LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup ai3Bio geht aus der Stealth-Phase an und will Autoimmunerkrankungen über eine gezielte Elimination krankheitsauslösender T-Zellen adressieren. Laut Unternehmensangaben erhält das Projekt für den T-Zell-Ansatz zunächst eine Serie-A-Finanzierung über 48 Millionen US-Dollar. Parallel arbeitet ai3Bio an einem STARx-Programm, das mit mRNA in Lipid-Nanopartikeln speziell Entzündungs-Subtypen wie IL-17-produzierende Th17-Zellen erreichen soll. Für die nächsten Meilensteine nennt das Unternehmen IND-Studien bis Ende Q3 2027 sowie den Start erster Humanstudien im vierten Quartal 2027.

ai3Bio tritt mit einer klaren Therapielogik in den Markt für Autoimmunerkrankungen: nicht Entzündungsbotenstoffe abfangen, sondern die Zellen ausschalten, die sie produzieren. In der Stealth-Phase entwickelte das Unternehmen zwei parallele Programme, deren roter Faden die Entfernung krankheitstreibender T-Zellen sein soll. Die Idee dahinter ist technisch und konzeptionell anspruchsvoll, weil T-Zellen nicht nur „eine“ Zellpopulation sind, sondern funktionell unterschiedliche Subtypen bilden. Genau hier setzt ai3Bio an: Mit einem Ansatz, der CD161+ inflammatorische bzw. pathogene T-Zellen selektiv eliminieren soll, will das Unternehmen eine Lücke schließen, die bei vielen etablierten Therapien strukturell bleibt.
Im Interview ordnet Jonathan Kagan die Ausgangslage so ein, dass seit mehr als 30 Jahren bekannt sei, dass T-Zellen zentrale Treiber in der Autoimmunität darstellen. Dennoch existierten bislang laut dieser Sichtweise keine wirklich überzeugenden Strategien, um diese Zellen gezielt zu eliminieren, während gesundes Gewebe verschont bleibt. Die zugelassenen Medikamente neutralisieren demnach häufig vor allem Zytokine, beispielsweise IL-17, die die Entzündungsprozesse verstärken und damit Gewebeschäden mitverursachen. ai3Bio kontrastiert das mit einer „Ursachen“-Betrachtung: Wenn die Quelle der IL-17 nicht beseitigt wird, bleibt es bei einer symptomorientierten Kontrolle. Die Metapher des „Polizisten“, der nach dem Schuss die Kugel aufspürt, während die Waffe in der Hand des Täters bleibt, bringt diese Differenzierung sehr zugespitzt auf den Punkt.
Für die Umsetzung nennt ai3Bio zwei Therapieplattformen. Das erste Programm trägt den Namen T Deplete und setzt auf einen monoklonalen Antikörper, der CD161+ Entzündungs- und potenziell pathogene T-Zellen gezielt entfernen soll. Damit adressiert das Unternehmen ein Kernrisiko klassischer Immuntherapien: zu breite Angriffe können die Immunfunktion schwächen; eine zu enge Zielstruktur kann dagegen die Wirksamkeit begrenzen, wenn Marker nicht zuverlässig mit der Krankheitsaktivität korrelieren. Das zweite, weniger weit entwickelte Programm heißt STARx bzw. Selective T cell Apoptosis Therapy. Hier kommen Lipid-Nanopartikel (LNP) zum Einsatz, um eine mRNA-Fracht in Richtung inflammatorischer T-Zellen zu bringen – mit einem besonderen Fokus auf Th17-Zellen, die IL-17 produzieren. Technisch ist das insofern relevant, als mRNA-Delivery über LNPs zwar in anderen Kontexten bereits etabliert ist, die zielgerichtete Aussteuerung auf spezifische Immunzellpopulationen aber weiterhin hohe Anforderungen an Biodistribution, Aufnahme und anschließende Expression stellt.
