MOSKAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verbindet stark süßen Geschmack mit dem Entscheidungsverhalten bei Geld. Menschen, die stark süß mögen, greifen in Tests häufiger zu sicheren, sofort verfügbaren Auszahlungen statt zu unsicheren Chancen. Als Erklärungsansatz rücken die Forschenden eine ausgeprägtere Risikoaversion und die Wirkung des körpereigenen Opioidsystems in den Fokus. Offen bleibt, wie gut sich die Laboraufgaben auf Entscheidungen mit hohen realen Einsätzen übertragen lassen.

Süße Vorlieben und Impulsivität: Risikoaversion statt mehr Gier nach Geld
Süße Vorlieben und Impulsivität: Risikoaversion statt mehr Gier nach Geld (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer stark süßen Geschmack bevorzugt, zeigt in ökonomischen Auswahlaufgaben offenbar weniger “Impulsivität” im Sinne von riskanteren Wetten, als man zunächst erwarten würde. Eine Untersuchung aus dem Umfeld des Centre for Cognition and Decision Making an der HSE University in Moskau verknüpft die biologische Süßpräferenz mit Verhalten, das in der Verhaltensökonomie typischerweise als Verzögerungs- und Risikoentscheidung beschrieben wird. Im Kern berichten die Ergebnisse: Die Neigung zu sofortigen, sicheren Belohnungen hängt nicht primär an der Sehnsucht nach größeren Gewinnen, sondern lässt sich teilweise über eine generelle Abneigung gegen Unsicherheit erklären.

Technisch setzt die Arbeit nicht nur auf klassische Fragebögen, sondern nutzt den sogenannten “sweet-liking phenotype” als physiologischen Marker. Dabei werden Probandinnen und Probanden mit fünf Wasserlösungen unterschiedlichen Saccharose-Gehalts getestet; wer die höchste Konzentration als angenehmste Variante bewertet, wird als Sweet-Liker klassifiziert, alle anderen als Sweet-Disliker. Entscheidend ist die Abgrenzung: Der Test misst die Präferenz für eine genau definierte Zuckerlösung, nicht automatisch die alltägliche Vorliebe für “süßes Essen” im Supermarkt-Sinne. Die Forschenden positionieren das als wichtigen methodischen Punkt, weil die Korrelation zwischen Geschmackstests und Essgewohnheiten in früheren Arbeiten als vergleichsweise schwach beschrieben wurde.

Für die Entscheidungskomponente kombinieren die Forschenden mehrere Aufgaben. In Experiment 1 bearbeiteten 49 gesunde Erwachsene zunächst den Süßtest und anschließend eine Lotterieaufgabe: Es gab 60 Entscheidungen zwischen einer garantierten Auszahlung von 100 monetären Einheiten und einer riskanten Lotterie mit bis zu 500 Einheiten bei Wahrscheinlichkeiten von 25, 50 oder 75 Prozent. Danach folgte ein computergestütztes Ballonspiel, bei dem sich echte Rubel über das Aufblasen eines virtuellen Ballons verdienen ließen, aber die Gewinne bei einem Platzen verloren gingen. Die Sweet-Liker erwiesen sich dabei als deutlich risikoaverser: Sie wählten in der Lotterie weniger häufig die unsichere Option, und der Abstand blieb auch dann bestehen, wenn sich Gewinnhöhe oder Gewinnchancen änderten. Überraschenderweise zeigten sich im Ballonspiel dagegen keine Unterschiede zwischen den Gruppen, was die Autoren darauf zurückführen, dass dort Wahrscheinlichkeiten nicht explizit angegeben sind, sondern über Versuche nach und nach gelernt werden müssen.

Die Forscherinnen und Forscher wollten damit gleich zwei alternative Erklärungen gegeneinander abprüfen. Einerseits wäre denkbar gewesen, dass Sweet-Liker stärker zu impulsiven Entscheidungen neigen und deshalb auch eher riskante Setups bevorzugen würden. Andererseits kann eine andere Logik greifen: Wenn Unsicherheit als unangenehm erlebt wird, kann die Entscheidung im Labor besonders deutlich zugunsten sofortiger, sicherer Optionen kippen. In den qualitativen Kommentaren zur Motivation der Studie wird genau diese Richtung angelegt: Die Studienleitung verweist darauf, dass Süßgeschmackspräferenzen mit verschiedenen Suchterkrankungen in Verbindung gebracht wurden und deshalb ein breiter Zusammenhang zu impulsiven, wertbasierten Entscheidungen möglich sein könnte; als biologischer Hintergrund wird dabei auch das Opioidsystem diskutiert, also körpereigene Opioide wie Endorphine, die an der Bewertung von Belohnung gekoppelt sind. Aus dieser Perspektive wäre die Risikoaversion im Vorteil, nicht die “Gier nach dem großen Treffer”.

