ANDØYA / LONDON (IT BOLTWISE) – Europa hat im September zwei eigene Raketenstarts erfolgreich in den Orbit gebracht und damit die Debatte um Souveränität im Weltraum neu angefacht. Isar Aerospace erreichte am 5. September vom norwegischen Andøya aus den Orbit mit der Rakete Spectrum. Zehn Tage später brachte Avio mit Vega-C zwei Erdbeobachtungssatelliten ins All. Besonders Thales und Leonardo rücken dabei in den Fokus, weil sie an mehreren Satelliten entlang der Wertschöpfungskette beteiligt sind.

Die beiden Starts im September wirken auf den ersten Blick wie ein reines Engineering-Signal. Der zweite Blick zeigt jedoch, warum sich Anleger und Industrieplaner aktuell so stark für europäische Raumfahrtfähigkeiten interessieren: Mit jedem erfolgreichen Orbiteintritt wird ein Stück der Lieferkette „von der Rakete bis zum Betrieb“ belastbar. Am 5. September brachte Isar Aerospace die Rakete Spectrum von Andøya aus in eine Umlaufbahn; in den Angaben der ESA war das der erste Start in eine Umlaufbahn vom europäischen Festland. Nur rund zehn Tage später folgte Avio mit einer Vega-C, die zwei Erdbeobachtungssatelliten ins All brachte. Für einen Kontinent, der Satelliten bislang häufig auch über US-Anbieter wie SpaceX ins All gebracht hat, ist das nicht nur ein technischer Erfolg, sondern ein Baustein hin zu operativer Unabhängigkeit.
Dass die Ertragschancen nicht bei den Raketenherstellern enden, macht Morningstar in seiner sektorbezogenen Betrachtung deutlich. Wachsende Satellitenkonstellationen erhöhen die Nachfrage branchenweit – von Sensornutzlasten über Bodeninfrastruktur und sichere Kommunikation bis hin zur Datenverarbeitung und Überwachung des Weltraums. In dieser Logik werden europäische Rüstungskonzerne besonders interessant, wenn sie entlang mehrerer Segmente tätig sind. Für Thales und Leonardo sieht die Analyse demnach die „klarsten Profiteure“: Beide sind über ein Gemeinschaftsunternehmen im Satellitenumfeld eng verzahnt, und zwar bis in die Ebene der konkreten Missionen. Beim Vega-C-Start vom 15. September war Thales Alenia Space Hauptauftragnehmer für Sentinel-3C aus dem Copernicus-Programm der EU sowie für FLEX der ESA – also für zwei Satelliten, die unterschiedliche operative Rollen abdecken.
Die Wertschöpfung reicht dabei über die reine Herstellung hinaus. Über die gemeinsame Beteiligung an Telespazio können Thales und Leonardo in der Argumentation von Morningstar auch am Satellitenbetrieb und an nachgelagerten Diensten profitieren. Entscheidend ist: Wer Technologien und Services liefert, „auf die Satelliten im Orbit angewiesen sind“, wird bei steigender Start- und Nutzungsrate typischerweise mitgezogen. In diesem Kontext nennt die Analyse Fähigkeiten wie Wartung im Orbit, Robotik und Weltrauminfrastruktur – also Bereiche, in denen die Komplexität im Betrieb steigt, sobald Satelliten nicht mehr als Einzelprojekte, sondern als Flotten gedacht sind. Genau hier unterscheidet sich die Rendite-Dynamik: Bei breit aufgestellten Konzernen verteilt sich das Risiko über mehrere Standbeine, während bei stark spezialisierten Zulieferern die Auftragslage enger an Starts, Programmrhythmen und politische Prioritäten gekoppelt bleibt.
Eine zusätzliche Perspektive liefert der Fokus auf militärische Aufklärung aus dem All. Laut der Einschätzung von Morningstar bietet Rheinmetall einen gezielteren Zugang zu diesem Themenfeld, weil das Unternehmen mit dem finnischen Satellitenhersteller ICEYE zusammenarbeitet, der auf radargestützte Aufklärung spezialisiert ist. Rheinmetall konzentriert sich dabei auf weltraumgestützte militärische Aufklärungssysteme. Der Nachfragetreiber wird mit Blick auf die kommenden Jahre konkretisiert: Novaspace erwartet, dass die Zahl der Starts militärischer Aufklärungssatelliten im kommenden Jahrzehnt vervierfacht. Neben der Startfrequenz wächst auch die Bedeutung von Kooperationen im Umfeld der Konnektivität – ein Beispiel dafür ist die Ankündigung von Nokia und ICEYE, gemeinsam sichere europäische Kommunikationssysteme im Orbit für Verteidigung und Sicherheit aufzubauen.
Für „reine Raumfahrtwerte“ ordnet die Quelle OHB und Avio ein. Hinter dieser Einteilung steht auch die Investorenzulieferung: Die Privatbank Berenberg hat im September eine Analyse des Sektors gestartet und damit eine Coverage aufgebaut, die zuvor deutlich stärker bei US-Häusern verankert war. Berenberg schätzt laut Morningstar, dass sich die weltweite Raumfahrtwirtschaft von rund 500 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf mehr als eine Billion US-Dollar bis 2030 verdoppelt. Bis dahin seien die bösennotierten Anlagemöglichkeiten jedoch weiterhin zu großen Teilen in den USA angesiedelt; aus Europa schafften es in die erste Coverage nur zwei Namen – Avio (mit Beteiligung von Leonardo) und der Bremer Satellitenbauer OHB. Michael Filatov, Analyst bei Berenberg, sieht in der direkten Verbindung zur Nachfrage nach souveränen Raumfahrtfähigkeiten einen klaren Grund, warum gerade diese Werte für Anleger attraktiv sein können, die europäische Budgets stärker gewichten oder nicht in US-Aktien investieren können.
Dass die These auch operativ greifbar ist, zeigt die Quelle mit Zahlen zur Entwicklung. Bei OHB stieg im ersten Halbjahr 2026 die Gesamtleistung um 11 Prozent auf knapp 628 Millionen Euro; die Prognose für das Gesamtjahr habe der Konzern am 6. August bestätigt. Daraus ergeben sich für Anleger unterschiedliche Annäherungswege: Thales, Leonardo und Rheinmetall bleiben in dieser Sichtweise Raumfahrt-Bausteine neben dem klassischen Rüstungsgeschäft, während OHB und Avio stärker auf das Raumfahrtgeschehen reagieren. Wer zusätzlich breiter streuen möchte, findet laut Text auch Zugang über Beteiligungsgesellschaften wie das Seraphim Space Investment Trust – mit dem Ziel, nicht börsennotierte Player wie ICEYE einzubeziehen. Gleichzeitig bleibt das Risiko real: Laut Morningstar sieht die Deutsche Bank Europa bei Raumfahrtfähigkeiten weiter im Rückstand, selbst wenn staatliche Investitionen ein glaubwürdigeres Ökosystem schaffen. Der Abstand zu US-Strukturen erhöht die Abhängigkeit von öffentlichen Budgets und Programmprioritäten, und das technische Risiko kann bei kleineren Spezialwerten überproportional wirken – etwa wenn Starts erst im zweiten Anlauf gelingen oder Verzögerungen den Kurs schneller unter Druck setzen als bei breiter diversifizierten Konzernen.
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