WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) richtet gemeinsam mit dem Joint Vienna Institute und weiteren Partnern eine internationale Fachkonferenz zu KI und Digitalisierung für Zentralbanken aus. Im Fokus stehen neue Stabilitätsrisiken durch automatisierte Finanzprozesse sowie das Krisenmanagement im digitalen Zeitalter. Diskutiert wird außerdem, wie der Kreditgeber letzter Instanz („Lender of Last Resort“) unter neuen technischen Rahmenbedingungen agieren kann. Die Veranstaltung ist als Hybridformat in Wien geplant und zieht mehr als 500 Teilnehmende an.

Die Frage, wie sich Finanzmarktstabilität in einer Welt verändert, in der KI-gestützte Systeme immer tiefer in Handel, Risikomodelle und Compliance greifen, steht an diesem 5. Oktober 2026 im Zentrum einer internationalen Fachkonferenz in Wien. Veranstaltet wird das Format von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) gemeinsam mit dem Joint Vienna Institute (JVI), SUERF und dem Yale Program on Financial Stability. Im Hintergrund stehen nicht nur technologische Umbrüche, sondern auch die Erwartung, dass geopolitische Spannungen das Risikoprofil für Banken und Märkte weiter verschieben. Genau deshalb adressiert die Konferenz das Zusammenspiel aus Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und dem Krisenmanagement, das Zentralbanken und Finanzaufsicht im Ernstfall leisten müssen.
Ein stabiles Finanzsystem gilt dabei nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaftswachstum und damit für die Finanzierung von Unternehmen und Haushalten. Die Fachkonferenz nimmt deshalb technologische Innovationen nicht als reine Effizienzstory in den Blick, sondern als Faktoren, die die Finanzintermediation in neuen Formen verändern können. Dazu zählen etwa Beschleunigungsschleifen in der Datenverarbeitung, die Automatisierung von Entscheidungsprozessen und neue Interaktionsmuster zwischen Marktteilnehmern. Wenn solche Mechanismen in kurzer Zeit wirken, erhöht sich zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch Risiken schneller verbreiten, etwa über ähnliche Modelle, ähnliche Datenfeeds oder miteinander gekoppelte Systeme. Gouverneur Martin Kocher betont in diesem Zusammenhang: „Digitale Technologien, insbesondere künstliche Intelligenz, eröffnen neue Chancen, bringen aber auch neue Stabilitätsrisiken mit sich. Diese Risiken frühzeitig zu erkennen und ihnen vorzubeugen, ist eine Kernaufgabe von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden“.
Technisch wird die Debatte dabei an mehreren Stellen konkret: Im Mittelpunkt stehen Risiken für die Finanzmarktstabilität in einem Umfeld, das sich „rasch“ wandelt, sowie die Auswirkungen von Digitalisierung und KI auf Finanzinstitute und Finanzmärkte. Für Zentralbanken heißt das vor allem, Modelle und Datenflüsse so zu verstehen, dass sich systemische Effekte früh erkennen lassen. KI kann zum Beispiel die Prognosegüte von Risikoindikatoren verbessern, aber auch neue Fehlerbilder erzeugen, etwa durch schwer erklärbare Modellannahmen oder durch Daten, die im Stressfall nicht mehr so funktionieren wie im Normalbetrieb. Ebenso wichtig ist, dass KI-gestützte Systeme in der Praxis selten isoliert arbeiten: Vernetzung entsteht durch gemeinsame Provider, konsistente Schnittstellen oder wiederverwendete Muster in Software und Governance. Aus Stabilitätssicht kann das bedeuten, dass „Diversifikation“ in der Modelllandschaft weniger wirksam ist als in der Theorie angenommen, weil ähnliche Lernmechanismen ähnliche Schwachstellen teilen.
