SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Minerva Humanoids beendet seine Stealth-Phase und startet im Herbst mit ersten kommerziellen Pilotprojekten. Die Pre-Seed-Finanzierungsrunde in Höhe von rund 10 Millionen US-Dollar wird von General Catalyst angeführt. An der Runde beteiligen sich unter anderem Long Journey Ventures und Credo Ventures als Co-Lead-Investoren. Im Mittelpunkt steht der humanoide, halbautonome Roboter „Roger“, der riskante Aufgaben in Öl- und Gasumgebungen sowie bei Gefahrgut und Kampfmittelbeseitigung übernehmen soll.

Die Stealth-Phase von Minerva Humanoids ist vorbei, und die konkrete Stoßrichtung ist klar: gefährliche Einsätze in der Onshore- und Offshore-Öl- und Gasindustrie sowie im Bereich der öffentlichen Sicherheit sollen durch einen humanoiden Roboter ersetzt werden, ohne dass Spezialisten ihre Expertise im freien Feld verlieren. Mit einer Pre-Seed-Runde von rund 10 Millionen US-Dollar, angeführt von General Catalyst, und Co-Lead-Investoren wie Long Journey Ventures und Credo Ventures, verschiebt sich das Projekt damit von der Forschungs- und Prototypenwelt stärker in Richtung Praxisbetrieb. Für potenzielle Anwender ist dabei weniger die Höhe der Mittel entscheidend als die Frage, wie schnell sich ein System aus Hardware, KI-Steuerung und Fernbedienung in reale Arbeitsabläufe integrieren lässt.
Technisch wird „Roger“ als halbautonomer humanoider Roboter beschrieben, bei dem der Bediener nicht etwa nur eine Abfolge vorprogrammierter Aktionen auslöst, sondern die Kontrolle über kritische Schritte behält. Minerva setzt dafür auf „Minerva Intelligence“, ein proprietäres KI-Steuerungssystem, das laut Angaben Gleichgewicht, Sturzausgleich und Navigation übernimmt, während die Eingaben des Teleoperators präzise in Bewegungen übertragen werden. Der Spezialist steuert den Roboter über ein VR-Headset, sieht durch die Augen des Humanoiden und kann feinstmotorische Manipulationen durchführen. Gerade in Szenarien wie Entschärfung mutmaßlicher Sprengkörper oder hochgefährliche Wartungsarbeiten in Energieanlagen ist das Zusammenspiel aus Echtzeit-Rückmeldung und fein abgestimmter Motorik der Kern: Latenzarme Steuerregelkreise sollen eine Verzögerung vermeiden, damit der Bediener seine Ganzkörpersteuerung zügig erlernen und die Aufgabe in der Gefahrenzone an den Roboter delegieren kann.
Die wirtschaftliche und operative Begründung liegt in der Struktur des Problems: Viele Tätigkeiten erfordern auch heute noch das persönliche Betreten einer Gefahrenzone. Für den Energiesektor wird angeführt, dass etwa alle 75 Minuten irgendwo im Energiesektor ein Arbeiter tragisch verunglückt, was auf grob 7.000 Todesfälle pro Jahr hindeutet. Auf der Seite der öffentlichen Sicherheit kommt hinzu, dass Einsatzteams für EOD (Explosive Ordnance Disposal) und Gefahrgut laut einer Einstufung des NATO Explosive Ordnance Disposal Centre of Excellence zu den am stärksten gefährdeten Einheiten zählen. Bislang werden diese Aufgaben häufig mit älteren, fern- oder kettenbetriebenen Einarm-Systemen bewältigt, denen für komplexe Manipulationen nach Firmenangaben die erforderliche Feinmotorik fehlt. Minervas Argumentation zielt genau hierauf: Der Roboter übernimmt das physische Risiko, während der Mensch aus dem Kommandoposten heraus agiert.
Finanzierungs- und Marktdynamik zeigen sich außerdem daran, dass Minerva nicht nur Kapital einsammelt, sondern die Time-to-Market betont. Das Unternehmen nennt eine ungewöhnlich schnelle Entwicklung: Aus der Idee bis zum voll funktionsfähigen, gehenden Humanoiden inklusive maßgeschneidertem Design, Fertigung und Montage von „Roger“ seien nur fünf Monate vergangen. Im Hardware-Loop wird zugleich auf eine westliche, souveräne Wertschöpfungskette gesetzt: Software und KI würden überwiegend in den USA entwickelt, die ersten „Roger“-Prototypen in Deutschland gefertigt und montiert. Für eine Industrie, die in der Regel stark auf Verfügbarkeit, Wartbarkeit und Lieferkettenstabilität achtet, ist das mehr als Branding. Minerva erklärt zudem, dass man die Produktion sowohl in Deutschland als auch in den USA aufbauen will und dabei nicht auf Komponenten aus China als alleinige Bezugsquelle angewiesen sein möchte.
Zur Einordnung der technischen Reife lohnt auch der Blick auf die personellen und partnerschaftlichen Grundlagen. CEO Sandor Felber und CTO Maurice Rahme haben jeweils nach Angaben der Meldung Stationen in der humanoiden Robotik und KI-Entwicklung hinter sich: Felber spielte demnach eine zentrale Rolle beim Aufbau der Forschungssparte für KI-gestützte humanoide Roboter am MIT CSAIL und arbeitete am Optimus-Programm von Tesla; Rahme war sechs Jahre bei Boston Dynamics tätig und leitete dort als technischer Verantwortlicher das Projekt „Stretch“ von frühen Prototypen bis zum kommerziellen Start. Ergänzt wird das Setup durch Kooperationen, darunter mit der Mohamed bin Zayed University of Artificial Intelligence (MBZUAI) zur Weiterentwicklung von Fähigkeiten im Energiesektor sowie mit der University of Waterloo zur Optimierung der Wahrnehmung unter extremen Bedingungen wie Rauch, Dunkelheit, Sensorfehlern und eingeschränkter Sicht. Auch die genannten Vor-Ort-Prüfungen an zwei der zehn weltweit verkehrsreichsten Flughäfen deuten darauf hin, dass Minerva den Fokus auf echte Einsatzumgebungen legt, nicht nur auf Laborumstellungen.
Aus Branchenperspektive ist das entscheidende Signal für den Herbst: Mit frischem Kapital will Minerva sowohl auf spezialisierte Hardware als auch auf KI-Funktionen für die Energiebranche und die Kampfmittelbeseitigung einzahlen, um erste kommerzielle Einsätze noch in diesem Jahr zu unterstützen. Genau dort wird KI-gestützte Robotik erfahrungsgemäß besonders anspruchsvoll: Nicht die Modellgüte allein entscheidet, sondern die robuste Kombination aus Wahrnehmung, Bewegungssteuerung, Teleoperation und der Fähigkeit, sich in heterogenen Umgebungen zuverlässig zu verhalten. Für Unternehmen im Umfeld kritischer Infrastruktur, EOD-Anbieter und Betreiber sicherheitsrelevanter Anlagen kann das eine neue Beschaffungslogik bedeuten, weil humanoide Systeme perspektivisch breitere Manipulationsfähigkeiten abdecken sollen als klassische Einarm-Mechanismen. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie schnell sich Pilotprojekte in wiederholbare Abläufe überführen lassen und welche Integrationsaufwände etwa für Ausbildung, Einsatzplanung und Sicherheitskonzepte tatsächlich anfallen.
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