LONDON (IT BOLTWISE) – Die US Army beschreibt auf der AUSA, wie sich Kampfprinzipien durch KI, Drohnenabwehr und präzise Langstreckenwirkung spürbar verschieben. Unterstaatssekretär Mike Obadal will den Beschaffungszyklus verkürzen, indem die Industrie frühere Prototypen mit eigenem Risiko testen darf. Gleichzeitig spricht er von einem Balanceakt aus „exquisite“ Waffen und günstiger Masse für offensive wie defensive Operationen. Besonders betont er den Ansatz „Human in the Loop“, bei dem Menschen in den entscheidenden Kinetic-Entscheidungen die letzte Kontrolle behalten.

US Army beschleunigt Beschaffung: KI, Drohnenabwehr und ein neues Hochlohn-/Niedrigkosten-Mix
US Army beschleunigt Beschaffung: KI, Drohnenabwehr und ein neues Hochlohn-/Niedrigkosten-Mix (Foto: IT BOLTWISE)
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Die US Army bewegt sich nach eigenen Angaben in „unprecedented territory“ – und das nicht nur im Sinne neuer Waffengattungen, sondern vor allem bei der Frage, wie schnell Fähigkeiten vom Reißbrett ins Feld gelangen. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass die Nachfrage nach Munition und Interzeptoren in mehreren Konflikträumen gleichzeitig anzieht. Genannt werden dabei sowohl ein anhaltender Bedarf in Richtung Iran und Ukraine als auch die an Spannung gewachsene Lage im Indo-Pazifik. Die Folge ist ein Markt, in dem nicht mehr ausschließlich nach „exquisiten“ Einzelkomponenten gesucht wird, sondern nach Systemen und Abfanglösungen, die Kosten und Wirksamkeit besser zueinander in Beziehung setzen. Genau dort setzt auch Obadals Argument an: In realen Gefechtslagen entscheidet nicht nur, ob ein Ziel getroffen wird, sondern ob die eigene Materiallogistik und die Interzeptionsrate unter wirtschaftlichem Druck standhalten.

Technisch betrachtet liegt der Kern der AUSA-Einordnung in drei Prioritätsfeldern, die sich im Einkauf widerspiegeln: Drohnen und Gegenmaßnahmen, Software und Sensorik sowie ein erweitertes Fires-Portfolio. Bei Drohnenabwehr wird laut Obadal der Weg sichtbar, wie sich ein Thema, das zunächst aus Spezialoperationen heraus stark war, inzwischen flächiger in den größeren Streitkräfteverbund hineinzieht. Das lässt sich als Verschiebung von „Hard-Kill“ gegen einzelne Bedrohungsprofile hin zu einem breiteren Gegen-UAS-Ökosystem lesen, in dem Beschaffung, Budgetierung und operative Taktik enger gekoppelt werden. Parallel dazu rückt Software in den Fokus: Der Unterstaatssekretär beschreibt die Fähigkeit, „sehen, erkennen und integrieren“ zu können, um den eigenen Lagevorteil sowie Schwächen des Gegners systematisch auszunutzen. Für die Fires-Sparte geht es dann um präzise Langstreckenwirkung, um mehr „optionalität“ für Kommandierende und um eine Bandbreite von Mechanismen, die von längerer Artillerie und One-Way/Loitering-Munition bis hin zu höherwertigen Zusatzwirkungen reichen; auf der Verteidigungsseite werden zudem defensive Abfang- und Wirkprinzipien von ballistischen Bedrohungen bis hin zu Drohnen der unteren Kategorie sichtbar.

Damit diese Fähigkeitsbausteine nicht nur theoretisch existieren, sondern rechtzeitig im Verband ankommen, beschreibt Obadal die Beschleunigung der Beschaffungslogik als strukturierte Reaktion auf Konflikte, die „existential“ wirken. Er vergleicht einen früher deutlich stärker sequenzierten Ablauf – von Experimenten über Anforderungserstellung, Prototyping, Auswahl, Low-Rate-Production bis zur Feldstationierung – mit dem Problem, dass solche Ketten oft Jahre dauern. Die Verwundbarkeit, die er dabei adressiert, liegt nicht in der „Schlechtigkeit“ des klassischen Prozesses, sondern darin, dass kommerzielle Innovationen auf technischer Ebene schneller voranschreiten als die militärische Planungs- und Evaluationsgeschwindigkeit. Konsequenterweise wird die Industrie stärker als Experimentierpartner positioniert: Der Staat will in einen Zyklus wechseln, in dem kommerzielle Anbieter auf eigene Rechnung früher ausprobieren, dann bei erfolgreicher Erprobung schneller in Low-Rate- und High-Rate-Phasen gehen können. Obadal koppelt das an eine praktische Schleife aus Feldfeedback: Sobald Material eingesetzt ist, fließen Ergebnisse unmittelbar zurück in die Weiterentwicklung.

