sie als rational, moralisch legitim oder zumindest „problemnah“ erscheinen zu lassen. Im konkreten Kontext ordnet die Studie antisemitische Einstellungen von einer speziellen Nachbarschaft ab: Antisemitismus und die Kritik an Israel sind verwandt, aber nicht identisch. Andere Arbeiten, die im Rahmen der Veröffentlichung diskutiert werden, unterscheiden etwa zwischen der Verbindung antisemitischer Einstellungen mit Unterstützung für politische Gewalt und der deutlich anderen Rolle von Israel-Kritik, die eher mit legalem Aktivismus verknüpft sein soll als mit Gewaltbereitschaft.

Ein weiterer Punkt, der der Studie als Hintergrundfolie dient, ist die politische und gesellschaftliche Dynamik rund um den Israel-Hamas-Krieg ab Oktober 2023. Laut den im Text wiedergegebenen Zahlen stieg die Quote von Hassdelikten gegen jüdische Menschen in den USA von 11% aller Hassdelikte im Jahr vor dem Krieg auf 27% im Jahr danach. Vor diesem Hintergrund wirkt der Kernbefund besonders widersprüchlich: Wenn Liberale sich traditionell als besonders sensibel für Minderheitenschutz und gegen Diskriminierung verhalten, warum werden dann ausgerechnet rechtfertigte Formen von Vorurteilen leichter toleriert? Die Autorengruppe setzt hier an und testet die Annahme, dass bestimmte moralische oder politische Verpackungen die wahrgenommene Zugehörigkeit zum „eigenen Lager“ verstärken und damit die soziale Bewertung abschwächen.

Um diese Frage zu prüfen, führt das Forschungsteam drei preregistrierte Online-Experimente durch, die zwischen Oktober und Dezember 2024 mit insgesamt 979 Teilnehmenden in den USA liefen. Die Rekrutierung erfolgte über Prolific; dabei wurden die Stichproben nach Alter, Geschlecht, Ethnie und politischer Parteizugehörigkeit an die US-Bevölkerung angeglichen. In der Auswertung modellierten die Forschenden politische Positionen als kontinuierliche Skala von 0 (extrem liberal) bis 100 (extrem konservativ) und berechneten Effekte sowohl für eher liberale Werte um 17 bis 18 als auch für eher konservative Werte um 79 bis 81. Experiment 1 ließ 270 Personen Profile bewerten, in denen Vorurteile gegen jüdische Menschen, Schwarze Menschen oder muslimische Menschen entweder schlicht ausgesprochen oder jeweils durch eine „gesellschaftlich gängige“ Rechtfertigung gerahmt wurden. Für Antisemitismus war diese Rechtfertigung eine starke Missbilligung Israels und dessen Krieg in Gaza; für anti-Schwarze Vorurteile diente ein Glaube an Kriminalitätsraten als Argument; bei anti-muslimischen Profilen ging es um Annahmen über kollidierende kulturelle Werte.

Die Auswertung macht einen Unterschied zwischen „ohne Rechtfertigung“ und „mit liberalem Framing“ deutlich: Ohne Begründung mochten liberale Teilnehmende alle prejudiced Figuren stärker weniger als konservative. Sobald die anti-jüdische Abwertung jedoch durch die Missbilligung des israelbezogenen Kriegs gerechtfertigt wurde, stieg die Bewertung der Sprecher bei Liberalen um 1,1 Punkte auf einer 7-stufigen Skala. Bei Konservativen zeigte diese spezielle Rechtfertigung keinen vergleichbaren Effekt. Für Rechtfertigungen bei anti-Schwarzen- und anti-Muslim-Profilen fand das Team hingegen keinen analogen Zuwachs der Sympathie. Entscheidend ist dabei die Einordnung: Der Effekt bedeute nicht, dass die Teilnehmenden Antisemitismus plötzlich akzeptieren; vielmehr verschiebt die Rechtfertigung die relative soziale Strafe. Selbst wenn die Ziele insgesamt meist deutlich abgelehnt wurden, wirkten die Sprecher im liberalen Experimentrahmen für die Beobachtenden weniger „bedrohlich“ für die eigene politische Koalition.