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Rolle von Zentralbanken als Kreditgeber letzter Instanz im digitalen Zeitalter. Diese Funktion, oft als „Lender of Last Resort“ beschrieben, gewinnt an Bedeutung, wenn liquide Mittel in Sekunden benötigt werden, aber zugleich die Identifikation von Sicherheiten, die Bewertung von Gegenparteien oder das Reporting in hochautomatisierten Prozessen laufen. Gerade im Krisenmodus steigen die Anforderungen an Datenqualität, Zeitverfügbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Auch hier greift die Konferenz Themen auf, die über reines Modellmanagement hinausgehen: Wie lässt sich im Ernstfall die Wirksamkeit von Stützungsmaßnahmen sicherstellen, wenn technische Plattformen, Kommunikationswege und Datenintegrationen Teil der kritischen Infrastruktur geworden sind? Thomas Steiner, Direktorder der Oesterreichischen Nationalbank, bringt es auf den Punkt: „Entscheidend wird sein, Innovation zu fördern und zugleich die Resilienz des Finanzsystems wahren“.
Neben dem technischen und operativen Blickwinkel rückt die Veranstaltung die regulatorischen und aufsichtlichen Konsequenzen in den Vordergrund. Ein zentraler Spannungsbogen lautet: Wie kann man regulatorische Vorgaben vereinfachen, ohne die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems zu schwächen? Vereinfachung ist in der Praxis mehr als die Reduktion von Formularen; sie berührt die Frage, ob Aufsicht verstärkt auf Prinzipien, risikobasierte Indikatoren oder standardisierte technische Nachweise setzt. Gleichzeitig bleibt die Anforderung bestehen, dass Aufsicht Ergebnisse überprüfen kann, wenn KI-Systeme Entscheidungen beeinflussen, die früher überwiegend von nachvollziehbaren Regeln abgeleitet wurden. Die Konferenz legt daher nahe, dass Governance und Auditierbarkeit im Zusammenspiel mit neuen Technologien wichtiger werden, nicht weniger.
Für die Markt- und Branchenperspektive bringt das Teilnehmerfeld zusätzliche Dynamik. Berichtet wird, dass hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Zentralbanken, Aufsichtsbehörden und internationalen Organisationen ebenso anwesend sind wie Wissenschaft und Bankensektor. Zu den genannten Akzenten zählen Claudia Buch, Vorsitzende des Aufsichtsgremiums der Europäischen Zentralbank, Pablo Hernández de Cos von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Klaas Knot vom Peterson Institute for International Economics sowie Tobias Adrian, ehemaliger Direktor der Abteilung Geld- und Kapitalmärkte des Internationalen Währungsfonds. Solche Namen stehen typischerweise für einen Abgleich zwischen europäischer Aufsichtspraxis und globalen Stabilitätsdiskussionen, etwa wenn es darum geht, welche Risiken zuerst angegangen werden müssen und welche Datengrundlagen dafür nötig sind. Erwartet werden über 500 Teilnehmende vor Ort und online, was die Diskussion in Richtung „operativ nutzbar“ lenkt statt nur theoretisch zu bleiben.
Die Organisation als Hybridkonferenz in der OeNB in Wien ist dabei nicht nur ein logistisches Detail. Hybridformate erlauben, dass auch Teams aus Aufsicht, Risikocontrolling und IT-Sicherheitsumfeldern leichter zusammenkommen, gerade wenn es um den Brückenschlag zwischen Modell-Engineering und Krisenprozessen geht. Als Ziel wird formuliert, den internationalen Austausch zu stärken und Lösungsansätze für Krisenmanagement, Regulierung und Aufsicht zu diskutieren. Für Unternehmen, die mit Banken und Zentralbankprozessen interagieren, bedeutet das: Die nächsten technischen Standards dürften stärker darauf ausgerichtet werden, dass Systeme unter Stress nicht nur „gut performen“, sondern auch nachvollziehbar, auditierbar und sicher integrierbar bleiben. Ob sich Vereinfachungen bei regulatorischen Vorgaben tatsächlich in klaren technischen Nachweisen übersetzen, wird die Konferenz nicht allein entscheiden, aber sie setzt den Rahmen, in dem solche Fragen künftig schneller adressiert werden.
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