BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Auswertungen liegt das Wohlbefinden vieler Studierender klar unter dem Niveau der Allgemeinbevölkerung. Besonders deutlich wird die Notlage bei alleinlebenden Studierenden: 82,4 Prozent gelten als armutsbetroffen. Zudem steht im Monatsbudget nach Wohnkosten im Median weniger als der reguläre Bafög-Grundbedarf zur Verfügung. Reformpläne erhöhen zwar Pauschalen, erreichen aber nach Einschätzung der Verbände die reale Preisentwicklung erst deutlich später.

Der Studienalltag an deutschen Hochschulen belastet einen erheblichen Teil der Studierenden nicht nur akademisch, sondern auch gesundheitlich. Auswertungen der Krankenkasse Barmer zeigen, dass 42 Prozent der befragten Studierenden ihr eigenes Wohlbefinden als schlecht oder eingeschränkt beschreiben, während lediglich 37 Prozent ihren Zustand als gut bis sehr gut einordnen. Auf einen standardisierten Well-Being-Index übersetzt, erreichen die Studierenden 54 von 100 Punkten – der Wert liegt damit über einer klaren Schwelle, die eher für leicht beeinträchtigtes Befinden steht, während der Vergleichswert für die Gesamtbevölkerung bei rund 60 Punkten liegt. Auffällig ist dabei der Verlauf: Studienanfänger bewerten ihre Lage insgesamt noch positiver als Studierende in höheren Semestern, was auf eine zunehmende Kumulation von Belastungen hindeutet.
Technisch betrachtet lassen sich solche Muster oft als Kombination aus zeitlicher Taktung und Ressourcenknappheit erklären. Mit fortschreitender Studiendauer treffen regelmäßig wiederkehrende Anforderungen – etwa die Planung über Prüfungszeiträume hinweg – auf begrenzte finanzielle Puffer. Die Barmer ordnet dies ausdrücklich als potenziell gesundheitsschädliche Dauerbeanspruchung ein: Wenn Belastungen über längere Zeit anhalten, kann das das Wohlbefinden und die Gesundheit nachhaltig beeinträchtigen. Genau hier setzt die Debatte um, die aus Sozial- und Bildungsdaten schon seit Jahren bekannt ist: Materielle Rahmenbedingungen wirken nicht nur auf die Lebenshaltung, sondern verschieben auch die mentale Stabilität, weil Unsicherheit über Miete, Lebenshaltung und Verfügbarkeit von Unterstützung ständig präsent bleibt.
In diesem Kontext bekommt der Begriff „Armut im Studium“ eine sehr konkrete Dimension. Eine Kurzexpertise mit dem Titel „Arm im Studium“ wurde von der Forschungsstelle des Paritätischen Gesamtverbands in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Studierendenwerk erstellt und zeigt, dass knapp 38 Prozent aller Studierenden unter der Armutsgrenze liegen. Bei Studierenden mit erwerbstätigen Mitbewohnern liegt die Quote bei fast 42 Prozent, in Wohngemeinschaften bei 70,4 Prozent. Besonders drastisch ist aber die Lage alleinlebender Studierender: 82,4 Prozent gelten hier als armutsbetroffen – ein Anteil, der mehr als fünfmal so hoch ist wie in der Gesamtbevölkerung. Besonders eng wird es bei den verfügbaren Einkommen: Ein Drittel der Studierenden hat weniger als 1.445 Euro netto zur Verfügung. Alleinlebende stechen dabei noch einmal heraus, weil ihr Medianeinkommen bei 900 Euro pro Monat liegt, nach durchschnittlichen Wohnkosten von 461 Euro jedoch nur 439 Euro verbleiben.
