LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte globale Studie zeigt, dass Frauen über mehrere Körperregionen hinweg häufiger Schmerzen angeben als Männer. Besonders deutlich sind die Unterschiede bei Kopfschmerzen sowie bei Beschwerden im Gesichts- und Bauchbereich. Der Schmerzverlauf steigt laut Analyse zunächst stark bis etwa 55 Jahre an, erreicht dann in vielen Gruppen sein Maximum und zeigt bei den am stärksten belastenden Formen anschließend eine rückläufige Tendenz. Die Ergebnisse deuten außerdem darauf hin, dass ein relevanter Teil der lebenslangen Schmerzlast bereits im Arbeitsalter entsteht.

Schmerz ist einer der häufigsten Gründe, warum Menschen medizinische Versorgung suchen – und zugleich ein Bereich, in dem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lange diskutiert, aber nur unzureichend im Detail quantifiziert wurden. Eine neue, weltweit angelegte Auswertung bringt hier nun mehr Systematik hinein: Forschende berichten auf Basis von Selbstauskünften, dass Frauen Schmerzen an allen untersuchten Körperstellen im Mittel häufiger erleben als Männer. Die Studie ordnet den Befund dabei nicht nur geografisch ein, sondern auch über die Lebensspanne hinweg und verknüpft ihn mit Fragen nach Ursachen der späteren, besonders belastenden Schmerzformen.
Die Datenbasis ist ungewöhnlich breit: Erhoben wurden Angaben von mehr als 6 Millionen Menschen aus 118 Ländern über einen Zeitraum von 1990 bis 2025. Die Altersrange reicht von fünf Jahren bis über 100 Jahre, wodurch sich der Verlauf über Kindheit, Jugend, Erwerbs- und Pflegephasen sowie das höhere Lebensalter abbilden lässt. Die Forschenden beschreiben ihr Vorgehen als eine der umfangreichsten Harmonisierungstätigkeiten in der Schmerz-Epidemiologie. Veröffentlicht wurde die Arbeit in Nature Medicine. Methodisch betrachtet ist dabei zentral, dass nicht ausschließlich Diagnosen in medizinischen Akten als Ausgangspunkt dienen, sondern bewusst auch selbstberichtete Schmerzraten genutzt werden, weil Diagnosen stark davon abhängen können, wie gut und wie früh Menschen Zugang zu Versorgungsangeboten haben.
Der Befund betrifft dabei gleich mehrere Schmerz-Phänotypen und Körperregionen: Insgesamt wurden 11 Stellen betrachtet, darunter Kopf, Gesicht, Nacken oder Schulter, Fuß oder Knöchel, Hand oder Handgelenk, Ellenbogen, Brust, Rücken, Magen oder Bauch sowie Hüfte und Knie. Bei allen diesen Regionen gaben Frauen im Mittel mehr Schmerz an. Besonders ausgeprägt war der Unterschied laut Analyse bei Kopfschmerzen sowie bei Gesichts- und Bauchschmerzen. Auffällig ist zudem der zeitliche Verlauf: Für Männer und Frauen stieg der Schmerz besonders steil vor dem 55. Lebensjahr, anschließend erreichten die Kurven bei oder nach 75 Jahren ihren Höhepunkt. In der Betrachtung einzelner Regionen zeigt sich ein Muster, das für die klinische Planung relevant ist: Rücken-, Hüft- und Knieschmerzen nahmen über die Lebensspanne hinweg zu, während bestimmte obere Schmerztypen eher früh anstiegen und später abflachten.
Die Forschenden leiten aus den Kurven nicht nur „mehr Schmerz mit dem Alter“ ab, sondern unterscheiden zwei Dynamiken: zum einen die Akkumulation von Schmerzrisiko, zum anderen die Frage, ob Schmerzformen intensiver werden und wieder abklingen. In der Gesamtinterpretation beschreiben sie eine Art inverses U für die stärker behindernden Formen – mit einem Maximum in der Mitte bis im späten Erwachsenenalter und danach einer rückläufigen Tendenz. Das ist nicht nur statistisch interessant, sondern hat eine praktische Konsequenz: Wenn ein wesentlicher Teil der lebenslangen Schmerzlast während des Arbeitsalters entsteht, verschiebt sich der Fokus von späteren Eingriffen stärker hin zu Prävention und Früherkennung in Phasen, in denen Betroffene typischerweise beruflich und familiär stark eingebunden sind. Genau darauf zielt die Studie ab, indem sie die Selbstberichte als Grundlage für gleichmäßigere, weniger von Diagnoseroutinen abhängige Vergleiche nutzt.
Konkrete Zahlen untermauern die Dimension der Belastung: Etwa 40% der Teilnehmenden berichteten von Rückenschmerzen, während Gesichtsschmerz mit 2% die seltenste der untersuchten Kategorien war. Bei der Intensität spitzte sich der Hochlastbereich ungefähr um das 50. Lebensjahr herum zu, während generalisierte Schmerzen um etwa 70 ihren Höhepunkt erreichten. Darüber hinaus ordnet die Studie einen Teil der globalen Schmerzlast auch Risikofaktoren zu: 18,3% der weltweiten Pain-Burden werden auf Rauchen, Adipositas und niedriges Haushaltseinkommen zurückgeführt. Regional reicht die Spannbreite von 12,6% in Subsahara-Afrika bis 27,1% in Osteuropa. Auch innerhalb einzelner Makroregionen zeigt sich ein deutlich anderes Gewicht einzelner Faktoren – in Ozeanien etwa war der Anteil durch Rauchen vergleichsweise hoch, während Subsahara-Afrika im Vergleich geringere Werte aufwies. Für Unternehmen und Gesundheitssysteme bedeutet das: Prävention in Bezug auf Lebensstil- und Einkommensfaktoren ist nicht nur „gesundheitsfördernd“, sondern potenziell ein Hebel zur Entlastung von Schmerz, insbesondere in den Lebensphasen, in denen die Kurven ihren kritischen Anstieg zeigen.
Wichtig ist auch, die Grenzen der Studie sauber einzuordnen. Die Forschenden nennen Einschränkungen wie unterschiedliche Messweisen für Schmerzen, ungleich verteilte Abdeckung über Regionen sowie Lücken in den Randaltersgruppen; außerdem handelt es sich um Musteranalysen über Altersgruppen statt um ein Design, das dieselben Personen über Jahrzehnte hinweg verfolgt. Trotzdem berichten sie, dass die Gesamtmuster durch diese Limitationen nicht grundsätzlich verändert würden. Zwei namentlich genannte Wissenschaftler aus dem Umfeld reproduktiver und pädiatrischer Neuro- bzw. klinischer Forschung ordnen den Befund entsprechend ein: Prof. Andrew Horne bezeichnet die Arbeit als Meilenstein, weil sie eine höhere Schmerzbetroffenheit von Frauen an jeder untersuchten Körperstelle sichtbar mache und den steilen Anstieg vor dem 55. Lebensjahr besonders betont; Prof. Rebeccah Slater hebt zudem hervor, dass trotz der höheren Belastung ein „paradoxer“ Umgang in der Versorgung sichtbar sei – nämlich dass Schmerzen bei Frauen häufiger übersehen, später diagnostiziert oder unzureichend behandelt würden. In Summe liefern die Daten damit nicht nur ein epidemiologisches Bild, sondern auch eine belastbare Grundlage, um klinische Entscheidungsprozesse und Studienplanung stärker nach Geschlecht und Lebensphase auszurichten.
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