ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik soll eine erste Übernahmeofferte von BASF abgelehnt haben, wie mit dem Vorgang vertraute Personen berichten. BASF habe demnach rund 22,15 Euro je Evonik-Aktie geboten und damit einen Aufschlag von gut 28 Prozent auf den Kurs vor den ersten Spekulationen geboten. Für den Spezialchemiekonzern sei die Offerte offenbar zu niedrig gewesen. Im Hintergrund spielen neben wirtschaftlichen Synergien auch die Interessen von RAG-Stiftung und Beschäftigten eine Rolle.

Die Übernahmefantasie zwischen zwei Schwergewichten der Chemiebranche bekommt eine neue Richtung: Evonik soll eine erste Offerte von BASF zurückgewiesen haben. Dabei ging es laut Berichten um einen Angebotspreis von rund 22,15 Euro je Evonik-Aktie. Der Betrag läge damit mit einem Aufschlag von gut 28 Prozent über dem Kursniveau, das vor dem Bekanntwerden erster Übernahmespekulationen in der Vorwoche gegolten habe. Evonik begründete den Schritt nicht öffentlich, verwies jedoch darauf, dass eine mögliche Transaktion die eigenen Kerngeschäfte stärken und ergänzen solle.
In der Bewertung zeigt sich, warum die Gespräche an dieser Stelle festhaken könnten: Evonik wird inklusive Schulden auf rund 14 Milliarden Euro taxiert, so wie es aus den Verhandlungen abgeleitet wird. Wenn der Markt einen „Freundlichkeitsaufschlag“ erwartet, reichen 28 Prozent Aufschlag offenbar nicht in jeder Rechnung aus. Der Chemiekonzern hätte zudem einen Zeitpunkt getroffen, an dem BASF und Evonik bereits Sondierungsgespräche bestätigt hatten, die nun aber ohne sichtbares Ergebnis in die nächste Runde gehen oder ganz versanden könnten. Dass Evonik die Offerte ablehnte, wirkt deshalb weniger wie ein Stopp aus Prinzip, sondern eher wie ein Signal, dass in der Summe aus Preis und Deal-Logik noch kein tragfähiger Fit gesehen wurde.
Technisch und strategisch dreht sich die Diskussion in solchen Konstellationen oft um Synergien, und genau dort setzt auch die öffentliche Kommunikation an. BASF stellte den möglichen Zusammenschluss als Weg dar, die eigenen Kerngeschäfte zu stärken und zugleich zu ergänzen. Evonik wiederum verwies in der Darstellung auf den Kernmechanismus solcher Deals: Die Bewertung basiere auf einem Synergiepotenzial, das nur unter Einbindung von Evonik verifiziert werden könne. Das klingt nach einer klassischen Verhandlungsformel, hat aber eine harte betriebswirtschaftliche Konsequenz: Sobald Synergien nicht belastbar quantifiziert oder in zeitliche Realisierungspläne übersetzt werden, verschiebt sich die Preisbereitschaft nach unten oder nach hinten.
Für BASF wäre eine Akquisition von Evonik einer der größten Zukäufe in der rund 160-jährigen Firmengeschichte. In der Vergangenheit waren die besonders großen Schlaglichter etwa der Erwerb der Saatgut- und Herbizidgeschäfte von Bayer im Jahr 2018 für 7,6 Milliarden Euro sowie der Kauf des US-Katalysatorherstellers Engelhard im Jahr 2006 für 4,8 Milliarden Dollar. Solche Deals sind nicht nur Kapitalfragen, sondern auch Integrations- und Portfolioentscheidungen: Produktion, Lieferketten, Forschung und Vertrieb müssen zusammengeführt werden, während gleichzeitig operatives Geschäft weiterläuft. Genau deshalb reagieren Kurse in der Regel nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die Einschätzung, wie wahrscheinlich die nächsten Schritte in der Due Diligence und in der Verhandlung über Strukturthemen sind.
Brisant ist dabei auch die Eigentümer- und Governance-Komponente. Bei einem potenziellen Zusammenschluss spielt die RAG-Stiftung eine Schlüsselrolle, weil sie 43 Prozent an Evonik hält. Im Kuratorium ist das Land Nordrhein-Westfalen durch Ministerpräsident Hendrik Wüst vertreten; zudem verfolgt das Düsseldorfer Wirtschaftsministerium das Übernahmeinteresse den Angaben zufolge sehr aufmerksam. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur machte deutlich, dass sich jede Lösung daran messen lassen müsse, ob sie den Investitionen an den Standorten in Nordrhein-Westfalen und den dort arbeitenden Menschen eine Zukunft gebe. Gleichzeitig wollte sich die Stiftung selbst zu der Offerte nicht äußern – gerade dieses Schweigen ist in der Praxis oft ein Hinweis darauf, dass interne Interessenabwägungen laufen.
Noch unmittelbarer wird die Perspektive der Beschäftigten: Der Vorsitzende der Gewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, sitzt sowohl im Kuratorium der RAG-Stiftung als auch im Aufsichtsrat von BASF. Seine Kritik läuft auf ein klares Prinzip hinaus: Ein Kauf eines erfolgreichen Unternehmens durch ein anderes werde nicht automatisch zur Zukunftsgeschichte, nur weil das neue Gebilde größer wird. Damit stellt sich für beide Seiten die Frage, ob zusätzliche Investitions- und Beschäftigungszusagen konkret genug sind, um Standortnachteile in einer späteren Integrationsphase zu verhindern. Vassiliadis fordert Zukunftsperspektiven und Investitionszusagen explizit ein, was in Verhandlungen häufig als Druckmittel dient, um Preis und Deal-Mechanik an soziale und regionale Leitplanken zu koppeln.
Für den Markt hat die Absage ebenfalls messbare Folgen: Evonik-Aktien stiegen zeitweise um bis zu 2,5 Prozent auf 19,85 Euro. Das ist weniger ein Beleg, dass die Übernahme damit endgültig vom Tisch ist, sondern eher eine Reaktion darauf, dass der angebotene Preis offenbar nicht als „angemessen“ akzeptiert wurde. Gleichzeitig bleibt offen, ob BASF nachbessert oder ob sich das Szenario in eine längere Phase aus erneuten Gesprächen und Gegenangeboten verlagert. Unterm Strich zeigt die Entwicklung, wie stark bei großen Chemie-Deals die Balance aus Kapitalmarktlogik, Synergieversprechen, Governance-Strukturen und Arbeitsmarktfolgen bestimmt, ob aus Sondierungsgesprächen am Ende tatsächlich ein belastbarer Deal entsteht.
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