LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Londoner Gericht hat entschieden, dass bei Ansprüchen von Betrugsopfern auf 61.000 sichergestellte Bitcoins das Recht der Volksrepublik China maßgeblich ist. Damit wird die Durchsetzung nach englischem Recht deutlich erschwert, zugleich bleibt die Frage des endgültigen Eigentums an den Coins offen. Der Entscheid verbessert aus Sicht der Behörden die Chancen, dass der britische Staat die verwerteten Vermögenswerte weitgehend behält. Opferanwälte kündigen Berufung an, während eine weitere Anhörung klären soll, ob einzelne Geschädigte überhaupt Rechte am Wallet-Umfeld belegen können.

UK-Gericht stärkt Regierung im Streit um 61.000 BTC aus Betrugsfall
UK-Gericht stärkt Regierung im Streit um 61.000 BTC aus Betrugsfall (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Rechtsstreit um 61.000 sichergestellte Bitcoins in London hat eine neue, für den Staat vorteilhafte Richtung bekommen. Das London High Court stützte sich dabei auf das anwendbare Recht: Weil der zugrunde liegende Betrug in China stattgefunden habe und die Schäden dort eingetreten seien, sollte nach Auffassung des Gerichts das chinesische Recht über die zivilrechtlichen Vermögensansprüche der Opfer entscheiden. Für die britische Seite ist das mehr als eine juristische Feinheit, denn in solchen Konstellationen hängt die Frage, wer aus einem entschiedenen Tatbestand konkrete Eigentums- oder Herausgabeansprüche ableiten kann, häufig stark davon ab, welches Recht das „Fundament“ bildet.

Im Zentrum steht der Fall um Zhimin Qian, die laut Darstellung im Verfahren in einem Ponzi-Schema mehr als 128.000 Anleger betrogen haben soll. Nach dem Schuldeingeständnis verwandelte Qian die Erlöse in Bitcoin und floh 2017 nach Großbritannien. Die Londoner Ermittlungen endeten später mit einer Sicherstellung durch die Metropolitan Police, die sich auf insgesamt 61.000 BTC bezieht. Die Opfer argumentierten derweil, englisches Recht müsse zur Anwendung kommen, weil dies ihnen unter Umständen bessere Mechanismen für die Durchsetzung von Eigentumsrechten an dem „Krypto-Vermögen“ eröffnet hätte.

Das Gericht hat diese Argumentationslinie jedoch zugunsten der britischen Behörden gekappt. In einer schriftlichen Entscheidung führte Mr Justice Mark Turner aus: „The relevant damage occurred in China. The applicants parted with their money in China. The alleged fraudulent representations were made in China.“ Er fügte außerdem hinzu, dass die durch die falschen Darstellungen ausgelösten Vertragsbeziehungen in China eingegangen worden seien und die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen des behaupteten Fehlverhaltens ebenfalls in China erlitten worden seien. Entscheidend ist dabei der Kontext: Das Urteil beendet nicht den gesamten Konflikt um die Coins, sondern verengt den Weg zur möglichen Rückgewinnung. Genau diese Verengung erhöht nach Gerichts-Logik die Wahrscheinlichkeit, dass der britische Staat als Verwahrer und späterer Verwerter den Großteil der Werte endgültig behalten kann.

Für Betroffene bleibt die Lage damit dennoch nicht „automatisch verloren“. Laut Darstellung soll eine weitere Anhörung klären, ob einzelne Opfer überhaupt ein hinreichendes Interesse an den Bitcoins begründen können. Opferanwälte erklärten zugleich, dass sie gegen die Entscheidung in Berufung gehen. Damit verschiebt sich der Fokus für die Geschädigten: Anstatt vor allem über die Wahl des englischen Rechts Druck aufzubauen, müssen sie nun stärker darlegen, welche Ansprüche nach chinesischem Recht im konkreten Einzelfall bestehen und wie diese Ansprüche mit der heutigen Wallet- und Verwahrpraxis zusammenpassen. Aus Sicht des Prozessrisikos ist das ein zusätzlicher Aufwand, weil die Beweisführung und die rechtliche Subsumtion bei international verschachtelten Vermögensverschiebungen deutlich komplexer werden.

Technisch betrachtet ist „sichergestellter Bitcoin“ in solchen Fällen weniger ein einzelnes Objekt als ein Bündel aus Adressen, Transaktionen und Nachweisen über Zurechenbarkeit. Selbst wenn das Gericht das anwendbare Recht festlegt, bleibt die operative Frage, ob und wie Vermögensströme aus einem Betrugsschema noch nachvollziehbar sind und ob Opfer ihre Ansprüche mit ausreichend konkreten Belegen untermauern können. Zusätzlich spielt die zeitliche Dimension eine Rolle: Qian konvertierte die Erlöse offenbar in Bitcoin und verließ 2017 das Land. Je länger diese Kette bis zur Sicherstellung wird, desto mehr müssen Parteien argumentativ über die „historische“ Herkunft der Coins und deren rechtliche Einordnung im heutigen System hinweggehen.

Im internationalen Vergleich zeigt sich zudem, dass Krypto-Sicherstellungen politisch und buchhalterisch längst nicht mehr nur Randthema sind. In den USA wurden beschlagnahmte Bitcoins bereits in die nationale Finanzberichterstattung integriert; im März 2025 soll dort eine strategische Bitcoin-Reserve aufgebaut worden sein, die auch Coins aus Durchsetzungsmaßnahmen umfasst. Dort wird laut Darstellung zwar kein einzelner Token direkt mit Steuergeld „gekauft“, aber die Verwahrung durch staatliche Stellen und die Zurechnung zu bestimmten Adressen bleibt Teil der Strategie. Für Behörden und Unternehmen ist das ein Hinweis: Entscheidungen zur Zuständigkeit und zur Wahl des anwendbaren Rechts wirken sich nicht nur auf den Einzelfall aus, sondern können den Umgang künftiger Ermittlungs- und Rückabwicklungsverfahren prägen.

Für die Marktteilnehmer bedeutet die UK-Entscheidung vor allem eins: Die juristische „Durchlässigkeit“ von Wallet-Assets hängt künftig stärker von der internationalen Tat- und Schadenslokalisierung ab als von der Frage, ob das Verfahren im Vereinigten Königreich geführt wird. Wer in der Praxis von Krypto-Transfers im Kontext von Betrugsprävention, Compliance oder forensischer Auswertung betroffen ist, muss daher nicht nur technische Attribution beherrschen, sondern auch die Kollisionsfragen im Blick behalten. So kann ein einziges Rechtsinstitut entscheiden, ob Opferansprüche überhaupt in der richtigen Spur laufen – oder ob sie im Prozess an der Wahl des anwendbaren Rechts frühzeitig scheitern.


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