LONDON (IT BOLTWISE) – Nach einem Ausverkauf am Mittwoch zeigen die Daten zwar wieder hohen Hebel im Kryptomarkt, aber nicht das gleiche Übermaß wie vor dem Crash 2025. Das offene Interesse bei Bitcoin ist zwar nahe an früheren Niveaus, die Funding Rates als Frühindikator für Überfüllung wirken jedoch deutlich entspannter. Gleichzeitig ist eine zentrale Hebelquelle im Umfeld von USDe geschrumpft. Entscheidend wird damit weniger der Derivatemarkt an sich als die nächste Fed-Sitzung Ende Oktober.

Der Kryptomarkt wirkt nach dem Ausverkauf vom Mittwoch zunächst so, als könnte sich eine bekannte Kettenreaktion wiederholen. Laut Daten aus dem Derivatehandel lag der Hebel wieder fast auf dem Niveau, das vor dem Crash 2025 sichtbar war. Gleichzeitig sprechen die Zahlen bislang weniger für einen unmittelbaren Start einer neuen Liquidationslawine als vielmehr für eine Bereinigung innerhalb eines bereits angespannten, aber nicht identischen Positionsaufbaus. Für viele Marktteilnehmer ist das der entscheidende Punkt: Hohe Aktivität im Terminhandel bedeutet nicht automatisch den gleichen Stress wie im Oktober 2025, wenn die Spielregeln des Hebels (Kosten und Verfügbarkeit) anders waren.
Ein Blick zurück erklärt, warum die Vergleichsangst so hartnäckig bleibt. Am 10. Oktober 2025 hatte US-Präsident Donald Trump mit zusätzlichen Zöllen von 100 Prozent auf chinesische Waren sowie mit Exportkontrollen für Software gedroht. Bitcoin hatte kurz zuvor noch ein Rekordhoch von mehr als 125.000 US-Dollar markiert, bevor in weniger als 24 Stunden gehebelte Positionen im Umfang von über 19 Milliarden US-Dollar liquidiert wurden. Über 7 Milliarden US-Dollar davon fielen binnen weniger als einer Stunde an. Die Mechanik war dabei nicht nur ein externer Schock, sondern auch eine Marktstruktur, bei der die Rally stark von geliehenem Kapital getragen worden war: Der Großteil der aufgelaufenen Kaufwetten löste sich dann gleichzeitig auf, was den Preisrutsch weiter beschleunigte.
Für die Gegenwart liefert der Terminmarkt ein vergleichbares, aber differenziertes Bild. So stieg das Open Interest auf Bitcoin innerhalb von sieben Tagen bis zum 7. Oktober um 4 Prozent auf rund 650.500 BTC. Vor dem Crash 2025 waren es 4,1 Prozent innerhalb von fünf Tagen. Auf den ersten Blick ist das die vertraute Dynamik steigender Terminkontrakte; allerdings wird die Lage in den Kennzahlen anders, wenn man den Hebel relativiert: Beim Marktwert gemessen lag das Open Interest bei Bitcoin bei 3,2 Prozent nach dem Anstieg, zuvor vor dem Einbruch bei 3,7 Prozent. Bei Ethereum wird das Verhältnis noch deutlicher: 10,4 Prozent statt 11,3 Prozent. In US-Dollar gerechnet schrumpfte das Open Interest seit dem 10. Oktober 2025 zwar um fast 39 Prozent, in Bitcoin gemessen jedoch nur um knapp 13 Prozent. Das hängt vor allem daran, dass der Preisrückgang die Dollarmetrik stärker drückt als die BTC-Menge.
