LUDWIGSHAFEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die SPD in Nordrhein-Westfalen drängt darauf, dass das Land bei Evonik selbst als Gesellschafterin aktiv wird. Hintergrund ist die drohende Übernahme des Chemiekonzerns durch den BASF-Konzern, über die derzeit Sondierungen laufen. Die Fraktion begründet den Vorstoß mit dem Erhalt von Eigenständigkeit, Standortentscheidungen und Arbeitsplätzen im Ruhrgebiet. Offen bleibt, ob und wie die Landesregierung tatsächlich Einfluss über eine Beteiligung ausbauen kann.

Die Übernahmefantasie um Evonik bekommt in Nordrhein-Westfalen politischen Gegenwind: Die oppositionelle SPD fordert, dass die Landesregierung prüft, ob das Land über eine Beteiligung an dem Chemiekonzern Einfluss nehmen kann. Auslöser ist die Situation, in der BASF als mögliche Erwerberin auf Evonik zugeht und damit zugleich Fragen zur Eigentümerstruktur im industriellen Kern des Bundeslands aufwirft. Konkret geht es der SPD nach eigenen Angaben darum, ob das Land als zusätzliche Gesellschafterin die Position der RAG-Stiftung in Richtung einer Mehrheits-Logik verstärken könnte.
In dem von der Landtagsfraktion eingebrachten Antrag verknüpft die SPD das Thema Governance eng mit Industriepolitik: Evonik soll nach ihrer Darstellung ein eigenständiger Konzern bleiben – mit Unternehmenszentrale, Beschäftigung und wesentlichen Entscheidungsfunktionen in Nordrhein-Westfalen. Die Argumentation folgt dabei einem typischen Muster aus früheren Debatten über strategische Beteiligungen: Wer nicht nur indirekt über Arbeitsmarktfolgen reagiert, sondern Eigentümermacht schafft, kann Zielkonflikte bei Investitionen, Standortprioritäten und Produktionsentscheidungen besser steuern. Ein wesentlicher Hebel in der Debatte ist die RAG-Stiftung als größter Evonik-Anteilseignerin, die laut SPD derzeit rund 43 Prozent der Aktien hält.
Technisch und wirtschaftlich ist die Rolle von Mehrheiten dabei mehr als eine Bilanzfrage. Sobald ein Konzern nicht nur über Konsortien oder Minderheitsblöcke gesteuert wird, sondern eine Mehrheitsposition den Ton angibt, verlagern sich Entscheidungen häufig schneller in Richtung konzernweite Rendite- und Synergieplanungen. Die SPD formuliert deshalb die Sorge, dass eine mögliche Verschmelzung von Strategien ausgerechnet bei Einrichtungen wie FuE-Schwerpunkten oder bei komplexen Prozessketten der Spezialchemie an Tempo verliert oder priorisiert wird, um sich stärker an einem größeren Gesamtprofil zu orientieren. Genau daran knüpft die Fraktion ihren Anspruch: Evonik nicht nur als Teil einer Chemiegruppe, sondern als stabilen „Stabilitätsanker“ für das Ruhrgebiet zu erhalten.
Wie stark dieser Konflikt derzeit tatsächlich ist, zeigt die Wortwahl in den Debatten rund um die Sondierung selbst. Laut SPD soll im kommenden Plenum über den Antrag beraten werden, nachdem zuvor bereits über die Initiative berichtet worden war. Der SPD-Fraktionschef Jochen Ott begründete den Vorschlag gegenüber dem Magazin mit dem Ziel, die Bedeutung des Unternehmens für das Ruhrgebiet nicht nur zu untermauern, sondern ein eigener Stabilitätsanker zu werden. Auch Wirtschaftsministerin Mona Neubaur adressiert die politische Dimension, allerdings aus Sicht der Landesregierung: „Evonik ist ein wichtiger Arbeitgeber in unserem Land und wesentlicher Bestandteil unserer industriellen Basis“, sagte Neubaur; es gehe für Beschäftigte und Familien um Einkommen und Sicherheit. Gleichzeitig betont sie den laufenden Austausch und dass sich jede Lösung an den langfristigen Folgen für den Standort messen lassen müsse.
