BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) sieht bei Temu und SHEIN eine klare Wachstumsdelle. Laut Angaben sanken die Erlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 35,5 Prozent auf 566 Millionen Euro. Als Auslöser nennt die BEVH-Hauptgeschäftsführerin Alien Mulyk vor allem die Verteuerung von Kleinsendungen aus Drittstaaten durch weggefallene Zollfreigrenzen. Der Marktanteil der drei größten asiatischen Plattformen im deutschen Onlinehandel ist im zweiten Quartal von 5,3 Prozent auf 3,1 Prozent zurückgegangen.

Der deutliche Rückgang bei Umsätzen asiatischer Shopping-Plattformen in Deutschland lässt sich nicht nur als Stimmungseffekt im Handel lesen, sondern als direktes Ergebnis der veränderten Zolllogik. Nach Angaben des Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) sind die Erlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 35,5 Prozent auf 566 Millionen Euro zurückgegangen. Im Fokus stehen dabei Temu und SHEIN, deren Wachstum sich laut Verband „ins Stocken geraten“ sei.
Alien Mulyk, die Hauptgeschäftsführerin des BEVH, ordnet die Entwicklung in erster Linie den höheren Kosten zu, die beim Import kleiner Sendungen aus Drittstaaten entstehen. Der Mechanismus ist für Endkundinnen und Endkunden zwar oft nur als „teurer an der Kasse“ sichtbar, technisch und kaufmännisch aber eine Frage der Sendungslogistik: Wenn Abgaben und zusätzliche Gebühren fällig werden, rutschen Preispunkte, die zuvor gerade noch zur Kategorie der „margenschwachen Niedrigpreisprodukte“ passten, deutlich nach oben. Mulyk bringt es auf den Punkt: Höhere Abgaben würden genau bei diesen günstigen Angeboten stärker durchschlagen als bei Waren, die ohnehin schon höhere Verkaufsspannen tragen.
Besonders auffällig ist die Marktanteilsentwicklung, die der Verband mit konkreten Quartalszahlen belegt. Demnach ist der Marktanteil der drei größten asiatischen Plattformen im deutschen Onlinehandel auf 3,1 Prozent gesunken, nachdem er zuvor stark gestiegen war und einen Rekordwert erreicht hatte. Im zweiten Quartal hatte dieser Anteil noch 5,3 Prozent betragen. Damit verändert sich auch die Ausgangslage für die Konkurrenz: Wer über kurze Preisanker im Massengeschäft wächst, braucht eine stabile Kostenbasis pro Sendung; sobald die Kosten pro Paket und die Abgabenquote steigen, wird aus Wachstum schnell ein Volumenrisiko.
Die Ursachen liegen im Zeitplan der Zollmaßnahmen. Die Zollfreigrenze von 150 Euro für Warensendungen aus Nicht-EU-Staaten ist im Juli weggefallen, seitdem ist jede Sendung aus Drittstaaten zollpflichtig. Für Kleinsendungen bis 150 Euro fällt pro Warengruppe eine Pauschale von drei Euro an, und ab November kommt zudem eine Bearbeitungsgebühr von 2 Euro hinzu. Die Politik verfolgt dabei das Ziel, große Mengen besonders billiger Waren aus Drittstaaten stärker einzudämmen und damit den Wettbewerb im Binnenmarkt zu stabilisieren.
Dass der BEVH das Vorgehen dennoch als nicht ausreichend ansieht, zeigt sich in der Forderung nach konsequenterer Durchsetzung. Mulyk argumentiert, für fairen Wettbewerb müsse die EU die Marktüberwachungsbehörden stärken und bestehendes Recht wirksam durchsetzen. Im Kern geht es also nicht nur um Zollbeträge, sondern auch um die Fähigkeit des Systems, Verstöße im Onlinehandel schneller zu identifizieren. Für den Markt bedeutet das: Unternehmen müssen parallel an zwei Fronten arbeiten – an der Preis- und Abgabenlogik im Import sowie an der regulatorischen und operativen Compliance im Vertrieb.
Auch abseits der asiatischen Plattformen verliert der Onlinehandel in Deutschland nach Verbandsangaben an Tempo: Die Umsätze lagen im dritten Quartal 2,9 Prozent über dem Vorjahresquartal, wobei die Inflation nicht berücksichtigt wurde. Zwischen April und Juni hatte der Markt noch um gut 5 Prozent zugelegt. Als Ursache nennt der Verband eine schlechtere Konsumstimmung. Für die Praxis heißt das: Selbst wenn Zollkosten bestimmte Angebote aus dem Preiskorridor drängen, entscheidet im gleichen Atemzug auch die Nachfrageelastizität – Käuferinnen und Käufer reagieren bei abkühlender Stimmung besonders sensibel auf Preisaufschläge, Lieferkosten und mögliche Zusatzabgaben.
Am Ende spiegeln sich die Effekte auch an der Börse wider: Die SHEIN-Aktie verlor in Hongkong 1,17 Prozent auf 35,46 HKD. Solche Kursbewegungen sind zwar kein direkter „Beweis“ für Ursache und Wirkung, sie passen aber zur beschriebenen Kosten- und Marktlogik. Wenn aus wenigen Euro Pauschale und Bearbeitungsgebühr pro Sendung spürbare Mehrkosten werden, verlagert sich der Wettbewerb weg von aggressivem Niedrigpreiswachstum hin zu stabileren Preisstrukturen, schnelleren Liefer- und Retourenprozessen sowie klareren Service- und Fulfillment-Mechanismen. Für Unternehmen, die im E-Commerce international skalieren wollen, wird damit ein Thema besonders relevant: die Belastbarkeit der gesamten Lieferkette vom Cross-Border-Einkauf bis zur Zustellung im Zielland.
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