LONDON (IT BOLTWISE) – Die AOK meldet für 2025 eine durchschnittliche Dauer psychisch bedingter Krankschreibungen von 28,5 Tagen je Fall. Gleichzeitig steigen die Fehlzeiten- und Krankengelddaten deutlich: 403 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder mit psychischen Diagnosen und ein Anstieg seit 2016. In Österreich warnen parallele Erhebungen vor wachsenden Belastungen und verweisen besonders auf Konflikte sowie Burnout-Risiken im Gesundheits- und Sozialbereich. Der Blick auf Ursachen und Prävention wird damit auch für Unternehmen und HR-Prozesse noch konkreter.

Wenn psychische Belastungen im Arbeitsalltag zur Dauerlast werden, zeigen sich die Folgen oft zuerst in Kennzahlen: nicht als einzelne Ausreißer, sondern als Muster über Monate hinweg. Für Deutschland liefert der Fehlzeiten-Report der AOK zum Jahr 2026 einen klaren Ankerpunkt, denn er verknüpft psychische Diagnosen mit konkreten Fehlzeiten- und Krankengeldwerten. Besonders auffällig ist dabei die Länge der Krankschreibung: Psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeiten dauerten 2025 im Schnitt 28,5 Tage je Fall. Im selben Vergleichsrahmen lagen Krankschreibungen wegen Atemwegserkrankungen bei 5,7 Tagen, was die unterschiedliche Dynamik deutlich macht – während Atemwegserkrankungen häufig innerhalb weniger Wochen abklingen, ziehen psychische Belastungen bei vielen Betroffenen längere Erholungsphasen nach sich.
Parallel dazu steigt die Gesamtintensität im System. Laut AOK-Report kamen 2025 durchschnittlich 403 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder aufgrund psychischer Diagnosen zusammen. Das bedeutet einen Zuwachs gegenüber 284 Tagen im Jahr 2016 um knapp 42 Prozent – ein Trend, der nicht nur auf die zunehmende Diagnoserfassung zurückgeführt werden kann, sondern auch die Arbeitswirklichkeit abbildet. Die Auswertungen der AOK ergänzen diese Perspektive durch das Krankenstandsgeschehen auf Gruppenebene: Eine weitere AOK-Auswertung bezifferte 2025 im Schnitt 470 psychisch bedingte Fehltage je 100 Versicherte, gegenüber 292 Tagen vor zehn Jahren. Auch bei Burnout-Ausfalltagen werden laut Quelle binnen weniger Jahre deutliche Zuwächse sichtbar, was für viele Betriebe in der Praxis besonders spürbar wird, weil Langzeitausfälle Planungssicherheit und Vertretungslogik stark belasten.
Die Zahlen werden außerdem entlang einzelner Branchenprofile sichtbar, etwa mit deutlichen Unterschieden in den Häufigkeiten psychischer Arbeitsunfähigkeitsfälle. Im Dialogmarketing lagen 2025 laut AOK-Auswertung 39 Fälle je 100 Mitglieder, in der Haus- und Familienpflege 25,6, in der Altenpflege 24,9 und in der Heilerziehungspflege sowie Sonderpädagogik 24,6. In der Kinderbetreuung wurden 23,0 Fälle gemessen. Solche Differenzen deuten auf unterschiedliche Belastungskombinationen hin – etwa Schicht- und Zeitdruck, emotionale Arbeit oder auch Personalmangel. Dass diese Faktoren nicht nur ein theoretisches Konstrukt sind, zeigt auch der Blick nach Österreich: Dort warnte die Arbeiterkammer Salzburg anlässlich des Welttags für psychische Gesundheit vor steigenden Anforderungen; vier von zehn Beschäftigten leiden den Angaben zufolge häufig unter Alltagsstress, und mehr als die Hälfte gab regelmäßig Erschöpfung an. Besonders im Gesundheits- und Sozialbereich sei die Lage gravierend, da fast zwei Drittel Kolleginnen oder Kollegen mit Burnout kennen und zusätzlich zwischenmenschliche Konflikte häufig auftreten.
