BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Naturally Naughty startete mit einem Ingwer-Spray und Massageöl in Folge 1 der 20. Staffel der „Höhle der Löwen“ auf der Bühne. Gründer Ingwer Sörensen verlangte 75.000 Euro für 10 Prozent der Firmenanteile. Ein Deal kam nicht zustande, weil die Investoren die Zahlen und die Vermarktung als nicht überzeugend einordneten. Wie sich die Marke seit dem TV-Auftritt entwickelt hat, zeigt die aktuelle Verfügbarkeit im eigenen Shop.

Die „Höhle der Löwen“-Bühne ist für Startups selten nur ein Show-Act, sondern ein harter Stresstest für Angebot, Timing und Kapitallogik. Naturally Naughty, in Berlin aufgebaut, trat in Folge 1 der 20. Staffel mit einem Produkt an, das bewusst auf ein einziges Natur-Argument setzt: Ingwer. Im Pitch zeigte Gründer Ingwer Sörensen ein aphrodisierendes Ingwer-Spray, verlangte dafür aber nicht „irgendeine“ Summe, sondern 75.000 Euro für 10 Prozent der Firmenanteile. Damit stand die Finanzierungsthematik sofort im Zentrum – und genau an dieser Stelle trennten sich in der Sendung die Wege.
Technisch und konzeptionell ist das Angebot klar abgegrenzt: Naturally Naughty verkauft zwei Produkte für den Intimbereich, beide auf Ingwerbasis. Neben dem 30-ml-Spray gibt es ein 50-ml-Massageöl; auf der Unternehmensseite wird das als erste Produktserie für Sexual Wellness auf Ingwerbasis positioniert. Die Marke arbeitet nach eigenen Angaben mit Entwicklungspartnern wie Apothekern und Fachleuten aus dem Tantra- und BDSM-Umfeld. Laut Hersteller enthält das Spray einen hochdosierten Auszug aus 30 Gramm frischem Bio-Ingwer je Flasche, ergänzt um Birkenzucker sowie Brombeerblattextrakt. Eine Wirkungsstudie legt das Unternehmen nicht vor; stattdessen verweist es auf eine eigene Anwenderbefragung, nach der 85 Prozent den Effekt bestätigt haben – eine Zahl, die in der Berichterstattung als nicht unabhängig geprüft eingeordnet wurde.
Über die Chemie hinaus ist auch die Markenarchitektur ungewöhnlich direkt: Micaela Schäfer trat als Botschafterin auf und führte im Pitch den Titel „Chief Orgasm Officer“. Das ist weniger ein wissenschaftliches Argument als vielmehr ein Reichweitenhebel in einem Segment, in dem klassische Werbung laut Sendekontext nur eingeschränkt funktioniert. Im Hintergrund stehen zudem mehrere Personen in Rollen entlang der Wertschöpfung: Ingwer Sörensen verantwortet Produkt und Geschäftsentwicklung, Ina Neumann Strategie und Betrieb, Steffen Schwab Marke und Marketing. Damit folgt das Startup keinem reinen „One-Man-Show“-Muster, sondern versucht offenbar, die Vermarktung parallel zur Produktarbeit zu skalieren.
Finanziell blieb der Abend jedoch ohne Ergebnis. In der Sendung saßen Judith Williams, Janna Ensthaler, Ralf Dümmel, Frank Thelen und Andreas Herb; alle fünf lehnten ab. Frank Thelen wird dabei mit den Worten „Das ist ja katastrophal.“ zitiert. Laut der nachgelagerten Einordnung wurden die Absagen vor allem mit zu niedrigen Umsätzen, einer zu starken Nischenposition sowie mit einer verwirrenden oder nicht eindeutig genug kommunizierten Vermarktungsbotschaft begründet. Der Kernkonflikt war rechnerisch schnell sichtbar: Wenn 75.000 Euro für 10 Prozent gefordert werden, impliziert das eine Bewertung von 750.000 Euro. Bei einem Jahresumsatz im fünfstelligen Bereich entsteht daraus für klassische Konsumgüter ohne Patentschutz ein Erwartungsdruck, der sich in der Frage nach dem „Erklärungsbedarf“ verdichtet.
Dass der Pitch scheiterte, heißt allerdings nicht, dass die Produkte verschwunden sind. Seit dem Auftritt sind Spray und Massageöl weiterhin im eigenen Onlineshop verfügbar; zudem nennt der Kontext Vertrieb über Messen und Boutiquen. Eine nachträgliche große Veränderung wie eine Preiserhöhung oder ein neues Produkt wird für den Zeitraum seit dem 7. September nicht belegt. Preislich liegt der Einstieg laut Stand Oktober 2026 bei 23,00 Euro für 30 ml Spray und 26,00 Euro für 50 ml Massageöl; als Set werden 39,99 Euro verlangt, also knapp günstiger als der Einzelkauf. Interessant ist dabei weniger die Preisschiene an sich, sondern die Frage, über welche Kanäle skaliert wird: Genau dort, wo „Drogerie-Regal + Handelsfläche“ typischerweise die Reichweite liefert, ist die Kategorie häufig schwerer zugänglich. Übrig bleibt der Onlineweg – und damit die Konkurrenz durch große Plattformen und deren Eigenmarken.
Für die Einschätzung „Hat Naturally Naughty Potenzial?“ liefern die Fakten ein gemischtes Bild. Pro sprechen die Schärfe der Positionierung und die Merkbarkeit des Ansatzes: Ein Naturprodukt konsequent durchzuziehen macht Kommunikation einfacher, und der Preis wirkt eher wie ein Spontankauf als wie ein beratungsintensives Konsumgut. Auch der Kundenzugang spielt mit: Der Onlinehandel startet leicht, weil der Shop direkt erreichbar ist, und die Produktion steht auf Augenhöhe mit der Produktgröße. Dagegen stehen Skalierungsbarrieren aus Vertriebs- und Wettbewerbslogik. Vier Jahre und ein fünfstelliger Jahresumsatz zeigen zwar Nachfrage über Nischenkanäle, aber der Sprung zu breiterem Absatz erfordert zusätzliche Investitionen in Reichweite – sei es über Apotheke/ähnliche Beratungsketten oder über internationale Expansion. Ohne unabhängige Wirksamkeitsdaten bleibt zudem ein Teil der technischen Glaubwürdigkeit offen, gerade wenn Investoren im Pitch besonders auf „belegbare Zahlen“ achten. Ob das Startup mit einer besseren Datenlage, einem klareren Go-to-Market oder einer stärkeren Kanalstrategie doch noch die Rolle eines „Deal-ready“-Anwärters erreicht, wird vor allem daran hängen, ob sich Bekanntheit schneller in messbare Wiederkaufsraten übersetzen lässt.
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