BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Angela Merkel füllt Monate nach ihrem Abschied wieder Bühnen, Buchlesungen und Ausstellungen. Ein Porträt im Berliner Bode-Museum wird bis zum 3. Januar verlängert, und bei Lesungen schildern Besucherinnen vor allem Ruhe, Sicherheit und Verlässlichkeit. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass die Nachfolger Olaf Scholz und Friedrich Merz in der Wahrnehmung nicht automatisch besser abschneiden. Das Spannungsfeld aus persönlichem Politikstil und härteren Rahmenbedingungen nach Merkels Amtszeit erklärt, warum die „Empörungsverweigerung“ heute noch zieht.

Angela Merkel wirkt nach, obwohl sie ihr Amt längst abgegeben hat. Im Berliner Bode-Museum verlängert sich die Präsentation ihres Kanzlerinnenporträts durch Jérémie Queyras überraschend, und die Begründung ist so banal wie aufschlussreich: Das Motiv zieht offenbar mehr Publikum an als geplant. Bereits diese Beobachtung macht klar, dass es hier nicht nur um Medienzirkus geht, sondern um eine konkrete, sichtbare Nachfrage nach einem bestimmten „Merkel-Bild“ – im Museum wie später auch im Saal bei Lesungen.
Technisch betrachtet ist „Merkelek“ allerdings kein messbarer Algorithmus, sondern ein Bündel aus wiederkehrenden Mustern, das sich in Erzählungen verdichtet. In den Berichten von Besucherinnen und Besuchern tauchen dabei immer wieder ähnliche Elemente auf: Sie verbinden Merkels Auftreten mit Ruhe, mit einem unaufgeregten Umgang mit Krisen und mit der Erfahrung, dass Entscheidungen „verständlich“ und „kontrolliert“ wirkten. Marlen Hannemann etwa sagt, sie habe Merkels Ton als Sicherheitsversprechen gelesen – gerade weil sie internationale Akteure wie Wladimir Putin „völlig unaufgeregt im Griff“ hatte, wie es in ihrer Schilderung heißt. Auch Annett Lührmann knüpft daran an: Fehler mache zwar jeder in einem Amt, doch Merkel habe „Corona und die Flüchtlingswelle“ gemeistert, und damit eine historische Leistung in die Gegenwart übertragen.
Gerade dieser Transfer erklärt, warum es nach dem Amtsende zu einer bemerkenswerten Dichte an Auftritten kommt: Im Februar erschien Merkel erstmals wieder beim CDU-Parteitag, die Gerüchteküche kochte zeitweise über eine mögliche Rückkehr in die Politik – und ihre Präsenz reichte zugleich in die Populärkultur, etwa über digitale Formate. Dazu kommt, dass ihre 736-seitige Autobiografie „Freiheit“ nach Angaben des Verlags weltweit mehr als eine Million Mal verkauft wurde, und dass Lesungen offenbar weiterhin stark nachgefragt sind. Der Effekt ist damit doppelbödig: Zum einen entsteht Nähe durch das Live-Erleben, zum anderen verstärkt das Buch als langfristiges, konsumierbares Medium den Eindruck von Persönlichkeit und Kontinuität.
Mit Blick auf die Nachfolger wird der Kontrast besonders scharf. Friedrich Merz, der einen deutlich anderen Kurs versprochen hatte, kämpft laut „Deutschlandtrend“ mit historisch schlechten Zufriedenheitswerten: 9 von 10 Befragten zeigen sich eher oder sehr unzufrieden. Zusätzlich verliert die Union in bundesweiten Umfragen den Abstand zur AfD deutlich. In diesem Klima wird auch die eigene CDU-Logik in Frage gestellt, denn viele verknüpfen „Merkel“ nicht automatisch mit einem besseren politischen Ergebnis, sondern mit einem plausibeleren Gefühl der Steuerbarkeit: Wenn die Welt komplexer, konfliktgeladener und medial schneller wird, wirkt ein ruhiger, unpolemischer Stil wie ein Gegenentwurf zu Daueraufregung.
Aus der Perspektive der Politikwissenschaft macht genau das den Kern der Debatte aus. Karl-Rudolf Korte, emeritierter Professor der Universität Duisburg-Essen, ordnet Merkels Wirkung als eine Art „Empörungsverweigerung“ ein: präidal-leutselig, überparteilich, unaufgeregt und ohne technokratische Sprache. Auch in den Stimmen aus der Union taucht ein ähnliches Argument auf: Merkel habe den Eindruck vermittelt, Krisen seien beherrschbar, während die heutigen Mehrheiten in Berlin knapper seien und die Stimmung hitziger. Natürlich ist diese Wirkung historisch gefärbt. Dennoch liefern Daten aus Erhebungen zusätzliche Anker: In einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur geben 48 Prozent von rund 2000 Befragten an, Merkel wäre besser als Merz geeignet, um die heutigen Probleme zu lösen; 29 Prozent sehen sie als genauso gut oder schlecht geeignet, nur 8 Prozent bewerten sie schlechter.
Damit rückt die eigentliche politische Frage näher: Geht es wirklich darum, dass Merkel „besser“ war, oder darum, dass die Gegenwart mehr emotionale Entlastung braucht? Umfrageinstitutsleiter Peter Matuschek verweist auf einen Vergleich, der die Nostalgie zwar nicht komplett entkräftet, aber begrenzt: Wenn man Merz mit Scholz vergleicht, sagt eine Mehrheit, Merz regiere nicht besser als sein Vorgänger. Bei Merkel fällt das Urteil dagegen noch deutlicher aus – wobei Matuschek zugleich einräumt, dass Nostalgie eine Rolle spielen kann. Für Unternehmen, Verbände und andere Organisationen, die Führung und Kommunikation steuern müssen, ist das bemerkenswert: Reputation entsteht nicht nur durch Entscheidungen, sondern auch durch die Tonalität, mit der Entscheidungen erklärt werden, und durch die wahrgenommene innere Stabilität im Krisenmodus.
Die wirtschafts- und gesellschaftspolitische Relevanz liegt schließlich in der Wechselwirkung aus Stil und Erwartung. Merkels „Maß und Mitte“ wird im Text als Basis demokratischer Parteien beschrieben – als Leitidee, die Verbindung statt Konfrontation betont. Wenn heute jedoch mit stärkerer Polarisierung, mehreren Konfliktherden und schärferen politischen Lagerkämpfen gerechnet werden muss, wird ein solcher Stil schnell zur Messlatte, an der sich andere messen lassen. Für die nächsten Zyklen bedeutet das: Wer politische Mehrheiten gewinnen will, muss nicht nur Inhalte liefern, sondern auch die kommunikative Geometrie stimmen – also wie Sicherheit vermittelt wird, wenn sich die Lage ständig verändert.
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