MONS / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf der RAeS-„President’s Conference 2026“ rückte „assured space“ als neue Logik in den Mittelpunkt: Entscheidend ist nicht mehr Aktivität im All, sondern die **Kontinuität der Wirkung** trotz Ausfall, Störung oder Angriff. Die Veranstaltung verknüpfte dabei zivile und militärische Raumfähigkeiten stärker als bisher und stellte Satelliten nicht nur als Systeme, sondern als Teil einer fortlaufenden Wertschöpfungskette dar. Für die britische Raumfahrtpolitik lieferten neue Leitlinien konkrete Leitplanken rund um Satcom, In-Space-Manufacturing und Space-Domain-Awareness. Gleichzeitig zeigte ein Großteil der Fachbeiträge, wie sehr Verfügbarkeit, Datenhoheit und industrielle Fertigung zusammenhängen.

Wenn Raumfahrt bislang als Technologie-Thema behandelt wurde, rückt auf der „RAeS President’s Conference 2026“ eine andere Perspektive in den Vordergrund: Raum wird als kritische (inter)nationalen Infrastruktur verstanden, auf die der Alltag unmittelbar angewiesen ist. Die Royal Aeronautical Society formulierte den Spannungsbogen vom „Exploiting Space“ hin zum „Assuring Space“ sehr bewusst, mit einer Definition, die am Ende des Tages fast wie ein Service-Level-Statement wirkt: Assured Space bedeutet, die gesamte Raum-Wertschöpfungskette so zu sichern, dass wesentliche Outcomes auch bei Fehlern, Störungen oder Angriffen weiter eintreten. Professor Malcolm Macdonald (RAeS) knüpfte dabei historisch an die Gründung der Society an und erinnerte an das Jahr 1866, als das erste transatlantische Telegrafenkabel den Grundstein für globale Kommunikation legte. Die Analogie ist nicht nur rhetorisch: Sie soll erklären, warum moderne Gesellschaften Datenflüsse im Orbit inzwischen genauso selbstverständlich nutzen wie früher terrestrische Leitungen.
Technisch betrachtet folgt daraus eine Verschiebung der Messgröße. Nicht die Frage „Haben wir eine Mission durchgeführt?“ zählt, sondern „Bleibt die Wirkung verfügbar?“. Genau diese Logik wurde später auch politisch gespiegelt: Aus dem britischen Kontext heraus kritisierte Macdonald, dass in den letzten zwei Jahrzehnten zwar viele Strategien, Reviews und Reformen existiert hätten, das Problem jedoch vor allem die Kontinuität blieb. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den wirtschaftlichen Dimensionen, die in der Konferenz in Zahlen konkret wurden: Laut dem Video-Impuls von Baroness Lloyd hängt ein 19-Milliarden-Pfund-Sektor mit etwa 450 Milliarden Pfund an wirtschaftlicher Aktivität am Satelliten-Ökosystem, annähernd ein Fünftel des britischen Bruttoinlandsprodukts. Die Debatte wurde damit von einer reinen Technik-Agenda hin zu einer Frage der Resilienz und der Beschaffungsrealität erweitert.
Am deutlichsten wurde der Wandel hin zu „contest ed space“ durch den Beitrag des NATO Deputy Supreme Allied Commander Europe ACM Jonny Stringer, der per Video aus SHAPE HQ in Mons zugeschaltet war. Er beschrieb, dass die Zeit „nach dem Kalten Krieg“ und die Phase des „Global War on Terror“, in der Satellitenkommunikation und GPS häufig als funktionierende „free goods“ galten, heute vorbei sei. Die Konferenz machte das an Beispielen greifbar – etwa an einem Brandanschlag auf eine Starlink-Ground-Station in Polen –, und verband dies mit einer breiteren Sicht auf Assured Space: Neben Satcom, ISR, PNT und Missile Warning wurden auch industrielle Kapazitäten, Rohstoffe, Finanzierung sowie „informed societal and political engagement“ als Teil der Raumkontrolle diskutiert. Für die operative Ebene stellte Stringer außerdem klar, dass NATO den Ausbau seiner Space-Power künftig nicht nur konzeptionell, sondern mit Raum-Zielvorgaben in einem neuen Verteidigungsplanungszyklus untermauert und dafür auch bereits 2025 ein „Red Flag“-ähnliches, raumzentriertes Übungsmuster gefahren hat.
