FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Volker Schlöndorff beschreibt bei der Frankfurter Buchmesse die Arbeit an Literaturverfilmungen als einen Prozess, bei dem er „Vampirismus“ spürt. In seinem neuen Film „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ verbindet er ein historisches Romanpanorama mit einer Bildsprache, die auch „zwischen den Zeilen“ sichtbar machen soll. Autorin Jenny Erpenbeck lobt die Zusammenarbeit und betont ihr Mitsprachrecht bei der Besetzung. Das Kino-Startdatum steht bereits fest: 15. Oktober.

Schlöndorff über „Vampirismus“ bei Literaturverfilmungen auf der Frankfurter Buchmesse
Schlöndorff über „Vampirismus“ bei Literaturverfilmungen auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn aus einem Roman ein Spielfilm wird, entscheidet sich nicht nur darüber, welche Szenen übernommen werden, sondern auch, wie stark die innere Logik der Vorlage im fertigen Bild nachlebt. Genau diesen Punkt hat Regisseur Volker Schlöndorff auf der Frankfurter Buchmesse in den Mittelpunkt gestellt. Seine provokante Metapher vom „Vampirismus“ bringt dabei weniger ein literarisches Vorurteil zum Ausdruck, sondern die Arbeitsrealität: Beim Übersetzen von Sprache in Handlungen, Einstellungen und Dialogelemente fühlt sich Schlöndorff offenbar so, als würde der Film dem Buch „Blut“ entziehen. Gleichzeitig formuliert er aber auch den Anspruch, dass dabei nicht nur Figuren ausgetauscht werden, sondern Substanz bewahrt bleibt.

Der konkrete Anlass für die Debatte ist die prämierte Verfilmung „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, die am Freitagabend auf der Buchmesse die Auszeichnung für die beste Verfilmung eines literarischen Stoffes erhalten hat. Regisseure, Produzenten und Literaturvermittler kennen solche Preisentscheidungen vor allem als kulturelles Signal. Im Fall der Frankfurter Buchmesse wird der Bewertungsfokus jedoch mit einer ziemlich handfesten Begründung verknüpft: Der Direktor der Buchmesse, Jürgen Boos, hob hervor, dass der Film die Genauigkeit und Haltung der Vorlage schaffe, und zugleich Bilder finde, „was zwischen den Zeilen“ liege. Für die Praxis heißt das: Ein Literaturtext mit verborgenen Bezügen verlangt filmische Übersetzungsarbeit, etwa bei Blickachsen, Pausen, wiederkehrenden Motiven oder der Art, wie historische Brüche in einer Familien- und Figurenkonstellation sichtbar werden.

Technisch betrachtet liegt hier eine typische Herausforderung der Literaturadaption: Die Vorlage arbeitet mit Erzählebenen und Perspektivwechseln, während der Film stärker über Zeitmontage, Dramaturgie und visuelle Semantik funktioniert. Der Roman, auf den der Film basiert, erzählt von 15 Figuren, die durch ein Sommerhaus an einem märkischen See miteinander verbunden sind. Genau diese Bündelung über ein Ortssymbol erlaubt eine filmische Struktur, in der Geschichte als Kontinuität und als Verschiebung zugleich erzählt wird. Der Roman spannt dabei den Zeitraum von der Weimarer Republik bis zum Ende der DDR auf, also eine Phase, in der sich gesellschaftliche Regeln, Lebensentwürfe und Sprache massiv verändern. Dass der Film dieses Spiegelbild deutscher Geschichte in ein Ensemble-Format mit Hauptdarstellern wie Lars Eidinger und Martina Gedeck überführt, ist zugleich ein dramaturgisches Wagnis: Viele historische Epochengrenzen müssen in einer überschaubaren Laufzeit glaubwürdig überbrückt werden, ohne dass Figuren zu reinen historischen Stellvertretern werden.

Besonders interessant ist, wie stark die Autorin selbst in den Prozess eingebunden war. Jenny Erpenbeck zeigte sich bei ihrem gemeinsamen Auftritt mit Schlöndorff mit der Kooperation sehr zufrieden. Laut ihrer Darstellung sei der Regisseur „unglaublich respektvoll und vorsichtig und behutsam“ mit ihr und ihren Vorstellungen umgegangen. Noch greifbarer wird es in einem Punkt, der für Entwickler, Produzenten und Verantwortliche in der Medienbranche oft entscheidend ist: Erpenbeck hatte sogar ein Mitsprachrecht bei der Auswahl der Schauspieler. Damit wird nicht nur der künstlerische Ton getroffen, sondern auch ein Qualitätshebel adressiert, der in Literaturverfilmungen häufig unterschätzt wird – die Frage, ob der Körper und die Stimme der Figuren die literarische Haltung wirklich tragen können.

Aus Branchensicht verweist die Auszeichnung zudem auf einen Trend, der seit Jahren in der deutschen Filmkultur diskutiert wird: Literaturverfilmungen sind nicht automatisch „leichte“ Auftragsarbeiten. Gerade wenn ein Stoff wie ein Jahrhundertpanorama mit mehreren Figurenketten arbeitet, wird die Adaption zur Formfrage. Preise für Verfilmungen lesen sich deshalb oft wie eine Standortbestimmung: Man honoriert nicht nur Werktreue, sondern auch, wie gut es gelingt, Spannung, psychologische Verdichtung und historische Rahmung in ein eigenständiges Kinoerlebnis zu transformieren. „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ startet in deutschen Kinos am 15. Oktober, womit sich die Diskussion nach der Messe direkt in die Publikumswahrnehmung verschiebt.

Auch die Bildidee „zwischen den Zeilen“ ist für die Umsetzung relevant, weil sie die Grenze zwischen Illustration und Interpretation beschreibt. Literatur kann Dinge andeuten, ohne sie auszusprechen; der Film dagegen muss eine Form von Sichtbarkeit herstellen, sei es über Gegenstände, Bildkomposition, Rhythmus oder über das Verhalten der Figuren. Wenn Schlöndorff davon spricht, dass er die Vorlage genau trifft, klingt das nach einem sorgfältigen Umgang mit Themen wie Verdrängtem und Wiederkehrendem – also nach einer Dramaturgie, die nicht alles erklärt, sondern Spuren legt. Genau hier entscheidet sich im Regiealltag, ob das Ergebnis als bloße Nacherzählung wahrgenommen wird oder als eigenständige Deutung, die den Originaltext ernst nimmt.

Für die nächsten Schritte in der Medienbranche liefert der Fall zwei praktische Impulse. Erstens wird durch das von Erpenbeck genannte Mitsprachrecht klar, dass erfolgreiche Adaptionen oft dann entstehen, wenn Rechteinhaber und Autoren nicht nur abnicken, sondern im Produktionsprozess wirksam mitarbeiten. Zweitens zeigt die Preislogik der Frankfurter Buchmesse, dass Werktreue heute nicht im wörtlichen Abfilmen aufgeht, sondern als Übersetzungsleistung verstanden wird. In der Diskussion um Künstliche Intelligenz (KI) in Kreativprozessen bleibt das zwar ein anderes Themenfeld, doch das Grundprinzip überträgt sich: Auch bei KI-gestützter Unterstützung zählt, ob Inhalte mit Haltung transformiert werden – nicht nur, ob Ergebnisse schnell entstehen.


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