LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große internationale Bildgebungsstudie namens REACT zeigt, dass atherosklerotische Gefäßplaques bei vielen Menschen über Jahre unbemerkt wachsen. Untersucht wurden 16.808 Erwachsene ohne vorher diagnostizierte Herz-Kreislauf-Erkrankung. Bei den 18- bis 29-Jährigen war etwa 1 von 13 Betroffenen mit Plaques nachweisbar. Die Forschenden warnen zugleich, dass die hohe Nachweisrate nicht automatisch den Nutzen eines allgemeinen Screenings belegt.

Die REACT-Studie macht ein unbequemes Detail in der kardiovaskulären Prävention sichtbar: Atherosklerotische Ablagerungen bleiben bei vielen Menschen lange ohne spürbare Symptome. Während die klinische Praxis häufig erst bei akuten Ereignissen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall die Aufmerksamkeit schärft, zeigt die internationale Bildgebungsarbeit, dass sich Gefäßveränderungen bereits im „stillen“ Stadium etablieren können. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass Plaques häufiger vorkommen, sondern wie früh sie im Lebenslauf nachweisbar sind – und wie stark sich ihr Auftreten zwischen Altersgruppen und Geschlechtern unterscheidet.
Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie verbreitet Plaques in Bevölkerungsgruppen ohne bekannte Vorerkrankungen tatsächlich sind. Dafür erfassten die Forschenden im Rahmen von REACT insgesamt 16.808 Erwachsene im Alter von 18 bis 70 Jahren, bei denen zuvor keine Herz-Kreislauf-Erkrankung diagnostiziert war. Mit direkter Gefäßbildgebung konnten die Wissenschaftler bei 57,1 % der Teilnehmenden Arterienplaques nachweisen. Der Altersgradient ist dabei deutlich: In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen traf es etwa 1 von 13 Personen, während bei den 60- bis 70-Jährigen rund 9 von 10 Personen entsprechende Ablagerungen zeigten.
Auch die zeitliche Dynamik zwischen Männern und Frauen liefert zusätzliche Hinweise darauf, wie Präventionsstrategien künftig genauer zugeschnitten werden könnten. Laut den Ergebnissen entwickelten sich bei Männern typische Plaque-Muster etwa 5 bis 10 Jahre früher als bei Frauen. Umgekehrt zeigte sich bei Frauen im späteren Verlauf eine deutliche Beschleunigung: Besonders stark nahm die Häufigkeit der nachgewiesenen Gefäßveränderungen in der Altersspanne zwischen 40 und 60 Jahren zu. Technisch gesehen unterstreicht das den Charakter von Atherosklerose als schleichenden Prozess: Plaques lassen sich durch moderne Bildgebung häufig bereits Jahre oder Jahrzehnte vor dem Auftreten erster klinischer Symptome erkennen, selbst wenn noch keine klassische Diagnose gestellt wurde.
Für die Einordnung ist jedoch entscheidend, was die Studie nicht leistet. Trotz der hohen Nachweisquote mahnen die Forschenden zur Vorsicht bei der klinischen Interpretation: REACT belegt nach Angaben der Studienautoren nicht, dass ein allgemeines Screening tatsächlich Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindert. Der zentrale Punkt ist methodisch und prognostisch zugleich: Das Vorhandensein von Plaque allein sagt nicht zuverlässig voraus, ob später ein Ereignis eintritt. Plaque ist also nicht automatisch „das Endstadium“, sondern zunächst ein biologisches Korrelat, das in jedem Einzelfall unterschiedlich verlaufen kann.
Darüber hinaus betonen die Studienergebnisse den Stellenwert von Laborwerten als Ergänzung zur Bildgebung. Neben der Gefäßdiagnostik liefern Vitalstoff- beziehungsweise Blutparameter Hinweise auf den aktuellen Gesundheitszustand des Herz-Kreislauf-Systems. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn Bildgebung frühe Veränderungen sichtbar macht, entscheidet die Kombination aus Risikoprofil, Laborchemie und klinischem Kontext darüber, wie belastbar eine Präventionsentscheidung wird. Genau hier liegt die Herausforderung für Unternehmen, Medizintechnik-Anbieter und Gesundheitssysteme: Bildgebung kann Frühsignale liefern, aber die Weiterverarbeitung in konkrete Handlungswege erfordert belastbare Ergebnisdaten – etwa darüber, welche Interventionen bei bildgebend identifizierten Personen tatsächlich Ereignisse senken.
Auch aus Sicht der Gesundheitsversorgung ist die Debatte über Screening und Nutzen eng mit der Frage verknüpft, welche Folgeuntersuchungen Ereignisse wirklich verhindern. Für allgemeine Ultraschall- bzw. Screening-Ansätze ist bislang laut den Studienhinweisen kein messbarer klinischer Nutzen belegt, weshalb weitere klinische Studien als notwendig gelten. Entsprechend planen die Forschenden eine zweite Phase unter dem Namen REACT-PROTECT für den Zeitraum 2027 bis 2032, sofern die Finanzierung gesichert ist. Ziel ist es zu prüfen, ob eine durch Bildgebung geleitete Prävention kardiovaskuläre Ereignisse verhindert oder das Krankheitsrisiko reduziert – also ob aus dem „Frühsehen“ auch ein „Wirksamtun“ wird.
Parallel dazu soll die Validierung der REACT-Ergebnisse international ausgeweitet werden: Geplant ist eine Überprüfung der bisherigen Befunde in Zusammenarbeit mit Partnern in Indien, Singapur, Tansania und Mexiko. Der Mehrwert liegt dabei nicht nur in der geografischen Streuung, sondern in der Übertragbarkeit auf Populationen mit unterschiedlichen Basisrisiken, Versorgungsstrukturen und Lebensstilfaktoren. Für die technische und medizinische Entwicklung heißt das außerdem: Bildgebung und Auswertung müssen skalierbar sein, während gleichzeitig robuste Endpunkte benötigt werden. Wenn REACT-PROTECT tatsächlich zeigt, dass bildgeleitete Präventionspfade Ereignisse senken, könnte die Studie damit nicht nur die Epidemiologie von Plaques neu kalibrieren, sondern auch die Grundlage für präzisere, risikobasierte Entscheidungen in der frühen Prävention verbessern.
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