TURIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Dealroom-Gründer Yoram Wijngaarde erwartet, dass Europas VC-Ökosystem innerhalb von fünf Jahren die industrielle Basis in der geschaffenen Gesamtwertschöpfung überholt. Er hält außerdem die Entstehung der ersten VC-gestützten „Trillion-Dollar“-Firma für möglich, obwohl sie heute vermutlich noch in einer frühen Phase steckt. Im gleichen Rahmen nennt er eine klare Finanzlücke zwischen Europa und den USA: Besonders bei späteren Finanzierungsrunden geraten ausländische Investoren stärker ins Spiel. Gleichzeitig zeigt sich die Herausforderung auch in der KI-Infrastruktur, wo europäische Beiträge bislang nur einen Bruchteil des US-Ausgabenvolumens erreichen.

Europas Technologie-Finanzierung entwickelt sich nach Einschätzung von Dealroom so dynamisch, dass sie in wenigen Jahren nicht mehr nur „Zulieferer“ für die Wirtschaft bleiben dürfte, sondern selbst zum dominierenden Werttreiber wird. In einer Session zu „The state of the European Tech Ecosystem“ in Turin sagte Dealroom-Gründer und CEO Yoram Wijngaarde, das VC-gestützte Ökosystem werde innerhalb der nächsten fünf Jahre die industrielle Basis in der Gesamtwertschöpfung überholen, sofern Europa die Rahmenbedingungen richtig setze. Besonders betont er dabei die langfristige Perspektive: Die erste VC-finanzierte „Trillion-Dollar“-Firma sei demnach zwar noch nicht reif, aber sie könne künftig entstehen, wenn Märkte, Kapitalflüsse und Aufbaupfade konsequent auf Skalierung ausgerichtet werden. Für Unternehmen und Investoren verschiebt sich damit die Debatte von „Seed-Finanzierung“ hin zu „Wie entstehen Exits und Skalierung in Masse?“
Für den Status quo nennt Wijngaarde sehr konkrete Kennzahlen. Europäische Venture-Investments laufen seiner Darstellung nach bei 89 Mrd. US-Dollar pro Jahr und wachsen weiter. Große Ticketgrößen kurbeln den Trend an – als Beispiele nennt er Finanzierungsrunden für Mistral, Helsing und Isomorphic Labs. Mistral habe allein im September 3 Mrd. Euro eingesammelt. Gleichzeitig steigt die Zahl der bereits wertstarken VC-gestützten Unternehmen: Europa zählt demnach 56 Firmen, die jeweils mehr als 10 Mrd. US-Dollar wert sind. Insgesamt beziffert Dealroom die Summe der VC-gestützten Unternehmenswerte in Europa auf 4,4 Bio. US-Dollar, fast ein Viertel des Werts des europäischen Aktienmarkts. Interessant ist zudem die Exit-Dynamik: Dealroom ordnet die diesjährigen Exits als größer ein als in früheren Jahren zusammen, darunter Bending Spoons aus Mailand, das im Juli mit einem US-Listing 1,68 Mrd. US-Dollar aufgenommen habe.
Der wichtigste Teil seiner Argumentation liegt jedoch weniger in der absoluten Zahl an Deals, sondern in den Verläufen über Finanzierungsstufen hinweg. Dealroom weist laut seinen Daten 54.771 europäische Startups aus, die mindestens 100.000 US-Dollar eingesammelt haben – gegenüber 79.432 in den USA. Der Abstand werde über jede weitere Stufe größer: Bei Unternehmen, die 100 Mio. US-Dollar oder mehr aufgebracht haben, komme Europa auf 1.233 gegenüber 5.115 in den USA. Noch deutlicher wird die Spitze: Vier europäische Firmen seien jeweils mehr als 100 Mrd. US-Dollar wert – Spotify, Arm, Booking.com und Revolut –, während die USA sieben Unternehmen jenseits der 1-Billionen-US-Dollar-Grenze hätten, Europa hingegen keine. Technisch und strategisch ist das ein Hinweis darauf, dass nicht nur frühes Wachstum zählt, sondern vor allem Kapitalverfügbarkeit im späteren Entwicklungs- und Skalierungsfenster: Diese Phasen entscheiden häufig darüber, ob aus einem starken Produkt ein marktbeherrschender Plattformanbieter oder „nur“ ein großer Nischenplayer wird.
