LONDON (IT BOLTWISE) – Amazon verhandelt Berichten zufolge einen Kauf des israelischen KI-Startups Decart für rund 7 Milliarden US-Dollar. Die Gespräche gelten als fortgeschritten, eine Unterzeichnung steht aber noch aus. Decart könnte damit zu einem der größten Exits aus dem israelischen High-Tech werden und Amazons Einkaufsliste für KI-Infrastruktur erweitern. Im Kern geht es um Software, die KI-Modelle effizient laufen lässt und zwischen Chips verschiedener Hersteller wechseln kann.

Für Amazon wäre es ein strategischer Schritt, der weit über eine reine „Schluck“-Transaktion hinausgeht: Der mögliche Deal mit dem KI-Startup Decart zielt vor allem auf die Software-Schicht, die zwischen KI-Modellen und der darunterliegenden Hardware vermittelt. Laut Berichten handelt es sich um fortgeschrittene Gespräche, die Summe soll bei etwa 7 Milliarden US-Dollar liegen. Damit würde der Wertansatz nicht nur die aktuelle Entwicklungsphase von Decart spiegeln, sondern auch den anhaltenden Druck im Markt: Unternehmen wollen KI-Workloads nicht an einen einzelnen Chip-Hersteller binden, sondern möglichst portabel betreiben.
Technisch betrachtet beschreibt Decart genau diese Lücke. Die Kernidee ist, dass KI-Modelle effizient ausgeführt werden und sich vergleichsweise reibungslos zwischen Chips verschiedener Hersteller „wechseln“ lassen. Für die Praxis bedeutet das: Wenn Rechenkapazitäten knapp oder teuer werden, müssen Plattformen in der Lage sein, Workloads ohne komplette Neuarchitektur umzuschichten. Besonders in Umgebungen, in denen Training und Inferenz auf heterogenen Beschleunigern stattfinden, wird die Fähigkeit zur Chip-Transition zu einem handfesten Betriebsvorteil – nicht nur zu einem Marketingversprechen.
Zusätzlich baut Decart an sogenannten „world models“. Solche Modelle sollen helfen, interaktive dreidimensionale Umgebungen zu erstellen und zu simulieren, inklusive Echtzeit-Video-Komponenten. Hier verschiebt sich der Nutzen von „nur“ effizienter Rechenleistung hin zu einer Pipeline, die Simulationen und Interaktionen kostengünstiger möglich machen soll. Für Amazon wäre das interessant, weil AWS-betriebene KI-Systeme häufig in Produktwelten einfließen, in denen es nicht allein um Text oder einzelne Vision-Aufgaben geht, sondern um dynamische Medien – und damit um Rechenzeit, Latenz und Gesamtkosten über viele Iterationen hinweg.
Der Preisrahmen stützt die These, dass der Markt nicht nur auf Decarts Prototypen schaut, sondern auf die Skalierbarkeit der Technologie. Laut den Angaben in den Berichten entspräche das bei der genannten Bewertung einem Sprung von ungefähr 75% gegenüber der Bewertung im vergangenen Mai – damals lag sie bei rund 4 Milliarden US-Dollar. Auffällig ist außerdem die Geschwindigkeit der Wertentwicklung: Die Firma wurde 2023 gegründet, hat jedoch nach den vorliegenden Informationen mehr als 400 Millionen US-Dollar an Kapital von großen Venture-Teams eingesammelt. Dass Investoren und später auch potenzielle Käufer in kurzer Zeit so stark auf die Chip- und Modell-Transparenz setzen, passt zu einem breiteren Branchenmuster: KI-Stacks werden zunehmend als „Infrastructure-as-a-platform“ verstanden, in dem Software die Hardware-Entscheidungen der nächsten Jahre mitbestimmt.
Auch die Vorgeschichte macht den möglichen Deal plausibler. Die Verbindung zwischen Amazon und Decart soll nicht bei der reinen Kaufabsicht beginnen: Amazon arbeitet im Chip-Bereich bereits mit dem Startup zusammen und gilt als strategischer Kunde. Konkreter wird es bei der AWS-Integration: Bereits in 2025 soll AWS Decart frühen Zugriff auf Trainium3 gewährt haben, also auf einen KI-Chip, den Amazon selbst entwickelt. Damit wird aus einer „Zulieferrolle“ eine tiefe Praxisnähe – und genau solche Verbindungen senken im M&A-Kontext oft die Reibung bei Technikdetails, Roadmap-Abstimmung und Übergabeprozessen.
Im Markt löst das Thema außerdem eine Konkurrenzfrage aus: Der mögliche Abschluss fällt in eine Zeit, in der große Player ihre KI-Infrastruktur zunehmend diversifizieren. Die Berichte verweisen darauf, dass ein früherer Anlauf für Decarts Übernahme durch einen anderen KI-Anbieter gescheitert ist, nachdem die Prüfung im Dealkontext nicht zum Abschluss führte. Gleichzeitig wird Decarts Positionierung als Alternative zu starker Abhängigkeit von einem einzelnen Chip-Ökosystem als besonders nachgefragt beschrieben. Für Amazon heißt das: Ein Kauf von Decart könnte die Fähigkeit stärken, KI-Workloads auf Alternativ-Hardware zu verlagern – und damit sowohl Kapazitätsrisiken als auch Verhandlungsrisiken bei Beschaffung und Preisgestaltung zu reduzieren.
Für Unternehmen, die KI-Produkte betreiben, wäre eine solche Entwicklung vor allem dann relevant, wenn daraus robuste Standards für Portabilität entstehen. Decarts Fokus auf effiziente Ausführung und nahtlosen Wechsel zwischen Chip-Generationen erinnert an die langfristige Strategie vieler Teams: weg von „ein Modell, ein Beschleuniger“, hin zu wiederverwendbaren Laufzeitkomponenten. Sollte der Deal zustandekommen, dürften sich Entwicklerteams bei künftigen Deployments fragen, ob sie stärker mit weniger Lock-in planen können – nicht zuletzt, weil Portabilität auch die Auswahl von Rechenzentren, die Skalierungsplanung und die Kostenprognose beeinflusst. Ob Amazon die Technologie anschließend eher als interne Beschleuniger für AWS integriert oder als Grundlage für externe Nutzung ausbaut, wird entscheidend dafür sein, wie schnell der Nutzen in der Breite ankommt.
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