Experiment 2 erweitert den Kreis der Zielgruppen auf jüdische, schwarze, muslimische, chinesische und russische Amerikaner und testet Rechtfertigungen, die explizit entweder an liberalen Werten (zum Beispiel Anklagen von Menschenrechtsverletzungen des Herkunftslandes) oder an konservativen Werten (zum Beispiel die Behauptung, die jeweilige Gruppe gefährde traditionelle US-Werte) andocken. Auch hier blieb die Grundlinie: Liberale lehnten prejudiced Profile stark ab, wenn keine Rechtfertigung vorlag. Mit Menschenrechtsargumenten beurteilten sie die Sprecher jedoch insgesamt positiver, etwa um eine halbe bis ganze Punktzahl gegenüber der unbegründeten Variante. Konservative wiederum mochten bestimmte Figuren ebenfalls eher, etwa bei Vorurteilen gegen muslimische und chinesische Amerikaner. Der Effekt war folglich nicht rein „links gegen rechts“, sondern vor allem an die spezifische Kombination aus Zielgruppe und moralischem Framing gebunden.

Damit das Bild nicht auf Antisemitismus verengt bleibt, untersucht Experiment 3 ausschließlich anti-jüdische Vorurteile, dafür aber mit einem breiteren Spektrum an Rechtfertigungsarten. Dazu gehörten erneut die Missbilligung Israels, Verschwörungsnarrative über jüdische Macht und Einfluss sowie historische und religiöse Deutungen wie die Annahme genetischer Minderwertigkeit oder Schuldzuweisungen religiöser Art. In den unbegründeten Profilen bleibt die Ablehnung durch liberale Teilnehmende stärker als bei konservativen. Werden Vorurteile über eine Israelkritik oder durch Verschwörungsbehauptungen gerechtfertigt, sinkt die negative soziale Sanktion gegenüber der unbegründeten Variante. Allerdings zeigen die Autoren auch Grenzen: Bei der getrennten Betrachtung von Liberalen und Konservativen erreichen nicht alle Effekte die volle statistische Sicherheit, und die Ergebnisse seien daher vorsichtig zu interpretieren. Gleichzeitig macht der Text klar, dass nicht jede Art moralischer „Verpackung“ gleich wirkt: Genetische Minderwertigkeits-Behauptungen führten zwar zu weniger Wohlwollen, aber sie erhöhten zudem die Wahrscheinlichkeit, dass die Sprecher als „bigot“ wahrgenommen werden.

Aus der Mechanik leiten die Forschenden zwei Prozesse ab, die die beobachteten Bewertungsunterschiede statistisch erklären: erstens Ingroup-Favoritismus, also das Signal „der Sprecher gehört eher zu uns“, und zweitens das Inferenzmuster, dass ein Fokus auf Menschenrechte weniger allgemein bigott sei. Damit wird eine zentrale Verschiebung sichtbar: Rechtfertigungen können die Wahrnehmung des Risikos für die politische Koalition verändern, selbst wenn die Zielgruppe weiterhin insgesamt ablehnend bleibt. Für die Praxis heißt das: Anti-Diskriminierungsarbeit kann nicht nur nach „dem Vorurteil“ suchen, sondern muss auch auf die sprachliche Verpackung achten, die Vorurteile als moralisch erwünschte Position erscheinen lässt. Die Autorinnen und Autoren regen außerdem an, zukünftige Studien stärker darauf auszurichten zu prüfen, ob Menschen sich überhaupt bewusst sind, dass sie durch Rechtfertigungen moralische Lizenzierungsmuster mittragen, und welche Interventionen konsistente moralische Standards fördern können.


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