Experiment 2 setzt den Fokus noch stärker auf den Mechanismus “Zeit vs. Risiko”. In einem neuen Sample von 100 gesunden Erwachsenen erhielt der Süßtest diesmal immer den letzten Platz, um Effekte der Reihenfolge auszuschließen. Parallel arbeiteten die Teilnehmenden wieder mit einer Lotterieaufgabe und einer Verzögerungsaufgabe (delay discounting): Hier galt es, zwischen kleinerer Auszahlung sofort und größerer Auszahlung zu einem späteren Zeitpunkt zu wählen. Die Auswertung zeigt ein differenziertes Muster: Sweet-Liker tendierten insgesamt zwar häufiger zur sicheren, direkt verfügbaren Option, doch der Zusammenhang wird besonders dann sichtbar, wenn in der Lotterie die Unsicherheit am höchsten ist (im Datensatz mit 50 Prozent Gewinnwahrscheinlichkeit). Beim Delay-Discounting sticht außerdem heraus, dass die Sweet-Liker vor allem dann zu sofortigen Entscheidungen neigen, wenn mindestens eine Option ohne Wartezeit verfügbar ist. Wenn jedoch beide Alternativen mit Wartezeit verbunden sind, verschiebt sich das Bild zugunsten der verzögerten, größeren Belohnung. Das sprechen die Forschenden als Hinweis darauf an, dass “Ungeduld” in diesem Setting spezifisch mit der Verfügbarkeit eines sofort sicheren Ergebnisses zusammenhängt.

Auch die Einordnung in bestehende Forschung ist Teil der Argumentationskette. Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass Gehirnschaltkreise, die Wertberechnungen für verzögerte Belohnungen und unsichere Gewinnspiele unterstützen, teilweise überlappen können, was gemeinsame Wurzeln für Zeit- und Risikopräferenzen nahelegt (vgl. u. a. eine Untersuchung in Journal of Neuroscience). Zudem wurde in der Fachliteratur zum delay discounting beschrieben, dass Menschen zwischen “Gewinn jetzt” und “Gewinn später” weniger wertneutral unterscheiden, als es klassische Modelle oft annehmen. Neu ist in der aktuellen Arbeit vor allem die Brücke über die biologische Süßpräferenz: Als Kontrollmaßnahme rechnen die Autorinnen und Autoren die allgemeine Risikoaversion pro Person heraus; der Zusammenhang zwischen Sweet-Liking und der Wahl der sofortigen Option schrumpft um etwa 40 Prozent und verfehlt knapp die statistische Signifikanz. Genau das interpretieren sie als Hinweis, dass Risikoaversion mindestens teilweise als vermittelnder Faktor wirkt.

Für die Praxis ergeben sich zwei interessante Implikationen. Erstens unterstreicht die Studie, dass physiologische Marker nicht automatisch “Geschmacksgewohnheiten” bedeuten, sondern eine eigene Schicht von Wertwahrnehmung abbilden können. Zweitens zeigt die Abhängigkeit vom Aufgabendesign, wie stark Laborparadigmen die beobachtete “Impulsivität” formen: explizite Wahrscheinlichkeiten führen offenbar zu anderen Effekten als lernbasierte Unsicherheit im Ballonspiel. Die Forschenden selbst nennen außerdem Grenzen: Die Experimente nutzen kleine reale Einsätze, es gibt nur 12 Sweet-Liker im ersten Experiment, Teilnehmende wurden jung rekrutiert und Personen mit bestimmten Ausbildungsprofilen ausgeschlossen; die Aufgaben decken zudem nicht den gesamten Bereich an möglichen Verzögerungsgrößen ab. Wer die Ergebnisse also als Ansatzpunkt für künftige Forschung betrachtet, bekommt eine konkrete Richtung: Mechanismen, die mit dem Opioidsystem zusammenhängen, könnten sowohl zeitbezogene Entscheidungen als auch risikoinduzierte Abwägungen in wertbasierten Situationen beeinflussen – und damit auch erklären, warum Präferenzen für intensive Süße nicht nur im Mund, sondern möglicherweise auch im Kopf messbar werden.


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