WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) diskutiert auf ihrer 17. Aufsichtskonferenz, wie Europa Resilienz und strategische Souveränität im Finanzsystem stärkt. Im Vienna Congress und Convention Center geht es dabei um das Spannungsfeld aus Offenheit, Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft. FMA-Vorstände stellen dabei vor allem die anhaltende Fragmentierung der Finanzmärkte in den Mittelpunkt. Zusätzlich rücken sie digitale Transformation, Cyberresilienz und der Umgang mit geopolitischen Risiken als neue Kernbestandteile von Aufsicht in den Fokus.

FMA-Aufsichtskonferenz: Resilienz, Souveränität und weniger Markt-Fragmentierung
FMA-Aufsichtskonferenz: Resilienz, Souveränität und weniger Markt-Fragmentierung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die 17. FMA-Aufsichtskonferenz macht deutlich, dass das Thema „Resilienz“ im europäischen Finanzsektor längst über klassische Kapital- und Liquiditätskennzahlen hinausgewachsen ist. In Wien, wo Notenbanker: innen und Top-Manager: innen der heimischen Finanzwirtschaft über „Europes Financial Future: Sovereignty and Resilience“ sprechen, lautet der Leitgedanke: Europa soll seine Handlungsfähigkeit stärken, ohne den offenen Charakter des Finanzplatzes aufzugeben. Genau hier setzt der konzeptionelle Anspruch an, Resilienz als Voraussetzung für Innovationsfähigkeit zu betrachten – nicht als Bremsklotz für Wachstum. Damit verschiebt sich auch der Blick auf Aufsicht: Stabilität und Vertrauen sind zwar weiterhin Ziele, aber sie werden zunehmend durch Themen wie digitale Handlungsfähigkeit und Cyberresilienz operationalisiert.

Technisch und organisatorisch bedeutet das: Wenn die Aufsicht Resilienz breiter denkt, rückt sie die praktische Fähigkeit in den Vordergrund, auch unter Ausfällen, Angriffen oder abrupten Marktveränderungen handlungsfähig zu bleiben. In der Argumentation der FMA zeigt sich diese Erweiterung an den Bausteinen, die explizit genannt werden: Neben Kapital und Liquidität fallen auch die technologische Umsetzbarkeit sowie der Umgang mit geopolitischen Risiken in den Resilienzrahmen. Das ist mehr als ein Schlagwort, weil genau diese Faktoren in der Umsetzung häufig in unterschiedlichen Zuständigkeiten landen – etwa zwischen IT-Betrieb, Risiko-Management und operativer Aufsicht. Wer Resilienz nur als Kennzahlen-Set versteht, übersieht die Lücke zwischen Compliance auf dem Papier und der tatsächlichen Robustheit von Prozessen und Systemen. Für Finanzinstitute heißt das folglich: IT-Sicherheit, Datenflüsse und Notfallmechanismen werden zu Aufsichtsthemen, die in der Planungspraxis ab sofort stärker mitgedacht werden müssen.

Gleichzeitig setzt die Konferenz einen Gegenakzent, der in der Branche spürbar ist: Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit werden nicht als Gegensätze betrachtet. FMA-Vorständin Mariana Kühnel ordnet das direkt in eine operative Logik ein: Starke und widerstandsfähige Finanzmärkte sollen Innovation, Infrastruktur, Digitalisierung und Wachstum finanzieren können. Diese Sichtweise adressiert auch einen wirtschaftlichen Zielkonflikt, der in Europa immer wieder auftaucht: Strengere Regeln können kurzfristig Kosten erhöhen, gleichzeitig aber langfristig Stabilität sichern. Im Wiener Diskussionsrahmen wird das Problem jedoch weniger als Frage „zu viel Regulierung“ beschrieben, sondern als Folge „zu wenig Integration“. Genau diese Diagnose zielt auf die Fragmentierung nationaler Märkte: Unterschiedliche Rahmenbedingungen und Barrieren verhindern, dass die Bankenunion und der einheitliche Markt ihr volles Potenzial entfalten. Der Blick auf die Stärke europäischer Banken nach der globalen Finanzkrise dient dabei als Kontext: Selbst wenn Kapitalausstattung und Profitabilität besser sind als früher, bleibt die Strukturwunde der fragmentierten Märkte bestehen.

