BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung plant Erleichterungen für Opfer häuslicher Gewalt, sich aus gemeinsamen Mietverträgen zu lösen. Ein Gesetzentwurf von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig soll dazu beitragen, dass Betroffene schneller in ein sicheres und selbstbestimmtes Leben wechseln können. Außerdem soll der Täter grundsätzlich für Miete und Nebenkosten nach dem Auszug aufkommen, und Familiengerichte sollen Schutzmaßnahmen ohne gesonderten Antrag anordnen dürfen. Konkret geht es um Kontakt- und Näherungsverbote sowie zusätzlichen Schutz für Kinder und Angehörige.

Gewaltschutz: Bundesregierung will Opfern leichteren Ausstieg aus Mietverträgen geben
Gewaltschutz: Bundesregierung will Opfern leichteren Ausstieg aus Mietverträgen geben (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Zentrum des neuen Vorhabens steht ein ganz praktisches Problem aus dem Alltag von Betroffenen: Wer mit dem Täter einen gemeinsamen Mietvertrag hat, sitzt nach dem Auszug schnell in einem juristisch festgefahrenen Knoten. Die Bundesregierung will diesen Hebel lockern. Nach dem vorliegenden Gesetzentwurf soll es Opfern häuslicher Gewalt leichter gemacht werden, sich aus gemeinsamen Mietverhältnissen zu lösen, statt von der Zustimmung oder dem Verhalten des Täters abhängig zu bleiben. Dass die Änderung gerade hier ansetzt, ist insofern folgerichtig, als Miete, Kautionen und Nebenkosten unmittelbar über Wohnfähigkeit und Handlungsfähigkeit entscheiden.

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig begründet den Schritt mit dem Ziel, den Weg in ein sicheres und selbstbestimmtes Leben zu verkürzen. Zusätzlich sieht der Entwurf vor, dass Opfer auch verlangen können, der Täter müsse grundsätzlich für Miete und Nebenkosten aufkommen, die nach dem Auszug der Frauen entstehen. Damit werden Kostenrisiken, die sonst oft in der finanziellen Belastung der Betroffenen landen, stärker auf die Person verlagert, die die Gewaltbeziehung verursacht hat. Gerade bei laufenden Verträgen kann eine solche Kostenumlegung die reale Umsetzbarkeit von Schutzwegen deutlich verbessern, weil Wohnsicherheit nicht an kurzfristige Liquiditätsprobleme geknüpft sein sollte.

Auch der Schutz von Kindern und Angehörigen rückt in den Fokus. Familiengerichte sollen laut Entwurf Schutzmaßnahmen wie Kontakt- oder Näherungsverbote künftig auch ohne gesonderten Antrag anordnen können. Das ist eine prozessuale Veränderung mit konkreter Wirkung: Wenn Gerichte nicht erst auf einen zusätzlichen Antragsakt warten müssen, können Schutzanordnungen schneller erfolgen und damit besser an den zeitkritischen Charakter häuslicher Gewalt anschließen. In der Praxis hängt der Schutz oft an engen Zeitfenstern, zum Beispiel bei Rückkehr- oder Eskalationsrisiken nach dem Auszug.

Die Dringlichkeit stützt sich auf Zahlen zur Betroffenheit. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik waren im Jahr 2024 fast 266.000 Menschen von häuslicher Gewalt betroffen; 70 Prozent waren Frauen und Mädchen. Gleichzeitig verweist das Justizministerium darauf, dass die tatsächlichen Werte deutlich höher liegen dürften, weil bis zu 95 Prozent der Taten nie zur Anzeige gebracht werden. Für die Gesetzgebung bedeutet das: Der Bedarf an niedrigschwelligen, nicht erst auf formale Schritte angewiesenen Schutzmechanismen ist nicht nur eine politische Zielsetzung, sondern eine Antwort auf die bekannte Lücke zwischen gemeldeten und tatsächlichen Fällen.

Historisch reiht sich der Entwurf damit in eine Entwicklung ein, in der Gewaltschutz zunehmend stärker über verfahrensrechtliche Stellschrauben gedacht wird. Der aktuelle Vorstoß folgt auf eine Initiative des Bundesrats, die bereits im März Änderungen im Gewaltschutzgesetz vorgeschlagen hatte. Der dortige Ansatz zielte darauf, Opfern die Möglichkeit zu geben, die Zustimmung des Täters zur Kündigung des gemeinsamen Mietvertrags verlangen zu dürfen. Mit dem Regierungsentwurf wird dieser Gedanke nun offenbar weiter ausgearbeitet und um zusätzliche Komponenten erweitert, darunter die Kostenfrage nach dem Auszug sowie die Rolle der Gerichte bei Schutzmaßnahmen.

Für die Wirkung im Alltag sind mehrere Details entscheidend: Die Kombination aus erleichtertem Ausstieg aus dem Mietvertrag, einer Übernahme von laufenden Kosten durch den Täter und schneller durchsetzbaren Schutzanordnungen adressiert mehrere Folgeprobleme gleichzeitig. Ob das im Einzelfall tatsächlich zu einer schnelleren Wohnentlastung führt, hängt allerdings auch davon ab, wie Gerichte und beteiligte Stellen die neuen Spielräume im Verfahren handhaben. Für Praktiker im Miet- und Familienrecht entsteht dadurch ein klarer Anpassungsbedarf in der Beratung: Nicht nur das materiell-rechtliche Ergebnis (Kündigung und Kosten), sondern auch der zeitliche Ablauf (Schutzmaßnahmen ohne separaten Antrag) wird stärker zum entscheidenden Taktgeber.


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