DITZINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller hält eine Erhöhung der Arbeitszeit für zumutbar. Sie verknüpft die Forderung explizit mit dem Wettbewerbsdruck und argumentiert, produktiver müsse man werden, um im Markt bestehen zu können. Zugleich stellt sie klar, dass mehr Arbeit nicht mit weniger Verdienst einhergehen dürfe. Im Hintergrund läuft die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie mit Gesprächen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern.

In Ditzingen setzt Nicola Leibinger-Kammüller den Ton für die arbeitsmarkt- und industriepolitische Debatte: Die Trumpf-Chefin hält es für zumutbar, die Arbeitszeit zu erhöhen, „je nach Kraft und je nach Lage des Einzelnen“. Ihr Ausgangspunkt ist dabei weniger die kurzfristige Stimmungslage als die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland. Wenn Unternehmen produktiver werden müssten, sei das auch eine Frage der Arbeitszeit, so ihre Kernaussage gegenüber der Presse im Umfeld der Bilanzkommunikation des Maschinenbauers. Damit betont sie zugleich eine Erwartung an die Verteilungslogik: Mehr Arbeit ja, weniger Verdienst nein – denn die Beschäftigten müssten ihr Einkommen verlässlich planen können.
Technisch und organisatorisch ist der Zusammenhang aus Sicht von Produktionsunternehmen naheliegend: Mehr Produktivität entsteht selten durch einen einzelnen Hebel, sondern durch ein Bündel aus Auslastung, Prozessdisziplin und Schicht- bzw. Einsatzplanung. Wird die Wochenarbeitszeit angehoben, verschiebt sich häufig die Nachfrage nach sauberer Kapazitätssteuerung in Richtung der Ablaufplanung in den Fertigungsbereichen, etwa bei Rüstzeiten, Instandhaltungstakten oder dem Zusammenspiel von Fertigung und Logistik. Leibinger-Kammüller adressiert genau diese Realität, indem sie Produktivität als Voraussetzung der Wettbewerbsfähigkeit formuliert. In der Botschaft steckt damit auch eine praktische Erwartung an die Umsetzung in der Fläche: Je genauer Unternehmen ihre Engpassprozesse beherrschen, desto besser lässt sich zusätzliche Arbeitszeit in messbare Output-Steigerungen überführen, statt sie in Leerlauf oder Überlastung zu verwandeln.
Gleichzeitig wird die Debatte durch parallele Signale aus der Industrie angeheizt. Aus dem Umfeld des Automobilsektors ist bekannt, dass Mercedes-Benz die Diskussion über eine Rückkehr zu 40 Stunden Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich angestoßen hat. Solche Vorschläge wirken in andere Branchen hinein, weil sie die Parameter der Verhandlung neu definieren: Arbeitgeber formulieren dann oft Arbeitszeit als Stellgröße, während Gewerkschaften sie mit dem Risiko sinkender Kaufkraft verknüpfen. Genau hier liegt der Spannungsbogen zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie: Die Gewerkschaft ging mit einer Forderung nach 5 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten in die Gespräche. Das erste Gespräch endete dem Text zufolge ohne Angebot der Arbeitgeber, und die Chefin bewertet die Situation vor dem Hintergrund der „Lage im Land“ – ihre Einschätzung lautet, die Forderung sei „natürlich vollkommen überzogen“ und man müsse hoffen, dass sich beide Seiten irgendwo „in der Mitte“ treffen.
Für Unternehmen ist das mehr als nur ein Schlagabtausch, weil Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie als Referenz dienen. Viele Betriebe orientieren sich bei Lohn- und Arbeitszeitmodellen an dem, was dort beschlossen wird oder zumindest in den Verhandlungen als plausibel gilt. Wenn eine Arbeitgeberseite Arbeitszeit als wirtschaftlichen Hebel stärker gewichtet, verschiebt sich das Erwartungsprofil für Betriebsvereinbarungen: Dann rücken Themen wie Ausgleichsmechanismen, Zeiterfassung, Modelle für Flexibilität über den Monat oder das Jahr sowie die Frage nach Belastungsgrenzen noch stärker in den Fokus. Umgekehrt steigt bei Beschäftigten und Interessenvertretungen der Anspruch, dass Mehrarbeit nicht in stille Mehrbelastung kippt, sondern als Gegenleistung in Einkommen, Planungssicherheit und gesundheitliche Verträglichkeit übersetzt wird.
Historisch betrachtet ist die Arbeitszeitdebatte in Deutschland ein wiederkehrendes Muster, das sich an wirtschaftliche Zyklen und Produktionsstrukturen anpasst. In Zeiten von Nachfrageschwankungen tauchen regelmäßig Modelle auf, die zwischen längeren Arbeitswochen, flexiblen Schichten und Produktionssteuerung über Bestell- und Auftragszyklen unterscheiden. Was sich jedoch verändert hat, sind die Rahmenbedingungen durch strengere Wettbewerbsrealitäten und zunehmend durchgetaktete Lieferketten. Gerade im Maschinenbau entscheidet sich die Wettbewerbsfähigkeit häufig an der Fähigkeit, Aufträge zuverlässig zu erfüllen und dabei die Kostenstruktur im Griff zu behalten. In diesem Umfeld ist „mehr arbeiten“ als Signal verständlich, aber es bleibt zugleich ein Verhandlungsproblem, weil die Gegenlogik – nämlich „mehr verdienen“ und faire Ausgleichsmodelle – politisch und sozial hoch sensibel ist.
Für die nächsten Schritte wird entscheidend sein, wie Arbeitgeber und Gewerkschaften den Ausgleich zwischen Arbeitszeit und Lohn konkretisieren. Die Äußerungen von Leibinger-Kammüller machen klar, dass sie die Formel „produktiver sein“ nicht nur als strategisches Mantra sieht, sondern als Forderung, die sich an der Arbeitsleistung ablesen lassen soll. Gleichzeitig bleibt offen, wie genau die Umsetzung in konkreten Tarif- oder Betriebsmodellen aussehen könnte, zumal das erste Gespräch der Tarifparteien ohne Angebot endete. In der laufenden Diskussion dürften daher weniger pauschale Positionsmarker zählen als belastbare Kompromisslinien: Wie lässt sich mehr Arbeitszeit so organisieren, dass sie in Planbarkeit, Entgeltlogik und Gesundheitsschutz eingebettet ist – und damit nicht nur kurzfristig Kosten senkt, sondern langfristig die Wettbewerbsfähigkeit stärkt.
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