ALAMEDA / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Longshot Space Technology verfolgt einen ungewöhnlichen Weg: Statt Raketen setzt das Unternehmen auf Multi-Injection-Guns, die Projektile am Boden auf bis zu Mach 4 beschleunigen und damit Hyperschall-Tests deutlich günstiger machen sollen. In der Testumgebung nahe Barstow läuft bereits eine 70-Fuß-Kanone mit sechs Zoll Durchmesser. Als nächster Schritt ist eine 140-Fuß-Lösung am Standort Alameda geplant, danach folgt eine Serie mit deutlich größerer Reichweite. Langfristig peilt Longshot eine Bodenkanone an, mit der auch Nutzlasten in den Weltraum gelangen könnten – allerdings nur mit zusätzlichem Antrieb an Bord.

Longshot Space Technology stellt die Raumfahrtfrage auf den Kopf: Wenn Raketen wegen Physik, Toleranzen und Kosten „immer Schmerz“ erzeugen, warum dann nicht den ersten Startabschnitt auf den Boden holen und dort als wiederverwendbaren Beschleuniger bauen? Die Grundidee erinnert eher an ballistische Forschung als an klassisches Launch-Engineering, ist aber in ihrer Logik technisch gut nachvollziehbar: Ein Raketenmotor muss über eine Strecke hinweg Schub erzeugen, und genau diese Schubleistung soll bei Longshot durch eine Kanone ersetzt werden, die ein Projektil mit hochdosierten Gasimpulsen immer weiter beschleunigt. Damit verschiebt sich der Entwicklungsfokus von komplexen Triebwerkssystemen hin zu einer präzisen Synchronisation von Hochdruck-Impulsen, Materialbelastung im Rohr und Aerodynamik nach dem Verlassen der Mündung.
Konkret beschreibt Longshot einen Aufbau mit einem Stahlrohr, das horizontal montiert ist, und entlang des Rohres verteilten Anschlusspunkten für Tanks mit Hochdruckgas. Beim Schuss sollen mehrere Tanks nicht „einfach nur“ abfeuern, sondern zu exakt festgelegten Zeitpunkten ausgelöst werden, während das Projektil die Rohrstrecke durchläuft. Diese Multi-Injection-Strategie soll dem Projektil zusätzliche Geschwindigkeitsgewinne geben und damit einen Effekt erzeugen, der bei Raketen dem schubgetragenen Beschleunigungsabschnitt entspricht. Das Unternehmen nennt für die aktuelle Testkonfiguration bereits Geschwindigkeiten bis nahe Mach 4 – und arbeitet dabei offenbar parallel an der Skalierung der geometrischen Größenordnung, was für die Physik hinter dem Konzept entscheidend ist: Je länger das Rohr und je größer der Durchmesser, desto mehr Zeit bleibt für Beschleunigungsphasen, desto stärker aber steigen auch Anforderungen an Sicherheit, Betriebslasten und Infrastruktur.
Die Tests laufen laut Unternehmensangaben aktuell mit einer 70-Fuß-Kanone (sechs Zoll Durchmesser) an einem Teststandort nahe Barstow, Kalifornien. Für den weiteren Ausbau folgt eine 140-Fuß-Lösung am Standort Alameda, bevor Longshot in der nächsten Stufe ein 30-Zoll-Rohr mit 328 Fuß Länge vorbereitet und danach auf etwa 3.000 Fuß erweitern möchte. In der Vision steckt dann die Größenordnung, die das Konzept vom „Proof of concept“ zu einer echten Nutzlast-Option macht: Longshot nennt eine Zielkonstruktion mit 30 Zoll Durchmesser und plant für diese Reichweite ein Startprofil, das Nutzlasten von rund 220 Pfund auf Geschwindigkeiten bis Mach 8 beschleunigen soll. Am Ende müsste es dann sogar noch weitergehen: Um eine zweite Stufe zu ersetzen, würde das Unternehmen nach eigenen Vorstellungen eine Kanone in der Größenordnung von 10 Kilometern Länge und nahezu 10 Fuß Durchmesser benötigen – eine Dimension, die vor allem als Standortfrage in den Vordergrund rückt.