Für die reale Wirkung ist entscheidend, wie sich diese Lücke zu staatlichen Unterstützungsleistungen verhält. Der verbleibende Betrag von 439 Euro liegt unter dem regulären Bafög-Grundbedarf von 475 Euro – damit fehlt nicht nur „etwas“, sondern eine strukturelle Basis, um Lebenshaltung planbar zu halten. Gleichzeitig decken staatliche Hilfen bei Weitem nicht den gesamten Bedarf ab: Nur 13,8 Prozent des Einkommens alleinlebender Studierender stammen aus Ausbildungsbeihilfen; 43,1 Prozent müssen sie durch eigene Erwerbstätigkeit erwirtschaften. Im Jahr 2024 erhielt lediglich jede neunte studierende Person eine Bafög-Förderung. Auch die geplanten Änderungen führen nicht automatisch zu einer dauerhaften Entlastung, solange die Grundmechanik aus Mieten, Lebenshaltung und verzögerter Anpassung bestehen bleibt.
Die derzeitige Bafög-Gesamtförderung beziffert sich auf 855 Euro, zusammengesetzt aus Grundbedarf und einer Wohnkostenpauschale von 380 Euro. Zwar sehen geplante Anpassungen ab dem 1. April 2027 eine Anhebung der Wohnkostenpauschale auf 440 Euro vor – dennoch bleibt das laut Darstellung weiterhin unter den tatsächlichen durchschnittlichen Wohnkosten von 461 Euro. Der Grundbedarf soll im Wintersemester 2027/28 auf 503 Euro und im Sommersemester 2029 auf 563 Euro steigen. Gleichzeitig wird der Wohnzuschlag für Studierende im Elternhaus von 59 auf 41 Euro gesenkt und ab 2029 vollständig entfallen. Der Paritätische Gesamtverband stuft die Novelle als zu wenig ambitioniert ein, weil sie erst 2029 das Existenzminimum des Jahres 2024 erreiche. Studienautorin Greta Schabram argumentiert dabei, die Reform bringe zwar Entlastung, komme jedoch zu spät und müsse künftig dauerhaft an die Entwicklung von Löhnen und Mieten gekoppelt werden, damit sie nicht wieder hinter der Realität zurückbleibt.
Neben den Rechenwegen der Finanzierung verschärft Infrastruktur die Lage an einzelnen Hochschulstandorten. In Berlin etwa stehen zum Start des Wintersemesters rund 4.000 Studierende auf Wartelisten für einen Wohnheimplatz. Solche Engpässe wirken wie ein Multiplikator: Selbst wer Anspruch auf Unterstützung hat, stößt auf Verzögerungen, weil Wohnraum knapp und Termin-Logiken häufig nicht flexibel genug sind. Die Bildungsgewerkschaft fordert in diesem Zusammenhang die Rücknahme von Kürzungen im Hochschulbereich und gezielte Investitionen in bezahlbare Rahmenbedingungen für Studierende. Dazu passt, dass an der Technischen Universität und an der Humboldt-Universität laut Darstellung über 90 Prozent der Gebäude einen kurz- oder mittelfristigen Sanierungsbedarf aufweisen, bei einem geschätzten Gesamtaufwand von über 8 Milliarden Euro. Wenn Budgetdruck auf Betreiberseite und Studierende gleichzeitig wächst, verschiebt sich der Konflikt oft vom Lehralltag in die Frage, wie Hochschulen ihre Bildungsinfrastruktur in einer angespannten Finanzrealität aufrechterhalten.
Damit wird auch klar, warum die Debatte nicht allein auf einzelne Instrumente wie Bafög verengt bleibt. Wenn knappes Einkommen und steigende Wohnkosten den Handlungsspielraum reduzieren, entstehen typische Nebenwirkungen: mehr Stunden in Erwerbsarbeit, weniger Zeit für Erholung und häufig eine stärkere Belastung durch ungleich verteilte Wohnsituation. Für Hochschulen und Politik liegt die Herausforderung daher weniger in der Existenz einzelner Programme als in ihrer zeitlichen Passung und in der Verlässlichkeit über den Studienverlauf. Der Hinweis auf den Anteil der Einkommen aus Ausbildungsbeihilfen und aus eigener Arbeit zeigt zudem, dass viele Studierende faktisch parallel studieren und finanzielle Risiken managen – ein Zustand, der sich besonders bei alleinlebenden Personen verdichtet. Im Ergebnis geht es bei dieser Veröffentlichung nicht nur um eine Sozialkennzahl, sondern um die Frage, wie Bildung in Deutschland auch dann tragfähig bleibt, wenn materielle Spielräume klein sind.
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