LONDON (IT BOLTWISE) – PIMCO-Mitgründer Bill Gross warnt vor einem aus dem Gleichgewicht geratenen Kreditmarkt und plädiert dafür, länger laufende Anleihen nicht zu halten. Stattdessen nennt er Ein-Jahres-Treasury Bills als Ausnahme, die aktuell bei 4,55% liegen. Er sieht steigende Volatilität vor allem bei US-Staatsanleihen und begründet das auch mit dem wachsenden Einfluss von Hedge Fonds. Für Aktien an Rekordniveaus rät Gross zu Vorsicht, weil höhere Renditen mittelfristig Margen belasten können.

Bill Gross, Mitgründer von PIMCO und langjähriger Gestalter des US-Anleihemarkts, verbindet in seinem aktuellen Appell eine ordentliche Portion Erfahrung mit einer deutlichen Skepsis gegenüber dem heutigen Umfeld. Sein Kernpunkt: Der Kreditbereich wirke unbalanciert, weil sich Schuldenvolumina und Risikoannahmen über die Zeit auseinanderentwickelt hätten. Gross stellt dabei nicht nur auf Unternehmens- oder Staatsanleihen ab, sondern betrachtet die Gesamtarchitektur aus Regierungs-, Hypotheken- und Unternehmenscredit. Der Blickwinkel ist in einer Welt wichtig, in der viele Marktteilnehmer das Risiko weiterhin über einzelne Spreads und weniger über die makroökonomische Gesamtdynamik steuern.
In der Argumentation setzt Gross zuerst auf die Größenordnung: Regierung-, Hypotheken- und Unternehmenscredit summierten sich seiner Darstellung zufolge auf rund 84 Billionen US-Dollar. Dazu kommt aus seiner Sicht ein Problem bei den „Gewichtsverteilungen“ in den Bilanzen: Zu viel Fremdkapital erhöhe Risiko, und zu viel Eigenkapital könne die Entwicklung des Ergebnis pro Aktie in Phasen beeinträchtigen, in denen Produktivität unter den Erwartungen bleibt. Auch die politische und fiskalische Komponente spielt hinein, weil er betont, dass die US-Schuldenquote im Verhältnis zum BIP bereits bei 100% liege, also auf einem Niveau, das er explizit als „Peak für Friedenszeiten“ einordnet. Das führt bei ihm zu der Konsequenz, dass der heutige Wachstumsimpuls zwar durch Schulden getragen werde, die gleiche Mechanik aber künftig Wachstum bremsen und über höhere Inflation Druck ausüben könne.
Entsprechend lautet der konkrete Handlungsimpuls: In einem solchen Umfeld „keine“ Anleihen halten, mit einer klaren Ausnahme für Ein-Jahres-Treasury Bills. Gross nennt für diese Alternative eine Rendite von 4,55% und argumentiert damit indirekt, dass das Laufzeitrisiko und die Zinsumfeld-Dynamik aktuell dominanter seien als der klassische Vorteil laufender Kupons. Genau diese Verschiebung sieht er auch bei den Marktmechaniken. Früher waren Zentralbanken in der Praxis häufig Käufer und Halter von US-Staatsanleihen; heute verfolgen sie laut seiner Beschreibung häufiger Diversifizierungsstrategien, wodurch ihre Stützungslinie weniger zuverlässig wirkt. Gleichzeitig seien Hedge Fonds stärker in den Vordergrund gerückt und reagierten schneller, wenn sich Preise bewegen.
Technisch greift Gross dabei ein Phänomen auf, das Anleger aus der Derivatewelt kennen: den „basis trade“ zwischen US-Staatsanleihen und Treasury-Futures. Je größer solche Strategien werden, desto stärker kann sich Volatilität aus dem Zusammenspiel von Finanzierung, Margin-Anforderungen und kurzfristigen Positionsanpassungen ergeben. In seiner Darstellung hat der Anteil der Hedge Fonds an den gesamten Treasury-Positionen seit 2023 nahezu verdoppelt und liege bei 8,5%. Das ist nicht nur eine Statistik am Rand, sondern erklärt, warum Liquidität in Stressphasen kippen kann: Hedge Fonds sind seiner Darstellung zufolge nicht verpflichtet, als Market Maker zu handeln, und könnten in Phasen engerer Finanzierung ihre „gehebelten“ Trades schneller abbauen. Ergänzend wird das Risiko des „Stress-Transports“ genannt, also dass Verluste in einem Markt andere Positionen in anderen Anlageklassen unter Druck setzen können.
Dass dieses neue Volatilitätsregime nicht Theorie bleibt, versucht Gross über die aktuelle Zinsbewegung zu illustrieren. Er verweist darauf, dass die Renditen für US-Zehnjährige seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten (Iran war als Ausgangspunkt genannt) um mehr als 100 Basispunkte gestiegen seien und zuletzt das höchste Niveau seit 24 Jahren erreicht hätten. In diesem Kontext ordnet er auch die Rolle „zu“ hoher oder „zu“ schneller Verschuldungsdynamik ein: Er sieht den Kreditboom in der KI-Branche als Abweichung von historischen Mustern, gleichzeitig aber auch als Beispiel dafür, wie schnell die Märkte Wachstumsideen mit Kapitalflüssen überlagern. Wenn dann Inflationserwartungen oder Zinskosten nachziehen, kippt der Vorteil kurzfristiger Finanzierbarkeit in ein Risiko für Bewertung und Ergebnistrends.
Auch bei Aktien bleibt Gross vorsichtig. Bei Kursen auf Rekordniveaus setzt er auf das Argument höherer Renditen: Wenn Anleiherenditen über Zeit steigen, können Gewinnmargen durch den steigenden Zinsaufwand oder durch höhere Finanzierungskosten unter Druck geraten. Zugleich bleibt sein Blick nicht nur bei Makro-Formeln stehen, sondern schwenkt auf einzelne Geschäftsmodelle: Er nennt etwa Verizon und AT&T, bewertet die Renditen zwar als solide, weist aber auf strukturelle Risiken in deren mobilen Geschäftsbereichen hin und verweist dabei auf den Wettbewerbsdruck durch Satelliten-Internet, konkret über Starlink. Für einkommensorientierte Fonds, die erkennbar mit Abschlägen zum Nettoinventarwert handeln, sieht er ebenfalls potenzielle Chancen – allerdings nur, solange kurzfristige Zinsen nicht stärker als erwartet weiter anziehen.
Für Entscheider in Unternehmen lässt sich aus Gross’ Argumentation eine praktische Lehre ableiten: Nicht allein das „Zinsniveau“, sondern die Kombination aus Schuldenstruktur, Marktliquidität und Trading-Mechanik bestimmt, wie stabil sich Cashflows und Bewertungen verhalten. Gerade im Zusammenspiel von Zinsänderungen, Hedging-Kosten und dem Verhalten großer Liquiditätsanbieter kann es zu schnellen Regimewechseln kommen, die klassische Haltedauern bei Portfolios weniger planbar machen. Wer Investitions- und Treasury-Strategien auf „Normalisierung“ nach der letzten Volatilitätsphase ausrichtet, könnte daher die eigentlichen Treiber verkennen. Gross endet sinngemäß mit einem Motto, das in diesem Umfeld vor allem nach Risikomanagement klingt: bewahren und schützen.
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