Wijngaarde liefert auch eine Erklärung, warum sich das in den späteren Anteilsstrukturen zeigt. So sei die Investitionstätigkeit US-amerikanischer Fonds wie Sequoia, General Catalyst und Accel in Europa demnach im Jahresvergleich fast verdoppelt. Dadurch besäßen ausländische Investoren bei Europas erfolgreichsten Startups zunehmend die späteren Aktienpakete, und die daraus resultierenden Gewinne würden wiederum eher aus Europa abgezogen. Ergänzend ordnet er die Kapitalbasis in Europa ein: Europäer würden zwar viel sparen, aber ein Großteil lande auf Bankkonten und im Wohnungsmarkt statt als Eigenkapital in VC-Fonds. In einer konkreten Rechenannahme zeigt er den Hebel: Wenn allein 1% des europäischen Pensionskapitals in Venture Capital fließen würden, könnte das Geld für Scale-ups um 50% steigen. Für die Praxis bedeutet das: Selbst bei weiterhin hohen Deal-Zahlen bleibt die kritische Stellschraube die Frage, wie viel „langes Geld“ bereitsteht, um Wachstum bis zu den großen, wertebildenden Runden zu finanzieren.
Der gleiche Kapital- und Steuerungsunterschied taucht aus Sicht der Sprecher auch im KI-Bereich auf. Der „State of AI Report 2026“, herausgegeben von Nathan Benaich und Air Street Capital, verweist darauf, dass vier US-Hyperscaler in diesem Jahr rund 733 Mrd. US-Dollar an Capex für KI erwarten. Demgegenüber sei der EU-Beitrag zu „AI gigafactories“ zunächst mit 1 Mrd. Euro veranschlagt – in einem Plan, der bis zu 10 Mrd. Euro aus öffentlichen Mitteln sowie mindestens 20 Mrd. Euro von privaten Investoren anstrebt. Benaich argumentiert dabei außerdem, dass ein Rechenzentrums-Standort in Europa der Region nicht automatisch die Kontrolle über die Modelle im Inneren verschaffe. Das ist aus technischer Sicht zentral: Hosting und Training lassen sich zwar geographisch verorten, aber die resultierenden Modellentscheidungen und das Betriebssystem aus Datenpipelines, Feinabstimmungen und Inferenz-Strategien bestimmen letztlich, wem die Wertschöpfung im KI-Stack zufällt.
Damit allein mehr Geld nicht reicht, stimmen die Aussagen im zweiten Teil der Diskussion überein. Wijngaarde nennt als Gegenfaktoren besonders die Kosten und Hürden bei Unternehmensrestrukturierungen; in Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich gebe es deshalb weniger Unicorns pro Kopf. In Dänemark und den USA seien solche Kosten hingegen niedriger. Außerdem habe ein erheblicher Teil der europäischen Unicorn-Gründer ihre Unternehmen in den USA aufgebaut – er beziffert das auf rund 42%. Daraus leitet er strukturelle Forderungen ab: Ein einheitlicher europäischer Kapitalmarkt könnte die Fragmentierung verringern; als politische Referenzen nennt er Ideen, die auch von Enrico Letta und Mario Draghi unterstützt werden. Parallel plädiert er für ein „EU Inc“-Modell als neue Rechtsform, die EU-weit funktionieren soll. Wehmeier ergänzt schließlich den Blick auf öffentliche Ausgaben: Europa gebe jährlich etwa 2 Bio. Euro für öffentliche Vergaben aus, doch nur ein sehr kleiner Anteil fließe in Startups. Eine Ausnahme bilde Verteidigung, wo Geld bereits zu Unternehmen wie Helsing und Quantum Systems gelangt sei – Quantum Systems habe im Juli 1,2 Mrd. US-Dollar aufgebracht.
Aus der Summe dieser Punkte wird ein klares Bild für die nächsten Jahre: Europas VC-Ökosystem besitzt genügend Zugkraft, um die Zahl wertstarker Unternehmen zu erhöhen, aber der Engpass sitzt in den späteren, besonders kapitalintensiven Stufen sowie in den Kapitalflüssen selbst. Für KI-Infrastruktur bedeutet das, dass „Aufbau“ zwar notwendig ist, aber ohne Steuerbarkeit bei Daten, Modelltraining und Betriebsentscheidungen nur begrenzt Wert in der Region binden dürfte. Gleichzeitig zeigt der Hinweis auf nationale Unterschiede bei Restrukturierungswegen, dass eine rein finanzielle Lösung ohne rechtliche und prozessuale Erleichterungen nicht alle Lücken schließen kann. Die Debatte verschiebt sich damit von „mehr Investments“ zu „bessere Pfade“: Wie lassen sich Europa-weit Kapital, Exit-Mechaniken und Technologie-Stacks so koordinieren, dass Wachstum nicht über den Atlantik abwandert, sondern in Europa skaliert.
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