HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Sechs Wettbewerber der Deutschen Post im Briefmarkt gründen mit „Deutschlandversand“ ein gemeinsames Unternehmen für bundesweite Großkunden. Im neuen Netzwerk sollen Unternehmen künftig einen Ansprechpartner sowie Zugang zu einem gemeinsamen Zustell- und Serviceangebot erhalten. Das Modell startet zum Oktober und soll vor allem Effizienzgewinne bringen, während der Kostendruck durch sinkende Briefmengen steigt. Zudem übernimmt die Gesellschaft den insolventen Dienstleister dvs sowie die in NRW tätige Zustellgesellschaft Xendis.

Der Briefmarkt in Deutschland steht spürbar unter Druck, und das zeigt sich nicht nur an schrumpfenden Sendungsmengen, sondern auch an neuen Formen der Zusammenarbeit. Sechs Wettbewerber der Deutschen Post haben ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, das die Betreuung bundesweiter Großkunden künftig über ein gemeinsames Netzwerk abwickeln soll. Damit verschiebt sich die bisher eher arbeitsteilige Konkurrenz zwischen regionalen Anbietern hin zu einer national ausgerichteten Liefer- und Serviceinfrastruktur, die aus Sicht der Beteiligten Skaleneffekte ermöglichen soll. Im Zentrum steht dabei nicht das Wholesale-Geschäft an sich, sondern die Frage, wer Großkunden bei der operativen Abwicklung zuverlässig über Bundesländergrenzen hinweg bedienen kann.
Für die Einordnung ist ein Blick auf die Marktmacht wichtig. Laut Bundesnetzagentur lag der Umsatzanteil des Marktförderers beim Briefgeschäft in Deutschland bislang bei 87 Prozent; der verbleibende Anteil verteilt sich auf regionale Wettbewerber wie Citipost in Hannover oder Südwest-Mail Brief + Service in Ulm. Genau diese Struktur macht Kooperationen attraktiv: Gerade wenn die Nachfrage im Digitalzeitalter nach Briefen sinkt, geraten Anbieter mit stark regionalem Zuschnitt unter Druck, während gleichzeitig Fixkosten – etwa für Zustelllogistik, Zustellsteuerung und Kundenservice – pro Sendungsvolumen steigen können. Das neue Modell „Deutschlandversand GmbH & Co. KG“ mit Sitz in Hannover zielt deshalb auf einen gemeinsamen Zugang zu Kapazitäten und Prozessen, die für Unternehmensversender wie Banken, Versicherungen und Behörden auf ein durchgängiges Handling angewiesen sind.
Organisatorisch ist das Vorhaben klar auf die Bündelung ausgelegt. Die Gesellschafter halten jeweils zu gleichen Teilen: Citipost und Südwest-Mail, ergänzt um den Schwäbischen Verlag (Ravensburg), Postholding Süd (Sindelfingen), Marketing Service Magdeburg sowie die Pin AG (Berlin). Für Großkunden ist vor allem die Versprechenslogik relevant: Sie sollen künftig einen Ansprechpartner haben und Sendungen über ein gemeinsames Netz aufgeben können, statt mit mehreren regionalen Partnern parallel zu arbeiten. Damit geht es auch um Schnittstellenfragen, etwa wie Auftragsdaten, Sendungsströme und Qualitätsparameter zwischen den Regionen harmonisiert werden. In der Praxis entscheidet dabei nicht nur die Transportkette, sondern ebenso die Qualitätssicherung in der Zustellung und die Abstimmung im Kundenservice, weil Fehlerwirkungen bei bundesweit verteilten Kampagnen schnell sichtbar werden.
Mit dem Start zum Oktober verbindet das Gemeinschaftsunternehmen die strategische Bündelung gleich mit einer operativen Konsolidierung. „Deutschlandversand“ übernimmt den insolventen Briefdienstleister dvs aus Ratingen und zudem die in NRW tätige Zustellgesellschaft Xendis. Damit reduziert sich die Zahl der „dazwischen geschalteten“ Strukturen, die bislang den Austausch regionaler Briefmengen zwischen Wettbewerbern ermöglichten: Bislang nutzten die regionalen Postkonkurrenten zwei verschiedene Systeme zur Mengenabgabe und -weiterleitung; künftig soll es nur noch ein Zustellnetzwerk unter einem Dach geben. Solche Konsolidierungen können die Prozesskosten senken, weil weniger Integrationsaufwand entsteht und die Steuerung des Netzbetriebs zentraler geplant werden kann. Gleichzeitig erhöht sich der Anspruch an die Zuverlässigkeit, weil ein Fehler im einheitlichen Netz nun breiter wirkt als in separaten Teilnetzwerken.
Die Beteiligten rahmen das Vorhaben entsprechend als Wendepunkt. Jörg Kosel, Geschäftsführer der neuen Deutschlandversand-Firma, sagte: „Das ist ein historischer Schritt für den deutschen Briefmarkt“, und ergänzte, dass alternative Briefdienste zwar seit der Öffnung des Briefmarktes existierten, aber im nationalen Geschäft bislang überwiegend nebeneinander arbeiteten. Auch die Zielrichtung für Großkunden wird in seiner Darstellung deutlich: Erfolgreich sei man, „wenn Kunden bundesweit über uns versenden, unsere regionalen Partner mehr Mengen bekommen und der neue Deutschlandversand für verlässliche Qualität im Briefmarkt steht.“ Solche Aussagen deuten darauf hin, dass die Kooperation nicht nur als Kostenspiel betrachtet wird, sondern als Qualitäts- und Markenversprechen, das durch einheitliche Abläufe abgesichert werden soll.
Für die Branche ist das Projekt vor allem deshalb relevant, weil es ein konkretes Antwortmuster auf den Strukturwandel liefert: Wenn Mengen sinken und Kostendruck zunimmt, wird die Frage nach der Netztiefe zur Überlebensfrage. Für den Wettbewerb gegenüber der Deutschen Post bedeutet das neue Gebilde, dass regionale Anbieter sich nicht mehr nur als Nischenplayer positionieren müssen, sondern eine bundesweite Betriebsperspektive einnehmen können. Für Unternehmensversender wiederum wird der Markt dadurch etwas heterogener: Statt auf einen dominierenden Anbieter und vereinzelte Regionallösungen zu setzen, entsteht eine zweite, strukturierte Option, die auf Ansprechpartner, Skalierung und Prozesskonsistenz ausgerichtet ist. Ob das dauerhaft funktioniert, wird sich daran messen lassen, wie schnell das einheitliche Zustellnetz im Tagesgeschäft stabil läuft und wie robust die Qualitätskennzahlen auch bei schwankenden Volumina bleiben.
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