BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berliner Startup-Szene sorgt sich um ihren Status als Gründermetropole. In der Szene kursiert die Befürchtung, dass politische Entscheidungen die Bedingungen für Wachstum und Finanzierung spürbar verschlechtern. Ein Risikokapital-Investor berichtet von ersten Wegzügen einzelner Gründer und nennt dabei konkrete politische Auslöser. Gleichzeitig argumentieren andere Gründer, dass Berlin unabhängig von der Politik bereits aus eigener Stärke funktioniere.

Über Berlin hängt derzeit weniger eine technische als eine politische Unsicherheit. Im Umfeld der Startup-Szene wird die Frage lauter, ob die Stadt ihren Ruf als Ort schneller Gründung und zügigen Wachstums tatsächlich verteidigen kann. Laut der Wahl im September wurde die Linkspartei mit 25,7 Prozent zur stärksten Kraft im Abgeordnetenhaus. Für viele Gründer ist das nicht nur ein Stimmungsbarometer, sondern ein potenzieller Wechsel im wirtschaftspolitischen Kurs, der sich direkt auf Themen wie Regulierung, öffentliche Vergaben und Wohnkosten auswirken könnte.
Als konkreten Auslöser für die wachsende Anspannung nennt Christian Miele, Partner bei einem Berliner Risikokapitalgeber und Mitglied der CDU, eine Verschiebung der letzten Monate. Er verweist auf Demonstrationen gegen Startups und beschreibt Beispiele aus dem Berliner Umfeld, darunter Farbanschläge auf Filialen einer von Wagniskapitalgebern unterstützten Kaffeekette, die mit einer aggressiven Niedrigpreispolitik in die Kritik geraten sei. In diesem Klima, so Miele, ändere sich die Art, wie offen über Probleme diskutiert werde: In Gesprächen nach Feierabend oder bei Business-Lunchs werde zwar weiterhin über Verkehrschaos und steigende Kriminalität gesprochen, doch „ein Teil bleibt dann eben doch nicht automatisch“, sondern die Firmenumgebung selbst gerate unter Druck.
Dass diese Debatte inzwischen in Standortentscheidungen mündet, will Miele zumindest teilweise bestätigen. Er sagt: „Ich kenne mehrere Leute, die kürzlich aus Berlin weggezogen sind.“ Dabei nennt er als Ziele unter anderem Hamburg und München sowie auch die Schweiz. Noch spricht er von Einzelfällen, aber er erklärt die Richtung mit einem Muster: Viele Gründer seien entsetzt über politische Zustände in der eigenen Stadt, etwa über Sondierungsgespräche, die aus seiner Sicht Erwartungen konterkarieren. Außerdem bezieht er sich auf die Möglichkeit, dass Elif Eralp als Politikerin der Linkspartei künftig Regierende Bürgermeisterin werden könnte, und verknüpft die Sorge mit einem möglichen politischen Wechsel in der wirtschaftlichen Praxis.
Technisch lässt sich diese Situation nicht auf einzelne Schlagworte reduzieren, denn sie betrifft die Infrastruktur von Startup-Ökosystemen: Finanzierung, Talentbindung und die Planbarkeit von Regeln. Wahlprogrammatisch kommt bei vielen in Berlin vor allem die Mischung aus unterstützenden Elementen und harten ideologischen Linien an. Positiv wird etwa ein Coachingangebot für Gründer genannt, das laut Quelle aus Kostengründen zuvor gestoppt worden sei. Gleichzeitig kritisiert die Partei die freie Marktwirtschaft grundsätzlich und formuliert im Programm, dass der Markt „blind“ sei für das, was die Stadt brauche. Besonders sensibel ist dabei die Wohnpolitik: Private Immobilienunternehmen sollen nach dem Programm Druck bekommen, damit Konzerne mit mehr als 3000 Wohnungen ihre Bestände in Gemeineigentum überführen müssen. Für ein Startup-Umfeld, das stark von bezahlbarem Wohnen und damit von erreichbaren Lebenshaltungskosten für Fachkräfte abhängt, kann das eine unmittelbare CFO-Frage werden – nicht nur eine politische Debatte.