Genau hier entsteht auch die kommerzielle Brücke: Solange die skalierte Weltraum-Variante noch nicht gebaut ist, will Longshot die gleiche Technologie für Hyperschall-Tests monetarisieren. Das Unternehmen sagt, mehrere Verträge der U.S.-Streitkräfte seien bereits geschlossen worden; dazu passt die Planung, den Betrieb als Infrastruktur für das Testen von Abfang- und Flugkörperkonzepten zu nutzen. Auf dem Papier klingt die Argumentation bestechend: Wenn man „Hyperschall-Targets“ als Projektil-Varianten in großer Zahl und mit kontrollierter Geschwindigkeit bereitstellen kann, lassen sich Übungs- und Erprobungsszenarien wiederholen, ohne jedes Mal einen extrem teuren Start durchziehen zu müssen. Longshot beschreibt die Idee sogar als „Hyperschall-Clay-Pigeons“ im schnellen Durchlauf – also als möglichst günstige und reproduzierbare Zielobjekte, die beim Treffen bzw. beim „Abschuss“-Szenario Daten liefern. Auch das aerodynamische Detail ist dabei kein Nebensatz: Weil das Projektil als Lifting Body ausgelegt ist, soll es nach dem Austritt aus dem Rohr durch Auftriebseffekte weiter an Höhe gewinnen und nicht zwingend „nur“ entlang einer rein ballistischen Bahn bleiben.
Langfristig geht es Longshot jedoch nicht um Trainingsziele, sondern um den Transport in den Orbit – mit einem entscheidenden Haken: Die Nutzlast müsste als „zweite Stufe“ selbst Antrieb mitbringen. Technisch ergibt das einen klaren Schnitt im Systemdesign: Die Kanone liefert den Geschwindigkeits- und Höhenball, der Rest folgt über Motorentechnik, die dann kleiner und leichter ausfallen kann als ein kompletter Erststufen-Stack. In Zahlen gedacht nennt das Unternehmen als Ziel eine Geschwindigkeit von bis zu fünf Kilometern pro Sekunde – schnell genug, damit eine Nutzlast mit eigenem Antrieb in Richtung Raum fliegen kann. Parallel betont Longshot den Kostenaspekt: Für eine „glauben-wollen“-preiswerte Alternative nennt das Unternehmen grob 50 US-Dollar pro Kilogramm und argumentiert, dass es damit deutlich unter den Zielgrößen einer hyped „orbitaler Datenzentren“-Ökonomie liegen könnte. Ob sich solche Preissignale später in reale Ausschreibungen übertragen lassen, hängt allerdings an weniger spektakulären, aber harten Punkten: Startfenster, Flugregime, Zulassung der Zielinfrastruktur, Logistik und die Frage, ob Betreiber zuverlässig modulare Nutzlastadapter für dieses spezifische Launch-„Formfaktor“-Profil integrieren.
Aus Investorensicht und für die Branche ist die Strategie dennoch ein realistischer Versuch, mehrere Risiken gleichzeitig zu adressieren. Longshot berichtet von rund 20 Millionen US-Dollar an Venture-Finanzierung, und der Plan wirkt wie ein klassisches Stufenmodell: Erst Technologie und Betrieb am Boden nachweisen, dann Hyperschall-Tests als Umsatzquelle nutzen, während parallel an der Skalierung Richtung größerer Rohre und längerer Reichweiten gearbeitet wird. Für die U.S.-Verteidigungsindustrie ist ein solches Setup attraktiv, weil es Testzyklen beschleunigen kann, sofern die Standort- und Sicherheitsbedingungen erfüllt werden. Für den zivilen Raumfahrtmarkt ist es dagegen vor allem eine Lieferketten- und Systemfrage: Satellitenbetreiber müssen sich darauf verlassen können, dass sich Bahnparameter, Vibrationen und Schnittstellen reproduzierbar beherrschen lassen. Und das bringt uns zur größten Hürde, die das Unternehmen selbst offen anspricht: Nicht der Bau der „Dinge“ sei das Schwierige, sondern die Orte, an denen man sie überhaupt bauen und betreiben darf.
Wenn Longshot die Standort- und Infrastrukturfrage lösen kann, hätte das Konzept eine interessante Nebenwirkung: Es würde Hyperschall-Testing näher an die Welt heranrücken, in der man heute Datenzentren und Cloud-Ressourcen betreibt – also mit dem Wunsch, wiederkehrende Nutzungen planbarer und günstiger zu machen. Selbst falls der große Sprung in den Orbit nicht so früh gelingt, könnte der Technologiepfad dennoch Wirkung entfalten: bessere Testdaten, schnellere Iterationen bei Ziel- und Abfangsystemen sowie ein neuer Baukasten für Beschleuniger am Boden. Gleichzeitig bleibt der Wettbewerb zwischen „Rakete“ und „alternativen Startmethoden“ ein Feld, in dem auch bewährte Player ihre Risiken abfedern, indem sie auf de-riskte Teilsysteme und skalierbare Prozesse setzen. Longshots Ansatz ist in dieser Hinsicht weniger die Behauptung „statt Rakete alles anders“, sondern eher der Versuch, die ersten Beschleunigungsphasen als wiederverwendbaren Dienst zu denken – und damit die Kosten- und Testkurve neu zu formulieren.
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