Damit wird „Integration“ zu einem strategischen Hebel, der inhaltlich mit Aufsicht und Wettbewerb verknüpft ist. Helmut Ettl betont, dass die kommenden Herausforderungen nicht dadurch bewältigt werden, dass Europa schwächer wird, sondern durch mehr Vertrauen, mehr Zusammenarbeit und starke Institutionen. In der Konferenzlogik sind die nächsten Schritte deshalb weniger technische Detailfragen als zentrale Voraussetzungen für Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Konkret tauchen als Diskussionsstränge unter anderem die Vollendung der Bankenunion sowie die Weiterentwicklung der Savings and Investments Union auf. Auch der Abbau verbliebener Fragmentierung wird als Teil eines umfassenden Rahmens beschrieben, der letztlich darauf hinausläuft, gleiche Wettbewerbsbedingungen herzustellen. Für Banken und Investoren ist das nicht nur eine Standortfrage, sondern beeinflusst direkt die Effizienz von Kapitalallokation, die Kosten für grenzüberschreitende Geschäftstätigkeit und die Geschwindigkeit, mit der Innovationen in Produkte und Services überführt werden.

Auf der inhaltlichen Agenda spiegeln sich außerdem die Erwartungen wider, dass digitale Transformation und Künstliche Intelligenz (KI) den Finanzsektor nicht nur beschleunigen, sondern auch neue Aufsichtsdimensionen schaffen. Neben digitaler Innovation stehen deshalb auch effektive Aufsicht und Enforcement im Zentrum, also die Frage, wie Regeln im Alltag tatsächlich durchgesetzt werden. Dass Digitalisierung und KI ausdrücklich genannt werden, deutet darauf hin, dass es künftig stärker um die Robustheit daten- und modellgetriebener Prozesse geht: Wie gut sind Systeme gegen Fehlfunktionen abgesichert, wie nachvollziehbar sind Entscheidungen, und wie werden Risiken aus neuen Automatisierungsgraden gemanagt? Die Konferenz verknüpft diese Punkte zudem mit der Rolle des Rechtsrahmens für Vertrauen und Finanzmarktstabilität. Genau an dieser Schnittstelle wird der Übergang vom „Regelwerk“ zur „Umsetzung“ entscheidend, denn nur ein konsistentes Zusammenspiel aus Anforderungen, Messung und Durchsetzung macht Resilienz im Ernstfall real.

Als Keynotes treten unter anderem Vertreter: innen aus dem Bundesministerium für Finanzen, der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde sowie der Oesterreichischen Nationalbank auf; ergänzt wird das Programm durch Gäste wie EZB-Aufsichts- und Aufsichtsgremiumsmitglieder, die AMLA sowie den Europäischen Abwicklungsmechanismus. Auch die Bandbreite aus Wissenschaft und Finanzwirtschaft ist sichtbar: Von der Universitätsprofessorin Susanne Kalss bis zu Policy-Expertise reicht der akademische Beitrag, parallel diskutieren Größen aus dem Retail- und Investmentumfeld sowie aus dem Bankensektor. Organisatorisch ist zudem ein personeller Einschnitt angekündigt: Für Helmut Ettl ist es die letzte Aufsichtskonferenz als FMA-Vorstand, weil er nach über 18 Jahren per 1.11.2026 in Richtung Internationaler Währungsfonds nach Washington wechselt. Als Nachfolger wurde Oliver Schütz bestellt, aktuell Bereichsleiter Bankenabwicklung in der FMA. Für Unternehmen und Marktteilnehmer bedeutet das: Erwartungen an Kontinuität in der Aufsicht sowie ein möglicher Fokuswechsel auf bestimmte Schwerpunkte sollten zeitnah in Planungen und Risikodialogen berücksichtigt werden, auch weil KI- und Cyberresilienz-Themen in der Praxis oft Querschnittsfunktionen betreffen.

Am Ende bleibt aus der Konferenzbotschaft ein klares, operatives Bild: Resilienz ist ein Systemattribut, das sowohl technische Robustheit als auch institutionelle Integration erfordert. Wenn Fragmentierung die Wirkung der Bankenunion ausbremst, dann ist der Weg zu mehr Stabilität nicht nur eine Frage einzelner Kapitalanforderungen, sondern eine Frage der Marktarchitektur. Für den Mittelstand, für Plattformen und für etablierte Finanzhäuser heißt das, sich stärker auf ein durchgängiges Resilienz-Management vorzubereiten – von Daten- und Modellrisiken über Cyber-Schutz bis hin zu Prozessen für grenzüberschreitende Abwicklungs- und Krisenszenarien. Gleichzeitig gewinnt die Diskussion über Enforcement an Gewicht: Wer digitale Transformation und KI produktiv nutzt, braucht nicht nur technische Innovation, sondern auch Nachweisfähigkeit und wirksame Steuerung. Genau dort dürfte die nächste Phase der Aufsicht in Europa spürbar werden – mit Konsequenzen für Roadmaps, Budgets und die Ausgestaltung von Kontrollen.


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