LONDON (IT BOLTWISE) – Berichten zufolge prüft Amazon eine mögliche Übernahme des KI-Startups Decart. Das Unternehmen liefert Software, mit der Entwickler ihre KI-Modelle gezielt für unterschiedliche Prozessoren optimieren können. Im Raum steht ein Dealvolumen von bis zu 7 Milliarden US-Dollar, wobei die Gespräche Berichten zufolge in den kommenden Tagen abgeschlossen werden könnten. Für Amazon Web Services wäre das vor allem im Training auf eigenen KI-Chips wie Trainium3 strategisch relevant.

Laut einem Medienbericht stehen Gespräche zwischen Amazon und dem KI-Startup Decart.ai im Raum. Dabei geht es um eine mögliche Übernahme, die den Angaben zufolge bis zu 7 Milliarden US-Dollar wert sein könnte. Entscheidend ist nicht nur der Kaufpreis, sondern die Technologie, die hinter dem Deal steckt: Decart hat Software entwickelt, die es Entwicklern deutlich leichter macht, KI-Modelle auf verschiedenen Prozessoren auszuführen und dabei die Zielhardware möglichst effizient auszunutzen.
Technisch betrachtet adressiert das sogenannte DOS-Programm genau den Punkt, an dem viele Teams bei KI-Projekten Zeit verlieren: die Optimierung eines neuronalen Netzes für den konkreten Chip. In typischen Workflows müssen Entwickler ihre Modelle so anpassen, dass sie auf der geplanten Rechenplattform performant laufen – und dieser Schritt kann laut Beschreibung bisher Monate dauern. Decart will diesen Aufwand verkürzen: Statt langwieriger Hand- und Abstimmungsprozesse soll DOS den nötigen Workflow in nur „einige Wochen“ komprimieren. Damit sinkt die Hürde, Workloads bei Bedarf umzuschichten, etwa wenn sich Chip-Verfügbarkeiten ändern oder wenn unterschiedliche Hardwareprofile für Training und Inferenz genutzt werden sollen.
Die Marktdimension wird dadurch besonders sichtbar, dass Amazon Web Services seine eigenen KI-Prozessoren in der Praxis als Alternative zu externen Beschleunigern positioniert. In dem Bericht wird beschrieben, dass Decart frühzeitigen Zugriff auf Trainium3 erhalten habe, nachdem es ein Treffen mit leitenden AWS-Ingenieuren gegeben habe, die von den Gründern beeindruckt gewesen sein sollen. Für Amazon ist das strategisch plausibel: Wenn DOS die Geschwindigkeit erhöht, mit der Modelle an neue Chips „angeglichen“ werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Kunden ihre KI-Modelle im AWS-Ökosystem trainieren oder ausführen – und damit auch die Auslastung der eigenen Beschleuniger-Plattform.
Finanziell und organisatorisch liefert Decart dafür den passenden Hintergrund. Das Startup hat zuletzt 300 Millionen US-Dollar eingesammelt, bewertet wurde es dabei mit 4 Milliarden US-Dollar; insgesamt kommt man damit auf über 400 Millionen US-Dollar eingeworbene Mittel. Zu den genannten Investoren gehören unter anderem Radical Ventures, Nvidia Ventures, Adobe Ventures, Sequoia Capital und Benchmark. Gegründet wurde das Unternehmen 2023 von drei israelischen Softwareingenieuren, darunter die Brüder Dean und Orian Leitersdorf sowie Moshe Shalev. Neben DOS wird im Bericht auch erwähnt, dass Decart als Modellentwickler auftritt und für „Lucy“ sowie „Oasis“ verantwortlich sein soll – Modelle, die dreidimensionale Umgebungen für Anwendungen wie Computerspiele oder Roboter-Trainings generieren und simulieren.
Gleichzeitig bleibt das Szenario offen, weil der Ausgang der Verhandlungen nicht entschieden ist. Zwar heißt es, ein Deal könne in den kommenden Tagen abgeschlossen werden, falls keine der Gespräche scheitert und kein weiterer Interessent auftaucht. Als Kontrast wird zudem angeführt, dass ein anderer KI-Player im vergangenen Monat Berichten zufolge in Gesprächen gewesen sein soll, später aber nach einer Due-Diligence-Phase von einem Deal in der Größenordnung von 6 Milliarden US-Dollar Abstand genommen habe. Welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren, bleibt dem Bericht zufolge unklar. Gerade bei Firmen, die an der Schnittstelle zwischen Modell-Entwicklung und Hardware-Ausführung arbeiten, können solche Entscheidungen oft an der Frage hängen, wie schnell sich das Produkt in bestehende Plattformen integrieren lässt und welche IP- bzw. Engineering-Ressourcen sich langfristig sichern lassen.
Für Unternehmen in der KI-Entwicklung ist ein möglicher Einstieg von Amazon besonders relevant, weil er den Wettbewerb um die „letzte Meile“ der Performance weiter anheizt: nicht nur die Modellarchitektur zählt, sondern auch die Fähigkeit, Workloads portierbar und hardwarepassend zu betreiben. Wenn DOS tatsächlich den Optimierungsprozess von Monaten auf Wochen verkürzt, könnte das in der Praxis bedeuten, dass Teams schneller auf neue Beschleuniger wechseln, Kapazitätsengpässe abfangen und Experimente mit weniger Reibung skalieren. In einem Markt, in dem Cloud-Anbieter ihre eigenen Chips wie Trainium3 gezielt vermarkten, wäre genau diese Beschleunigung ein zusätzlicher Hebel, um Entwickler an einen bestimmten Stack zu binden – und damit den Unterschied zwischen „Modell läuft grundsätzlich“ und „Modell ist zuverlässig hochperformant“ weiter in Richtung Engineering-Produkt umzusetzen.
Ob der Deal zustande kommt, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen. Für die nächsten Schritte spricht, dass die Gespräche laut Bericht bereits fortgeschritten seien und auf einen Abschluss in den kommenden Tagen hindeuten. Sollte Amazon tatsächlich zuschlagen, wäre das allerdings weniger als bloßes Wettrennen um Marktanteile zu verstehen, sondern als Versuch, die Hardware-Nähe der eigenen KI-Plattform dauerhaft zu stärken. Genau in dieser Phase entscheidet sich, ob Optimierungssoftware wie DOS als eigenständiger Wettbewerbsvorteil bleibt oder ob sie als Bestandteil eines breiteren AWS-KI-Workflows skaliert – von Training über Inferenz bis hin zur schnellen Anpassung an neue Chip-Generationen.
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