LONDON (IT BOLTWISE) – Die unabhängige Fußballaufsichtsbehörde IFR warnt im Entwurf „State of the Game“ vor einer Finanzierungskrise im englischen Profifußball. Trotz Rekordeinnahmen von rund 9 Milliarden Pfund (etwa 10,6 Milliarden Euro) sieht der Bericht bei vielen Vereinen akute Existenzrisiken. Besonders kritisch sei die Lage in der Breite der Ligen, während die Premier League durch die Verteilungssysteme weiter davonzieht. Gleichzeitig hält Manchester City zwar Einspruch gegen das Strafverfahren nach dem Verfahren vor einer Kommission, doch die möglichen sportlichen Konsequenzen stehen im Raum.

Dass ausgerechnet bei Rekordeinnahmen ein „State of the Game“-Entwurf von einer existenziellen Schieflage im englischen Profifußball spricht, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Die unabhängige Fußballaufsichtsbehörde IFR stellt zwar rund 9 Milliarden Pfund (etwa 10,6 Milliarden Euro) als Gesamteinnahmen in den Raum, ordnet diese Entwicklung aber klar ein: In der Breite steigen nicht nur Einnahmen, sondern ebenso die Kosten. Die Folge ist ein strukturelles Ungleichgewicht, das sich nach Ansicht der Behörde nicht durch einzelne Werbe- oder Transfererfolge kurzfristig ausgleichen lässt, weil es sich im Kern um ein Verteilungs- und Nachhaltigkeitsproblem handelt.
Der Bericht bezieht sich auf eine Saison im engeren Sinne und nennt dafür harte Kennzahlen. Laut Entwurf machten in der vergangenen Saison 94 Prozent der 116 Vereine in den fünf höchsten Spielklassen Verluste. Noch deutlicher wird der Liquiditätsdruck: Mehr als ein Viertel der Clubs könne nicht länger als 30 Tage überleben, falls die Eigentümer die finanzielle Unterstützung einstellen. Auch die Diagnose „technisch insolvent“ betrifft nach Angaben des Entwurfs über 60 Prozent der Vereine aus der English Football League (EFL) und der National League; zudem würden 17 Vereine selbst dann rote Zahlen schreiben, wenn keine Spielergehälter mehr gezahlt würden.
Zusätzlich verschärft sich die Kluft zwischen den Ligen. IFR beschreibt die Schere als immer weiter auseinanderlaufend: Ein durchschnittlicher Premier-League-Club verdiene mittlerweile mehr als das Achtfache eines durchschnittlichen Zweitligisten. Die Behörde leitet daraus die Forderung ab, die Verteilungsmechanismen zu verändern. Interessant ist dabei auch die Dynamik der Verschuldung: Die Schulden seien von rund 2,8 Milliarden Pfund (etwa 3,3 Milliarden Euro) in der Saison 2020/21 auf 4,1 Milliarden Pfund (etwa 4,8 Milliarden Euro) in der abgelaufenen Spielzeit 2025/26 gestiegen. Für die kommende Saison werden 5,1 Milliarden Pfund (etwa 6 Milliarden Euro) erwartet, und rund drei Viertel dieser Schulden entfallen auf Premier-League-Clubs.
Finanziell besonders auffällig ist zudem das Muster innerhalb der Premier League selbst. IFR nennt eine Ausweitung der durchschnittlichen Verluste: In den vergangenen fünf Spielzeiten hätten sich die Verluste von 20 auf 44 Millionen Pfund pro Jahr (etwa 52 Millionen Euro) erhöht. Der IFR-Vorsitzende David Kogan bringt den Kern der Bewertung auf den Punkt: „Während einige unserer Vereine zu den reichsten und wettbewerbsfähigsten der Welt gehören, stehen andere am Rand des finanziellen Abgrunds“, sagte David Kogan. Und er legt nach: „Wer diesen Bericht liest, kann keinen Zweifel daran haben, dass Eingriffe notwendig sind“.
Parallel zur Finanzlage steht ein weiterer Auslöser für Druck im System: Manchester City. Wegen Verstößen gegen die Finanzregeln der Premier League sei City von einer unabhängigen Kommission in 114 von 115 Anklagepunkten für schuldig befunden worden. Damit drohen harte Strafen bis zur Aberkennung mehrerer Meistertitel oder einem Zwangsabstieg; City weist die Vorwürfe zurück und hat Einspruch gegen das Urteil eingelegt. Für die Branchenrealität ist das relevant, weil sportliche Sanktionen im Profifußball fast immer an harte finanzielle Folgeeffekte gekoppelt sind: Je nach Ausgang verändern sich Erwartungen an Einnahmen, Kaderplanung und Finanzierungsspielräume – und damit wiederum das Risiko, das IFR mit Blick auf die Zahlungsfähigkeit vieler Clubs beschreibt.
Technisch betrachtet lässt sich die Lage als Wettbewerb um knappe Ressourcen modellieren: Wenn Einnahmen zwar insgesamt steigen, aber die Kostenstruktur schneller wächst, entsteht ein negativer „Operating Leverage“ – also ein Effekt, bei dem selbst Wachstum nicht in Stabilität übersetzt. IFR beschreibt genau diesen Mechanismus über Zeiträume, die verschiedene Saisons umfassen, und ordnet ihn zugleich als Verteilungsproblem ein: Die Differenz zwischen Top- und Unterklasse ist so groß, dass „Geldfluss“ in der breiten Liga nicht automatisch gegensteuert. Auch wenn Künstliche Intelligenz im engeren Sinne nicht Thema des Berichts ist, bleibt für Entscheidungsträger dennoch praktisch relevant, wie sich Daten (z. B. zu Einnahmequellen, Vertragsstrukturen und Kostenprofilen) künftig besser für frühzeitige Risikoerkennung nutzen lassen, um Liquiditätsengpässe nicht erst dann zu adressieren, wenn ein Verein faktisch vom Eigentümer abhängig ist.
Für Vereine, Ligen und Rechteinhaber ergibt sich daraus eine doppelte Handlungslogik. Erstens braucht es Instrumente, die nicht nur kurzfristige Lücken schließen, sondern Kostenpfade und Abhängigkeiten vom Eigentümerbetrieb transparenter machen. Zweitens verschiebt der Bericht den Fokus stärker auf Governance: Wenn mehr als ein Viertel der Clubs nur 30 Tage ohne Unterstützung überleben kann, wird Finanzierung zur Frage der Regelarchitektur – nicht zur Frage einzelner Transfers. Die nächsten Monate dürften deshalb weniger über Schlagzeilen entscheiden als darüber, ob IFRs Vorschläge zur Anpassung von Verteilungsmechanismen sowie die juristische Klärung rund um Manchester City tatsächlich zu verbindlicheren Standards führen.
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