Auch am Arbeitsmarkt entzündet sich die Diskussion. Die Linkspartei warnt nach der Darstellung im Wahlprogramm vor Click- und Gig-Working als vermeintlich selbstständiger Beschäftigung ohne soziale Absicherung. Parallel wird ein Ansatz beschrieben, den Einfluss öffentlicher Vergaben zu nutzen und Verpflichtungen bei Aufträgen mit solchen arbeitsrechtlichen Zielen zu koppeln. Gerade junge Unternehmen, in denen Überstunden in ambitionierten Teams häufig vorkommen, sehen darin ein Risiko für Wettbewerbsfähigkeit und Personalplanung. Gleichzeitig reagieren linke Vertreter beschwichtigend auf die Kritik: Damiano Valgolio, Sprecher für Arbeit und Wirtschaft der Fraktion, sagte Journalisten gegenüber: „Wir wollen die Startup-Szene in Berlin weiter unterstützen.“ Er argumentiert außerdem, Verwaltung und Vergaben könnten als „Ankerkunde“ wirken und Innovation in lokalen Firmen gezielt fördern.
Diese Gegenposition prallt jedoch bei Miele auf eine andere Logik: Er hält die Bekenntnisse für „unglaubwürdig“ und begründet das mit zwei Grundprinzipien, die er mit dem Gründungsgeschehen verknüpft – Eigentumsrechte und unternehmerisches Erfolgsstreben. In seiner Sicht passen Enteignungspläne sowie eine stark marktkritische Grundhaltung nicht zu dem, was viele Investoren und Gründer für skalierbares Wachstum brauchen: verlässliche Rahmenbedingungen, eine klare Eigentumsordnung und ein positives Signal für risikobereites Kapital. Zudem verweist er darauf, dass einige erfolgreiche Berliner Startups der jüngeren Vergangenheit einen Bezug zum Rüstungssektor haben, was seine Annahme stützt, dass die Stadt in einer Regierung der Linkspartei solche Firmen weniger willkommen heißen könnte. Andere wiederum versuchen, die Situation auf eine nüchterne Formel zu bringen: Berlin sei nicht wegen, sondern trotz der Politik stark. Diese Haltung findet sich sinngemäß auch in einer Aussage von Julian Teicke, Mitgründer des Versicherungs-Startups Wefox, der betont, die Startup-Szene sei resilient geblieben.
Unabhängig vom politischen Ausgang bleibt die Frage, wie schnell sich Vertrauen in einem Ökosystem dreht. Chris Rehse, Gründer von Neotiv und Landessprecher des Startup-Verbands in Berlin, bringt eine weitere Erfahrung ein: Startups seien auch unter früheren Regierungen häufig vernachlässigt worden – mit der Folge, dass politische Unterstützung fehlte und unternehmerische Gestaltungskraft unterschätzt wurde. Gleichzeitig kritisiert er die Enteignungspläne, weil schon die Debatte Investitionen abschrecken und damit heimische Startups bremsen könnte. Als Hoffnungsschimmer nennt Rehse ein konkretes Versprechen aus dem Umfeld der Linkspartei: Elif Eralp habe sich bei einer Veranstaltung für Direktverbindungen vom Berliner Flughafen nach China und in die USA ausgesprochen, damit Startup-Unternehmer leichter reisen und Kapitalgeber im Ausland ansteuern können. Rehse sagt: „Daran werden wir sie und die mögliche künftige Landesregierung unter ihrer Führung messen.“ Für die Praxis der nächsten Monate bedeutet das: In Berlin entscheidet weniger eine einzelne Meinung als die Kombination aus umsetzbaren Programmen, der Geschwindigkeit politischer Entscheidungen und der Frage, ob Gründer ihre Planbarkeit im Standort wiederfinden.
Für die Technologie- und Startup-Branche ist die Konsequenz klar: Berlin konkurriert nicht nur um Ideen, sondern um Talente und Kapitalströme. Wenn politische Unsicherheit mit demonstrativen Konflikten und drohenden Weichenstellungen bei Wohnen, Arbeitsmarkt und Vergabepraxis zusammenfällt, kann das die Reibung im Tagesgeschäft erhöhen – von der Mitarbeitergewinnung bis zur Finanzierung. Gleichzeitig zeigen Stimmen aus der Szene, dass Faktoren wie Lebensqualität, Kulturangebot und internationale Vernetzung weiterhin wirken können. Die nächsten Gespräche zu Koalitions- und Sondierungslinien werden deshalb nicht nur als Parteitaktik gelesen werden, sondern als Signal dafür, ob die Stadt wieder stärker als verlässlicher Entwicklungsraum für Künstliche Intelligenz und digitale Geschäftsmodelle wahrgenommen wird.
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