Der Markt bildet den unmittelbaren Drucktest für diese Strategie. Laut Kagan wird das Volumen der zugelassenen Therapieoptionen für Autoimmunerkrankungen auf über 130 Milliarden US-Dollar beziffert, zugleich aber als unvollständige Sicht kritisiert, weil es nicht abbildet, welchen Nutzen die Behandlungen für Patientinnen und Patienten real liefern. Genau diese Lücke adressiert ai3Bio, indem es sich auf besonders schwere Fälle konzentrieren will: Für den Antikörper nennt das Unternehmen ankylosierende Spondylitis als zentralen Indikationsfokus. Für diese Erkrankung wird ein Gesamtmarkt von rund 7 Milliarden US-Dollar angeführt, wobei ai3Bio die eigenen Ressourcen auf Patientengruppen mit dem aus Unternehmenssicht größten medizinischen Bedarf lenken will, also auf jene, die auf die bestehende Therapie nicht ausreichend ansprechen. Beim zweiten Programm positioniert sich ai3Bio dagegen mit dem Ziel autoimmune Lebererkrankungen, die laut den Angaben des CEO bisher oft mit unspezifischer Immunsuppression wie Steroiden behandelt würden.
Wettbewerb ist in diesem Segment kein Randthema, sondern wirkt wie ein Beschleuniger und gleichzeitig wie ein Filter. Das Umfeld habe in den vergangenen Jahren deutlich an Investitionen und Wachstum gewonnen; mehrere größere Biotech- und Pharmaakteure entwickeln demnach Ansätze, die sich in Richtung zellbasierter Therapien oder monoklonaler Antikörper bewegen. In vielen Fällen geht es aber, wie ai3Bio hervorhebt, um andere Immunzelltypen – etwa B-Zellen statt T-Zellen. Genau hier ordnet das Unternehmen seine T-Zell-Fokussierung als strategischen Unterschied ein. Zugleich existiert mit Immu(n)itas Therapeutics ein weiterer Akteur, der laut den Angaben preklinische Daten zu einem anti-CD161-Antikörper namens IMT-380 präsentiert hat. Für ai3Bio bleibt das ambivalent: Es bestätigt die Relevanz von CD161 als Markerachse, erhöht aber auch den Erwartungsdruck hinsichtlich Wirksamkeit und Selektivität.
Für die zeitliche Einordnung liefert der Unternehmensplan konkrete Projektionen. Dr. Steven Altschuler sagt, das Unternehmen sei im Juni 2026 gestartet, habe Mittel zur Gründung eingeworben und plane nun erneut Kapitalbeschaffung, unter anderem Gespräche mit Big Pharma für weitere Unterstützung. Für den Antikörperansatz befindet sich ai3Bio laut Aussage gerade im Übergang in IND-enabling Studien. Als Ziel nennt das Unternehmen, bis zum Ende des dritten Quartals 2027 eine IND auf den Weg zu bringen, um im vierten Quartal 2027 mit ersten First-in-human-Studien zu starten. Das zweite STARx-Programm liege zeitlich etwas zurück, weil preklinische Arbeiten noch finalisiert würden – und zwar unter Einsatz der „standard models“ bei nichtmenschlichen Primaten sowie spezialisierter Mausmodelle. Diese Struktur ist für Investoren und Partner häufig entscheidend, weil sie den regulatorischen Pfad und die Planbarkeit klinischer Ressourcen klarer macht als rein visionäre Zeitlinien.
AI spielt bei ai3Bio dabei weniger als „Zauberformel“ eine Rolle, sondern als Werkzeug im Entwicklungsalltag und in der Zielmarker-Identifikation. Laut den Angaben nutzt das Unternehmen KI, um tägliche Arbeitsprozesse zu steuern. Wichtiger ist die zweite Ebene: Für einzelne Indikationen habe man KI eingesetzt, um den spezifischen Marker auf den T-Zellen zu bestimmen, der angegriffen werden soll. Durch die Anwendung auf menschliches Gewebe identifizierte ai3Bio demnach den gemeinsamen Marker auf Th17-Zellen, die IL-17 produzieren. Aus technischer Sicht ist das vor allem dann relevant, wenn die Marker konsistent in den relevanten Patientenkohorten auftauchen und sich zudem mit dem gewünschten Selektivitätsziel vereinbaren lassen. Genau daran hängt bei T-Zell-Depletion der praktische Nutzen: Nur wenn die „schädliche“ Subpopulation zuverlässig erkannt wird, kann die Therapie Entzündungskaskaden unterbrechen, ohne breit auf die gesamte Immunantwort einzuwirken.
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