In diesem Kontext taucht auch der zentrale Trade-off zwischen Risiko und Wirkung auf. Obadal sagt sinngemäß: Man akzeptiert mehr Risiko auf dem Gefechtsfeld, wenn man den Innovationszyklus enger macht – aber man reduziert zugleich Risiko, weil die Fähigkeiten früher verfügbar sind. Entscheidend ist dabei, wie sich das in den Fires-Bereich übersetzt. Er beschreibt einen „high-low mix“ aus kosteneffizienten und „exquisiten“ Waffen, nicht als Entweder-oder, sondern als Zusammenspiel: Exquisite Mittel werden gebraucht, um gegnerische exquisite Waffen zu kontern und eigene Wirksamkeit zu erzielen. Die günstige Masse wiederum wird später im Verlauf relevant, wenn Konflikte in eine längere Protraktion übergehen und nicht jeder Schuss auf Top-Niveau budgetiert werden kann. Ergänzend nennt er den Kostenkurven-Gedanken: Ziel ist, dass die Kurve wieder zugunsten der eigenen Einsatzmöglichkeiten ausfällt – also dass sich Stückkosten und Stückzahl besser balancieren lassen, sobald Produktion und Logistik skalieren.

Auch bei der Industrie-Umsetzung liefert Obadal konkrete Anker, etwa mit der Infantry Squad Vehicle (ISV). Als Beispiel nennt er eine Basis, die auf einem Chevy-Colorado-Chassis basiert, inklusive spezifischer Anpassungen durch eine Detailfertigung mit militärischer Ausstattung. Der Vorteil liegt laut Darstellung in der Kombination aus Standardkomponenten und gezielter Integration: Man opfert bewusst bestimmte Schutzparameter – schwere Panzerung und Survivability – um Mobilität, Transportierbarkeit und Reparaturfähigkeit zu erhöhen. Der strategische Mehrwert zeigt sich aber gerade beim Langlebigkeitsthema: Weil viele Komponenten kommerziell sind, können Upgrades längerfristig einfacher nachgezogen werden. Wenn Hersteller etwa Verbesserungen am Chassis oder der Antriebsarchitektur einführen, sollen diese Änderungen direkt in die ISV-Produktionslinie zurückwirken. Damit entsteht eine Brücke zwischen ziviler Lieferkette und militärischer Einsatzfähigkeit, die insbesondere in mehrjährigen Modernisierungszyklen Wirkung entfalten soll.

Schließlich macht Obadal den Technologiewandel greifbar, indem er KI und Automatisierung nicht als reines „Waffen-Upgrade“ beschreibt, sondern als Planungs- und Entscheidungsinstrument. Er sagt, dass Unternehmen, die mit dem Militär an dieser Technologie arbeiten, denselben Grundgedanken verfolgen: „Human in the Loop“ müsse der Default sein. Allerdings unterscheidet er die Rollen klar. Es gebe Workflows, in denen Kommandierende sagen können, ein System solle im Hintergrund laufen, ohne ständig beobachtet zu werden. Bei kinetischen Kill Chains und Entscheidungen im Gefecht brauche es hingegen sehr harte Stops – also Mechanismen, die menschliche Autorisierung an entscheidenden Punkten erzwingen. Gleichzeitig sollen KI-gestützte Analysen Optionen verdichten: Komplexe Analysen erzeugen mehrere Handlungswege, aufbereitet entlang der Prioritäten der Einsatzführung und der Umgebungsparameter, die Agenten aufnehmen konnten. Für Kommandanten heißt das dann weniger „Knöpfchendrücken“, sondern Kontext und Reasoning zu nutzen, um Mission Planning zu vereinfachen und in verdauliche Schritte zu transformieren.

Obadal beschreibt Autonomie zudem als relevant in drei Bereichen: erstens beim Combat Breaching, also der gefährlichen Aufgabe, lineare Minenfelder oder Barrieren zu durchbrechen; zweitens bei hochkomplexem Command and Control, wo menschliche Stabsarbeit stunden- oder tageweise in Sekunden verdichtet werden soll, inklusive der Analyse dahinter und einer Einschätzung der präsentierten Optionen; und drittens beim Wegfall repetitiver, logistischer Standardtätigkeiten wie etwa Nachschub via Trucks. Der praktische Effekt wäre, dass Logistik-Teams sich stärker auf Probleme mit „klarer Vision“ konzentrieren. Darüber hinaus verschiebt sich nach seiner Darstellung sogar die schlichte Sichtlogik: „Staging“ beziehungsweise das Verbergen von Ausrüstung und Personal erfordert heute eine andere Strategie als vor rund 10 bis 50 Jahren, weil die Rahmenbedingungen nicht mehr von dauerhafter Luftüberlegenheit ausgehen. Er verweist dabei auf Dispersion, Displacement und Disaggregation von großen Hauptquartieren, etwa indem man kleinere Edge-Compute-Fähigkeiten und transportierbare Systeme nutzt, um größere Kommunikations- und Infrastrukturballungen zu vermeiden. Sichtbare Elemente wie Satellitenschüsseln oder offene Verkabelung sollen entsprechend kleiner und beweglicher werden; ergänzt wird das durch Camouflage und – in getrennten Ebenen – elektronische Kampfführung sowie Monitoring. Am Ende bleibt die Linie konsistent: Beschleunigung in der Beschaffung bedeutet nicht nur schnellere Releases, sondern eine Neujustierung der gesamten Kette von Sensorik über Software bis hin zur operativen Führung im Gefecht.


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