NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein US-Bundesgericht hat den Musiker Michael Smith zu 18 Monaten Haft verurteilt. Er soll mit Tausenden Fake-Accounts und über 10.000 Bots KI-generierte Songs auf Streamingdiensten abgerufen und damit Tantiemen in Millionenhöhe erschlichen. Das Gericht ordnete zudem die Rückzahlung von mehr als acht Millionen US-Dollar an. Im Prozess wurde unter anderem der Einsatz von VPN-Diensten zur Verschleierung des Bot-Standorts thematisiert.

Streaming-Betrug mit KI-Songs: US-Gericht verurteilt Michael Smith zu 18 Monaten
Streaming-Betrug mit KI-Songs: US-Gericht verurteilt Michael Smith zu 18 Monaten (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Urteil aus New York wirkt wie ein Realitätstest für die Streaming-Industrie: Wer Hörzugriffe massenhaft automatisiert und dabei auf KI-Inhalte und Fake-Identitäten setzt, kann die üblichen Schutzmechanismen entlang der Wertschöpfungskette aushebeln. Im konkreten Fall verurteilte ein US-Bundesgericht den 54-jährigen Michael Smith aus North Carolina zu 18 Monaten Haft. Nach den Feststellungen nutzte er eine Kombination aus KI-Song-Generierung, einer Bot-Armee und Tausenden Accounts, um Auszahlungen auf mehreren Plattformen systematisch in die eigene Richtung zu lenken.

Technisch griff das Vorgehen mehrere Ebenen an: Smith legte laut Anklage Tausende Fake-Identitäten an, mit denen er bei Streamingdiensten wie Spotify und Apple Music eigene Accounts füllte. Parallel erzeugte er mit KI-Angeboten „Tausende KI-Songs“, die er anschließend auf den Plattformen hochlud. Entscheidend war nicht nur das Bereitstellen der Inhalte, sondern der massenhafte Abruf: Bots ließen die Songs dann über die Fake-Accounts aufrufen, wobei jeder einzelne Klick als Grundlage für die Tantiemenberechnung dienen konnte.

Der zeitliche Umfang macht deutlich, warum sich der Schaden auf große Summen hochschaukeln konnte: Von 2017 bis 2024 seien durch „Milliarden Streams“ Millionenbeträge zusammengekommen. Das Gericht ordnete außerdem an, dass Smith Erträge in Höhe von mehr als acht Millionen US-Dollar zurückzahlen muss. Besonders plakant wird das Muster in den von der zuständigen Bundesstaatsanwaltschaft genannten Abrufzahlen: Allein im April 2023 sollen die Songs im Segment YouTube Music rund 80,9 Millionen Mal über Smiths Familienaccounts abgerufen worden sein, während Taylor Swift im selben Zeitraum auf 9,3 Millionen Streams kam.

Bei der Skalierung setzte Smith nicht auf vereinzelte Automatisierung, sondern auf Intensität. Zu Spitzenzeiten seien mehr als 10.000 Bots gleichzeitig im Einsatz gewesen, um KI-Songs auf den verschiedenen Plattformen abzurufen. Damit verbunden war auch eine Logistik für Bezahlung und Zugriff: Die Kreditkartendaten, die für die Zahlungen notwendig waren, soll er von einem Dienstleister erhalten haben, der normalerweise Unternehmen für deren Angestellte mit Kreditkarten versorgt. Zusätzlich nutzte er nach Angaben im Verfahren VPN-Dienste, um den Standort der Bots zu verschleiern; so wirkte es für die Anbieter, als kämen die Anfragen von unterschiedlichen Rechnern an unterschiedlichen Standorten.

Neben der Geografieverschleierung spielte auch die Inhaltsstrategie gegen Entdeckung eine Rolle. Smith habe demnach immer wieder neue KI-generierte Songs erzeugt, damit Häufungen von Abrufen nicht sofort auffallen. Auch die Namensgebung wurde als Taktik beschrieben: Er habe reihenweise Bandnamen wie „Calliope Erratum“ und „Camel Edible“ erfunden. Solche Variationen sind für die Erkennung relevant, weil viele Systeme Muster sowohl auf Content-Ebene (z. B. Wiedererkennbarkeit, Metadaten, Veröffentlichungsfrequenz) als auch auf Nutzungs-Ebene (z. B. Streaming-Rhythmus, Account-Historie, geografische Signale) bewerten.

Die Verteidigung versuchte, die Strafe abzuwehren, indem sie betonte, sein Mandant habe keine anderen Musiker direkt geschädigt. Die Anklage bewertete das anders und stellte den Schaden an echten Marktteilnehmern in den Vordergrund: „Indem er Musikstreaming-Plattformen mit automatisierten Bots statt mit echten Verbrauchern und mit gefälschten Songs statt mit Kreativität überschwemmt, hat Smith echten Künstlern und ihren Fans Tantiemen in Millionenhöhe gestohlen“, sagte der zuständige Bundesstaatsanwalt Jamie McDonald. Für Unternehmen bedeutet das Urteil damit auch: Betrug muss nicht ausschließlich über direkte Zahlungsmanipulation erfolgen, wenn sich die Einnahmen über die Anreizlogik der Plattformauszahlungen „herbeibot“ automatisieren lassen.

Für die Praxis liegt die eigentliche Lehre weniger im Einzelfall als in der Kombination der Angriffspunkte. Streaminganbieter können zwar einzelne Komponenten wie Fake-Accounts oder Bot-Verhalten bekämpfen, doch das Muster aus mehreren Bausteinen – Fake-Identitäten, KI-Content, Bot-getriebene Abrufe, geografische Verschleierung und wechselnde Veröffentlichungsdichte – erfordert abgestimmte Abwehr über Content-, Billing- und Traffic-Signale hinweg. Zugleich werden Entwickler und Daten-Teams gefordert, nicht nur klassische Anomalieerkennung einzusetzen, sondern auch Workflows zu verbessern, die verdächtige Muster auf mehreren Plattformdimensionen konsistent zusammenführen. Im Ergebnis verschiebt sich der Fokus von reiner Erkennung hin zu belastbarer Verifikation, die im Zweifel auch vor Gericht standhält.


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