MINNEAPOLIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Der CBO-Direktor Phillip Swagel hält es für unwahrscheinlich, dass allein schnelleres Wachstum die US-Schuldenlage ausbremst. Aktuell liegt die Bruttoschuld bei rund 40 Billionen US-Dollar; um die Schuldenquote nur konstant zu halten, bräuchte es nach CBO-Berechnungen einen langen, kräftigen Aufschwung. Für die kommenden Jahre erwartet der Ausblick dennoch einen Anstieg der Debt-to-GDP-Quote auf 120% bis 2036. Swagel betont, dass in der Praxis vor allem politische Entscheidungen bei Einnahmen und Ausgaben den Kurs bestimmen.

CBO: Selbst starkes Wachstum stabilisiert US-Schuldenquote wohl kaum
CBO: Selbst starkes Wachstum stabilisiert US-Schuldenquote wohl kaum (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein stärkeres Wachstum klingt auf den ersten Blick wie der einfachste Ausweg aus einer schwierigen Haushaltslage: mehr Umsatz für den Staat, mehr Lohnentwicklung, daraus wiederum höhere Einnahmen. Genau diesen Mechanismus hat CBO-Direktor Phillip Swagel auf einer Konferenz im Umfeld der Minneapolis Fed grundsätzlich bestätigt, aber zugleich deutlich begrenzt. In seiner Argumentation geht es nicht um eine einzelne Wachstumsrate, sondern um die Frage, ob Wirtschaftsdynamik allein die in den Haushaltsdaten „eingebaute“ Zins- und Ausgabenlogik dauerhaft überkompensieren kann. Swagel formulierte sinngemäß, dass Wachstum helfen kann – dass aber „Wachstum allein“ sehr wahrscheinlich nicht ausreicht, um die fiskalische Entwicklung zu stabilisieren.

Die Ausgangslage ist dabei klar: Die Bruttoschuld der USA wird in der aktuellen Einordnung mit 40 Billionen US-Dollar beziffert, während die öffentlich gehaltene Schuld bereits bei 100% des BIP liegt. Für eine Stabilisierung der Schuldenquote bräuchte es nach CBO-Logik einen massiven und vor allem anhaltenden Boom – selbst eine bloße Konstanz der Quote gilt als schwieriges Ziel. Entsprechend fällt der Ausblick: Die Debt-to-GDP-Relation soll nach CBO-Sicht bis 2036 auf 120% steigen. Swagel ordnete zudem ein, dass das Wachstum über verschiedene Kanäle wirkt: Höhere Aktivität erhöht die Staatseinnahmen, aber zugleich beeinflusst die konjunkturelle Lage auch Sozialausgaben, weil steigende Löhne die Auszahlungen im Rahmen der Social-Security-Benefits indirekt antreiben. Dazu kommt ein weiterer, meist unterschätzter Hebel: Eine robuste Konjunktur neigt dazu, das Zinsniveau zu erhöhen – und das schlägt direkt auf die Schuldenzinsen durch.

Besonders bei der Diskussion um KI zeigt sich, wie schnell sich „Wachstumsstorys“ in finanzielle Mathe übersetzen müssen. Minneapolis-Fed-Präsident Neel Kashkari fragte, ob KI die Wirtschaft so stark anschieben könnte, dass die Schuldenquote dennoch stabilisiert wird. Swagel verwies darauf, dass CBO eine Zunahme der Total-Factor-Productivity festgestellt habe – also der Effizienzkomponente, die grob beschreibt, wie produktiv Arbeit, Kapital und weitere Inputs zusammenwirken. Gleichzeitig blieb der Rahmen nüchtern: Die nächsten wirtschaftlichen Prognosen, die CBO früh im nächsten Jahr vorlegen will, sollen die Sicht auf KI als Wachstumsfaktor einarbeiten. Selbst wenn dadurch künftiges Wachstum stärker ausfiele, sei der Budgetdefizit-„Sockel“ so tief, dass das zusätzliche Plus laut Swagel nicht ausreichen werde, um die Herausforderung zu drehen.