Der entscheidende Unterschied dürfte diesmal in der Finanzierung des Hebels liegen. Funding Rates sind kleine Zahlungen, mit denen sich Käufer und Verkäufer an den Terminbörsen die Positionierung ausgleichen; sie zeigen daher, wie überfüllt die Kaufseite ist. Vor dem Crash 2025 lagen die Funding Rates für Bitcoin und Ethereum an den Plattformen Binance und Bybit in 18 von 32 Fällen (je Börse und Tag gezählt) über 8 Prozent auf Jahressicht. In der Woche bis zum 7. Oktober 2026 gelang das nur in einem von 28 Fällen, zudem drehten die Raten dort in drei Fällen sogar ins Negative. Bei der Derivatebörse Deribit fiel die tägliche Funding Rate für Bitcoin von 26,9 auf 7,1 Prozent. Zusätzlich nennt ein Kryptoportal als weitere Hebelquelle, dass USDe von Ethena (ein an den US-Dollar gekoppelter Token, der über abgesicherte Derivategeschäfte gedeckt ist) seit dem Crash um 66 Prozent auf knapp 5 Milliarden US-Dollar geschrumpft ist. Zusammen bedeutet das: Selbst wenn mehr Kontrakte offen sind, ist der Preis dafür niedriger und damit die Wahrscheinlichkeit kleiner, dass kleine Kursbewegungen sofort große Zwangsverkäufe auslösen.
Wie stark sich das auswirkt, zeigte der Ausverkauf vom Mittwoch in den Liquidationsdaten. In den 24 Stunden bis zum frühen Mittwoch wurden je Prozent Kursverlust bei Bitcoin rund 248 Millionen US-Dollar an Kaufwetten aufgelöst. Zum Vergleich: Am 10. Oktober 2025 waren es etwa 2,2 Milliarden US-Dollar, also rund das Neunfache. Übliche Bereinigungen im Jahr 2025 bewegten sich demgegenüber in einer Größenordnung von knapp 160 bis gut 500 Millionen US-Dollar. Genau hierin liegt die Einordnung, die den aktuellen Markt beruhigen könnte: Der jüngste Rücksetzer reiht sich eher in den Typ „Neustart“ ein, bei dem nicht zwangsläufig eine Kaskade startet. Trotzdem bleibt die Dynamik volatil, denn die Marktmechanik ist bei hohen Finanzierungskosten besonders anfällig, sobald Open Interest und Funding Rates gemeinsam wieder anziehen.
Als nächster Belastungstest gilt daher vor allem die Geldpolitik. Die US-Notenbank Fed hatte Mitte September 2026 den Leitzins erstmals seit 2023 angehoben, um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent. Für Ende Oktober wird eine weitere Entscheidung als klarster Trigger diskutiert, weil ein Zinsschritt Zinsen in der Realwirtschaft und Renditen im Anleihemarkt nach oben treiben könnte. In der Erwartungskette würde das typischerweise risikoscheueren Investoren den Aufwand erhöhen, spekulative Positionen mit Hebel zu halten. Gleichzeitig hat der Terminmarkt zuletzt an Gewicht verloren: Nach Berichten am 2. Oktober plädierten zwei führende Notenbanker dafür, vor einem weiteren Schritt zunächst mehr Daten abzuwarten. Entsprechend sank die erwartete Wahrscheinlichkeit für eine Erhöhung im Oktober auf rund 25 Prozent, nachdem zuvor etwa 70 Prozent eingepreist waren. Wenn die Fed dennoch anhebt, trifft sie damit auf einen Markt, der diesen Schritt nur noch zu einem Viertel erwartet.
Für das Trading im kurzfristigen Horizont wird das wie folgt konkret: Die Marke von 82.300 US-Dollar liegt nahe am Tief vom 28. September und wird als zentrale Unterstützung beschrieben, während 86.000 US-Dollar als Widerstand gelten. Ein Bruch der Unterstützung bei gleichzeitig wieder über 8 Prozent steigenden Funding Rates könnte die Verhältnisse vom Oktober 2025 in Erinnerung rufen. Umgekehrt würde eine Rückeroberung von 86.000 US-Dollar eher bestätigen, dass der Ausverkauf eine Bereinigung bleibt. Als Warnsignal gilt vor allem die Kombination aus hohen Finanzierungskosten und weiter wachsendem Open Interest. Genau daran wird man in den kommenden Wochen ablesen, ob Anleger erneut so tief in den Hebelmodus zurückkehren, dass aus „Bereinigung“ wieder „Kaskade“ werden kann.
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