Parallel zur NRW-Debatte bleibt der Deal selbst in der Schwebe. Vor knapp zwei Wochen hatten die beteiligten Unternehmen sowie die RAG-Stiftung bekannt gemacht, dass es ein Angebot gibt; Evonik hatte es dabei als unverbindliche Ansprache durch BASF eingeordnet und das Angebot ausgeschlagen, Gespräche fänden derzeit nicht statt. BASF wiederum hatte den Status der Sondierung offen gelassen („Fortgang und Ausgang der Sondierungen sind gegenwärtig offen“). In solchen Phasen wird üblicherweise nicht nur die Bewertung der Beteiligung, sondern auch das „Protective Package“ diskutiert: Welche Verbindlichkeiten zu Beschäftigung, Standorten und Investitionen sollen vertraglich abgesichert werden, bevor irgendein Eigentümerwechsel operative Konsequenzen entfaltet.
Genau hier setzt die SPD in ihrer Forderungskette an. Nach Darstellung der Fraktion müsse die Landesregierung darauf hinwirken, dass verbindliche Vereinbarungen zum Schutz von Beschäftigung, Standorten und Investitionen getroffen werden. Betriebsbedingte Kündigungen, der Abbau von Arbeitsplätzen sowie die Schließung oder Verlagerung wesentlicher Unternehmensbereiche sollen für einen belastbaren Zeitraum ausgeschlossen werden. Zugleich wird von BASF-Seite unterstrichen, dass es eine strategische Logik hinter dem Interesse an Übernahmen gibt: Konzernchef Markus Kamieth bestätigte sein grundsätzliche Interesse an Unternehmenskäufen und sagte auf einer Konferenz in Berlin: „Als Marktführer wollen wir unsere Chancen dabei nutzen“. Ohne auf die Größenordnung des Angebots einzugehen, begründete er die Synergieidee mit industrieller Logik: „Eine Kombination von BASF und einem anderen starken Spieler aus der Spezialchemie ergibt sehr viel Sinn“.
Die Einordnung aus der Staatskanzlei macht zudem deutlich, dass der politische Zugriff in NRW nicht nur über den Landtag läuft. Ein Sprecher der Staatskanzlei hatte Evonik als wesentlichen Bestandteil der industriellen Basis Nordrhein-Westfalens bezeichnet und dabei auf Klimaschutzbeiträge durch neue und innovative chemische Prozesse verwiesen. Evonik solle als Fähigkeitsträger im Land bleiben, Arbeitsplätze und eigenständige Entwicklung dürften nicht in Frage gestellt werden. Auch Hendrik Wüst (CDU) spielt als Mitglied im Kuratorium der RAG-Stiftung qua Amt eine Rolle, was aus SPD-Sicht den direkten Zugang zu den Beratungen über die Zukunft des Unternehmens erhöht.
Für Unternehmen, die in diesem Marktumfeld investieren, verdichtet sich daraus eine konkrete Leitfrage: Wie werden Eigentümerwechsel in der Spezialchemie so abgesichert, dass technologische Pfade und Standortkompetenzen nicht als „Taktik“ behandelt werden, sondern als strategische Infrastruktur. Die Debatte in NRW zeigt, dass es dabei nicht allein um den Status „Evonik bleibt eigenständig“ geht, sondern um die Mechanik von Einflussnahme – von Mehrheitsrechten über Verbindlichkeiten bis hin zu Investitionszusagen. Wenn Sondierungen aus einer offenen Phase in konkrete Vertragsverhandlungen übergehen, dürfte die politische Forderung nach belastbaren Schutzklauseln damit stärker in den Fokus rücken, insbesondere dort, wo Produktions- und FuE-Ketten eng mit regionalen Ressourcen, Fachkräften und industrieller Infrastruktur verflochten sind.
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