In den Panels „Towards Assurance“ und „Space as intrinsically dual use“ prallten anschließend zwei Fragen aufeinander: Muss Assured Space Hardware-Ownership bedeuten, und wie lässt sich Souveränität in eine zunehmend dienstebasierte Welt übersetzen? Andrew Turner (Saibre Capital) brachte die Beschaffungslogik auf einen prägnanten Nenner: „Wir beschaffen durch die Rückspiegelansicht.“ Seine Argumentation zielte auf den Wechsel von „Capability-Ownership“ hin zu „Capability-as-a-Service“ – also darauf, dass aktuelle kommerzielle Dienste unter Umständen schneller und günstiger Resilienz schaffen können als langfristig allein getragene Hardwareprogramme. Gleichzeitig wurde über Datenhoheit gesprochen, weil souveräne Kontrolle über Datenflüsse in vielen Debatten stärker gewichtet wurde als der Besitz einzelner Plattformen. In der Dual-Use-Diskussion wurden diese Spannungen durch konkrete Anwendungsfälle untermauert: Infrarotsatelliten, die ursprünglich auf Umweltüberwachung ausgelegt sind, sehen auch thermische Signaturen von Drohnenfabriken oder Raketenstarts – Verteidigungsnutzung liegt damit technisch oft bereits im Datenstrom.
Ein besonders praktischer Block behandelte dann die physische Realität von Engpässen und Risiken: „Congested and contested“ wurde dabei nicht als Schlagwort, sondern mit Zahlen und Zeitachsen hinterlegt. Prof Gemma Attrill (Dstl) verwies auf Prognosen von 60.000 bis 100.000 Satelliten in der Low-Earth-Orbit-Umgebung bis 2030 und erklärte, weshalb LEO dadurch überfüllt und „contest ed“ wird, während die Sonne weiterhin als nicht verhandelbare Variable gilt. Raumwetter in Form starker geomagnetischer Stürme habe bereits 2022 sichtbar „havoc“ erzeugt; die nächste große Störung sei „when, not if“. Dazu kamen Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte: UCLs Prof Eloise Marais schilderte, dass die wachsende Frequenz von Starts und Deorbiting selbst bei wohlmeinenden Ansätzen Schadstoffe in die Stratosphäre einträgt, dort länger verbleibt und damit messbar nachhaltigkeitsrelevante Effekte auslöst. Auf Betreiberseite spiegelte Eutelsat OneWebs Pablo Minhuijon Pallas die operative Konsequenz: Manuelle Koordination von Conjunctions sei nicht mehr realistisch; statt Datenabsprachen über Schnittstellen dominierten automatisierte Warn- und Alert-Prozesse.
Der zweite Konferenztag zeigte schließlich, wie Assured Space auch in Software-, Daten- und Personalfragen übersetzt wird. Dr Alice Bunn (neue Co-Director-Rolle bei der UK Space Agency) stellte heraus, dass die britische Raumfahrtpolitik stärker von einer „hands-off“-Marktlogik zu einer abgestimmteren zivil-militärischen Steuerung übergehen wolle: klare Prioritäten wie Launch, Satcom, Space Domain Awareness und In-Space-Manufacturing, dazu Einkauf als „tough thing“ statt nur Förderprogramme. Parallel wurde „People as CNI“ als eigener Strang behandelt: Die Konferenz betrachtete Talente, Diversität und Wissensweitergabe als strategische Infrastruktur, ähnlich wie physische Anlagen. In diesem Kontext wurden auch Innovationspfade diskutiert, die über reine Technology Readiness Levels (TRLs) hinausgehen sollen, weil TRLs zwar Ingenieursrisiken reduzieren helfen, aber in schnelllebigen Märkten wie KI oft nicht mehr gut genug erklären, wie kommerzielle Reife und Lieferfähigkeit tatsächlich entstehen. Besonders interessant war zudem die technologische Demonstration aus dem KI-Umfeld: Das TESSERA-Projekt (University of Cambridge) komprimiert über ein Jahr Sentinel-1- und Sentinel-2-Beobachtungen zu 128-dimensionalen Embedding-Vektoren pro 10-Meter-Pixel, um zeitliche Veränderungen für Wissenschaft, Naturschutz und Politik leichter auswertbar zu machen.
Am Ende verdichtete sich das Bild zu einer Art „dritter Ära“ der Raumfahrt: Nach Zugang und Ausnutzung trete nun Assurance in den Vordergrund. In der Metapher „Space as the new sea lanes“ erklärte AM Mark Flewin (RAF Air & Space Commander), dass es nicht darum geht, jede Raumstrecke zu besitzen, sondern die Fähigkeit zu sichern, wenn die Nation Raum braucht. Entscheidend seien dafür persistent Space Domain Awareness, interoperable Datenquellen und Systeme, die auch unter Störung, Degradierung oder gezielten Angriffen Entscheidungen ermöglichen. Nick Earl (Safran UK) ergänzte die industrielle Seite: Assured Space sei kein einzelnes „unverwundbares“ Satellitenprodukt, sondern ein Ökosystem, das operieren, sich anpassen und nach Unterbrechungen wiederherstellen kann. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eins: Resilienz wird zunehmend über Schnittstellen, Lieferketten, Qualifizierung, Fertigungsreife und Datenflüsse definiert – und nicht mehr nur über die spektakuläre Demonstration eines einzelnen Prototyps.
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