LONDON (IT BOLTWISE) – ASML meldet Bestellungen, die teils bis 2029 und sogar 2030 reichen, warnt aber gleichzeitig vor Engpässen. Mit den derzeitigen Kapazitäten könne der niederländische Lithografie-Spezialist nicht alle Aufträge für 2027 und 2028 abarbeiten. Der Konzern prüft daher, die Fertigung seiner Low-NA-EUV-Systeme bereits 2028 stärker auszuweiten als geplant. Anleger bekommen derweil mit einem kräftigen dritten Quartal und konkreten Umsatzzielen bis 2026 einen stabilen Ausblick.

ASML, Europas bedeutendster Anbieter von Lithografieanlagen, nähert sich einer Phase, in der die Nachfrage klar über das derzeit verfügbare Angebot hinauswächst. Der Vorstandschef Christophe Fouquet sagte laut Bericht am Mittwoch, einzelne Kunden wollten bereits Aufträge für 2029 und sogar 2030 platzieren. Das ist nicht nur ein Signal für die hohe Planbarkeit in der Lieferkette, sondern auch für den Investitionsrhythmus großer Chipfabriken, die ihre Kapazitäten häufig Jahre im Voraus absichern. Gleichzeitig zeigt sich darin aber auch ein strukturelles Thema: Selbst wenn das Auftragsbuch weit in die Zukunft reicht, entscheidet die Produktionskapazität darüber, wann Systeme tatsächlich ausgeliefert werden können.
Der Engpassbezug wird besonders an den nächsten beiden Jahren deutlich. ASML warnt, dass die heutigen Kapazitäten nicht ausreichen, um alle Bestellungen für 2027 und 2028 abzuarbeiten. Als Reaktion prüft das Unternehmen, die Fertigung der sogenannten Low-NA-EUV-Anlagen, die als zentraler Umsatzbringer gelten, im Jahr 2028 stärker auszuweiten als ursprünglich geplant. Bislang sah die Planung vor, die Produktion in den kommenden zwei Jahren jeweils um 30 Prozent zu erhöhen; mit der Prüfung könnte dieser Rahmen nach oben angepasst werden. Eine Entscheidung ist dabei noch nicht gefallen, was für Kunden praktisch heißt: Wer Maschinen dringend benötigt, muss die Bestellung früher priorisieren, weil nicht jeder Auftrag zeitgleich in die Auslieferfenster passt.
Technisch betrachtet steckt hinter dem Thema „Lieferengpass“ ein Bündel an Produktions- und Zulieferrealitäten, die bei komplexen EUV-Systemen besonders stark wirken. Low-NA-EUV zielt darauf, die Auflösung weiter zu steigern und damit auch künftig kleinere Strukturen in der Chipfertigung zu ermöglichen. Doch gerade bei solchen Systemen hängt die Lieferfähigkeit nicht allein von Montagekapazitäten ab, sondern auch von qualifizierten Komponenten, integrierten Subsystemen und Test- sowie Abnahmeprozessen, die sich nur schrittweise skalieren lassen. Sobald die Nachfrage das verfügbare Kontingent übersteigt, verschiebt sich der Schwerpunkt von „Wieviel wird bestellt?“ zu „Wann kann ausgeliefert werden?“. Für ASML ist das betriebswirtschaftlich zweischneidig: Der Engpass stützt zwar die Preissetzung, bremst aber auch den Umsatz, wenn sich Auslieferungen nach hinten ziehen.
Operativ lieferte ASML im dritten Quartal eine Bestätigung, dass die kurzfristige Ergebnislage weiterhin solide ist. Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50 Prozent auf 11,7 Milliarden Euro, der Gewinn verdoppelte sich auf rund fünf Milliarden Euro. Die Zahlen entsprachen etwa den Erwartungen der Analysten; damit verschiebt sich der Fokus an der Börse weniger auf die historische Performance, sondern auf die Vorwärtslogik: Reichen Auslieferungen und Kapazitätsplanung, um die langfristigen Bestelllinien zeitnah in reale Erlöse zu überführen? Für das Gesamtjahr 2026 rechnet Fouquet mit einem Umsatz von 44 bis 46 Milliarden Euro, was einem Plus von mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auch das deckt sich mit den bereits kursierenden Schätzungen, weshalb die Meldung kurzfristig vor allem beruhigend wirkt.
Diese Beruhigung kommt allerdings in einem Marktumfeld, das zuletzt spürbar volatil war. Zu Wochenbeginn hatten Chipaktien weltweit nachgegeben, unter anderem wegen Warnungen des Broadcom-Chefs Hock Tan vor zu hohen Erwartungen an KI und vor möglichen Finanzierungsproblemen beim Ausbau. ASML sieht in seinen aktuellen Zahlen bislang keine direkte Bestätigung dieser Sorge, und der Ausblick dürfte Investoren zumindest vorerst Stabilität geben. Dass die Aktie in Amsterdam bis zum Mittag um rund ein Prozent auf 1.526 Euro zulegte, zeigt: Viele Marktteilnehmer interpretieren die Auftragsdynamik weiterhin als tragfähig, auch wenn die Engpassmeldung verhindert, dass die Euphorie sofort in eine „unbegrenzte“ Wachstumsstory kippt. Die Analysten von Jefferies stuften die Auftragslage dabei als weiter verbessert ein.
Im Hintergrund treibt die Industrie vor allem die großen Fertigungs- und Kapazitätsentscheidungen der Chiplieferkette an. ASML wächst demnach vor allem, weil die Schlüsselhersteller investieren. TSMC steigerte im dritten Quartal den Umsatz um 51 Prozent auf umgerechnet knapp 42 Milliarden Euro, und das Unternehmen will in diesem Jahr zwischen 60 und 64 Milliarden Dollar in neue Werke und Anlagen stecken, nach 40,9 Milliarden Dollar im Jahr 2025. Auch Samsung stellt die Budgetkurve dynamisch dar, etwa durch ein deutliches Wachstum bei den Speicherchip-Erlösen und Investitionen in neue Anlagen in Südkorea und in Texas. Der Branchenverband Semi erwartet derweil, dass Hersteller weltweit dieses Jahr 149 Milliarden Dollar für Maschinen zur Bearbeitung von 300-Millimeter-Wafern ausgibt – das wären 31 Prozent mehr als 2025 – und auch im kommenden Jahr voraussichtlich weitere 16 Prozent drauflegen. Das Wachstum schwächt sich damit ab, bleibt aber klar positiv.
Für Anleger und Entscheider ergibt sich daraus ein zweistufiges Bild. Einerseits besitzt ASML im Lithografie-Markt eine Sonderstellung: Wenn die Kunden ihre Investitionen hochfahren, profitiert ASML häufig als einer der ersten Lieferanten, was sich im Auftragsbuch widerspiegelt, das bereits weit in die Zukunft reicht. Andererseits liegt das zentrale Risiko weiterhin in der Abhängigkeit von der Kapitalbereitschaft hinter dem KI-Boom. Wenn Finanzierungslinien bei Rechenzentrums- oder Fertigungsausbau wackeln, kann die Nachfrage kurzfristig kippen. Wer bereits investiert ist, sollte deshalb nicht nur auf Umsatz- und Gewinnkennzahlen schauen, sondern vor allem darauf, ob die großen Hersteller TSMC und Samsung ihre Investitionspläne halten und ob ASML den Kapazitätsausbau für 2028 tatsächlich beschließt. Genau hier entscheidet sich, ob das Wachstum von 2027 und 2028 eher planbar in neue Auslieferfenster übergeht – oder durch Lieferengpässe zeitlich gebremst wird.
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