Konkreter wurde Swagel bei der Frage, wie stark das Wachstum theoretisch sein müsste. Er warnte zwar davor, im laufenden Gespräch zu viel „Arithmetik on the fly“ zu betreiben, lieferte aber dennoch Daumenwerte: Bei angenommenen Zinsen von 4% bis 5% müsste das nominale BIP-Wachstum auf 7% bis 8% steigen; das reale Wachstum müsste sogar 5% bis 6% erreichen. Damit wäre das reale Wachstum mehr als doppelt so hoch wie der zuletzt genannte Wert von 2,2% im zweiten Quartal. Gleichzeitig zeigt ein Abgleich mit Erwartungswelten, warum das Ziel politisch und wirtschaftlich schwer erreichbar wirkt: Selbst optimistische Jahresprognosen liegen laut dem zitierten Vergleich eher bei um 2,5% BIP-Wachstum. Andere Modellrechnungen, etwa aus dem Penn Wharton Budget Model, würden ebenfalls in die Richtung höherer Raten weisen: Dort müsste das Wachstum über ein Jahrzehnt im Schnitt bei 3,5% bis 4% liegen, um die Schuldenquote zu halten.

Was die Diskussion zusätzlich verkompliziert, ist das Risiko eines Zinsrückkopplungseffekts. Swagel skizzierte einen wirtschaftlichen „Turbocharger“: Wenn ein ökonomischer Schock die Zinsen plötzlich nach oben treibt, wirkt das sofort auf den Defizitpfad; der Schuldenstand wächst, und höhere Zinslasten füttern wiederum den Druck auf die Zinsentwicklung. In der Realität kann so ein Pfad schneller entstehen als die politische Reaktion darauf – etwa wenn Inflation oder Risikoprämien schneller reagieren als Budgetanpassungen. Der Hinweis passt auch zu der beschriebenen Marktsituation: Der US-Schatzmechanismus wird derzeit zwar vom Anleihemarkt weitgehend absorbiert, gleichzeitig seien die langfristigen Renditen in den Bereich der höchsten Werte seit 24 Jahren gestiegen. Als Treiber werden in der Einordnung unter anderem die starke Konjunkturerwartung, Erwartungen an künftige Fed-Zinsschritte, hohe Ölpreise mit Inflationswirkung sowie die zusätzliche Emissionstätigkeit von KI-nahen Großinvestoren genannt.

Bemerkenswert ist dabei die Formulierung, dass die Wirkung zwar „modest“ beginnen kann, sich aber am Ende trotzdem aufsummiert. Swagel nannte eine Elastizität, die die Mechanik greifbar macht: Eine Erhöhung der Schuldenquote um einen Prozentpunkt könne mit einem Anstieg langfristiger Zinsen um 0,015 Prozentpunkte einhergehen. Das ist auf den ersten Blick kein Sprung wie bei einem harten Kreditereignis. In der Summe wird der Pfad aber schwierig, weil zur Zinsreaktion der „Turbocharger“-Rückkopplungseffekt hinzukommt. Genau deshalb betonte Swagel die Kernbotschaft: Am Ende bleiben laut seiner Einordnung die Änderungen bei Einnahmen und Ausgaben – und damit politische Entscheidungen – entscheidend. Für Unternehmen und Entscheider bedeutet das: Selbst wenn KI die Produktivität verbessert, hängt die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen stärker von Budgetpolitik und Zinsumfeld ab als von der reinen Wachstumsdynamik.

Für die weitere Entwicklung zeichnet sich damit ein zweigleisiges Szenario ab. Einerseits könnte KI tatsächlich zu messbarer Total-Factor-Productivity beitragen und damit Wachstum unterstützen – CBO will diesen Kanal in den nächsten Prognosen explizit berücksichtigen. Andererseits bleibt die zentrale Stellschraube im fiskalischen System das Zusammenwirken aus Defizit, Zinsniveau und Ausgabenstruktur; selbst ein spürbarer Produktivitätsgewinn kann in einem tiefen Defizitumfeld zu wenig sein, um die Schuldenquote zuverlässig zu stabilisieren. In der Praxis führt das zu einer nüchternen Prioritätensetzung: Wer in den kommenden Jahren investiert, sollte nicht nur auf Wachstums-Storys setzen, sondern das Zins- und Renditeumfeld, die Budgetpfade und die potenzielle Volatilität bei wirtschaftlichen Schocks stärker in seine Planung einbeziehen.


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