In Salzburg wird das Spannungsfeld zudem konkret benannt: Zwischenmenschliche Konflikte reichen von Beschimpfungen bis zu körperlichen Übergriffen. In den Daten der Arbeiterkammer Salzburg berichten 39 Prozent der Beschäftigten in Gesundheits- und Sozialberufen von regelmäßigen Beschimpfungen, 16 Prozent erlebten bereits körperliche Übergriffe. AK-Präsident Peter Eder fordert vor diesem Hintergrund verstärkte Präventionsmaßnahmen, mehr Personal sowie verbindliche Kontrollen – als Reaktion auf eine Arbeitsumgebung, in der psychosoziale Risiken nicht nebenbei entstehen, sondern im Alltag wirken. Auch die österreichweite Mavie-Studie unterstreicht den Trend: Rund zwei Drittel der Befragten fühlen sich oft oder sehr oft gestresst, und trotz mentaler Erschöpfung arbeiten laut Quelle 83 Prozent der Betroffenen weiter; 60 Prozent nennen dabei die berufliche Tätigkeit als größten Stressfaktor. Für Unternehmen folgt daraus, dass Prävention nicht nur als individuelles Resilienztraining verstanden werden darf, sondern als Organisationsaufgabe mit Blick auf Teamklima, Konfliktwege und realistische Personalausstattung.
Damit rückt auch der Beratungs- und Versorgungsdruck in den Fokus. Die Initiative fit2work meldete einen Anstieg der Erstberatungen von knapp 14.000 im Jahr 2020 auf knapp 27.000 im Jahr 2025. Parallel dazu verortet das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO das Problem im Krankenstandsgeschehen: Für 2025 waren 69,1 Prozent der unselbständig Beschäftigten von Fehlzeiten im Krankenstand betroffen, bei durchschnittlich 14,7 Kalendertagen. Psychische Erkrankungen machten 11,8 Prozent aller Krankenstandstage aus, verglichen mit knapp 7 Prozent im Jahr 2010. In Deutschland verschärft sich die finanzielle Dimension ebenfalls: Die vorläufigen Krankengeldausgaben erreichten 2025 rund 21,6 Milliarden Euro und machten 6,1 Prozent der gesamten GKV-Ausgaben aus, gegenüber 11,2 Milliarden Euro zehn Jahre zuvor. Zwischen 2021 und 2025 stiegen die Krankengeldfälle mit psychischen Diagnosen um knapp 25 Prozent, die Ausgaben wuchsen im selben Zeitraum um 54 Prozent.
Warum Aufgabenveränderungen und Rollenunsicherheiten dabei eine so große Rolle spielen können, zeigt eine weitere Quelle aus der Arbeitsforschung. Eine Untersuchung der Universität Bielefeld verweist darauf, dass sowohl eine Zunahme als auch eine Abnahme sogenannter illegitimer Aufgaben mit höherer emotionaler Erschöpfung verbunden sein können – verglichen mit einem stabilen Aufgabenniveau. Als zentrale Ursache nennen die Forscher Unsicherheiten hinsichtlich künftiger Erwartungen und der eigenen Arbeitsrolle. Für die Praxis heißt das: Entlastungsmaßnahmen durch Aufgabenstreichungen sind nicht automatisch wirksam, wenn Mitarbeitende dadurch gleichzeitig Kontrollverlust oder unklare Erwartungen wahrnehmen. Unternehmen, die psychische Belastung senken wollen, sollten daher Änderungen im Aufgabenbereich transparent kommunizieren, die Logik von Prioritäten erklären und Rückkopplungsschleifen einplanen, statt allein auf strukturelle Umbauten zu setzen. Gerade weil die durchschnittliche Dauer einer psychisch bedingten Krankschreibung 2025 mit 28,5 Tagen im Schnitt deutlich länger ausfällt als bei vielen körperlich geprägten Erkrankungen, lohnt sich frühes Eingreifen: Nicht nur aus menschlicher Perspektive, sondern auch, weil sich Langzeitausfälle organisatorisch und finanziell überproportional bemerkbar machen.
Gleichzeitig macht der Blick auf die Entwicklung über Zeiträume hinweg deutlich, dass das Thema nicht kurzfristig verschwindet. Die AOK-Werte zeigen einen langfristigen Anstieg psychisch bedingter Fehlzeiten seit 2016; in Österreich werden parallel steigende Beratungszugänge und hohe Stresswerte gemeldet. Für HR, Betriebsmedizin und Führungskräfte verschiebt sich damit der Schwerpunkt: Es geht weniger um Einzelmaßnahmen, die schnell kommuniziert werden, sondern um belastbare Routinen im Alltag – von Personaleinsatzplanung über Konfliktprävention bis zur Gestaltung von Rollen und Erwartungsmanagement. Wenn sich die Versorgungs- und Beratungsnachfrage wie beschrieben verstärkt, entstehen für Arbeitgeber auch neue Anforderungen an Wiedereingliederungsprozesse, an Dokumentation und an die Ausgestaltung von Unterstützung während der Arbeitsfähigkeit. Damit wird psychische Gesundheit zu einem operativen Thema, das eng mit Workforce-Planung und Unternehmenskultur verknüpft ist.
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