LONDON (IT BOLTWISE) – Ein KI-Modell hat in weniger als 30 Minuten fünf lange unaufgeklärte Seeds für NIST-Elliptic-Curves auf einen gewöhnlichen Zufallszahlengenerator zurückgeführt. Die Spur führt zu lrand48 aus älteren C-Softwarebibliotheken und lässt eine versteckte NSA-Schwachstelle deutlich weniger plausibel erscheinen. Für Nutzer der betroffenen NIST-Kurven ist laut Einordnung keine Änderung nötig, weil die Seeds ohnehin öffentlich waren. Offene Fragen bleiben allerdings, etwa warum genau diese Kandidaten ausgewählt wurden.

KI löst 25 Jahre Kryptorätsel um NIST-/NSA-„Dual EC“-Seeds
KI löst 25 Jahre Kryptorätsel um NIST-/NSA-„Dual EC“-Seeds (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Suche nach einem möglichen „Backdoor“ in einem Teil der elliptischen Kurven öffnet sich derzeit nicht über neue Angriffe, sondern über Aufklärung: Ein KI-System von Anthropic soll die 25 Jahre alte Unklarheit zu fünf Seeds entschlüsselt haben, die Ende der 1990er-Jahre für NIST-Elliptic-Curves bereitgestellt wurden. Laut der Darstellung benötigte das Modell weniger als 30 Minuten, um die Beziehung der veröffentlichten Startwerte zu einem konkreten Zufallszahlengenerator nachzuvollziehen. Damit verschiebt sich die Debatte von „war da absichtlich etwas versteckt?“ hin zu „warum ist die Rekonstruktion so direkt möglich?“

Damit wird es greifbar, was kryptografische Standards in der Praxis bedeuten: elliptische Kurven sind die Mathematik-Basis, mit der sich in vielen Protokollen nach außen hin ein Nachweis führen lässt, dass jemand einen geheimen Schlüssel besitzt, ohne ihn preiszugeben. Die Kurve selbst ist dabei so etwas wie das „Schloss-Design“, das von allen verwendet wird; pro Nutzer existiert ein eigener geheimer Schlüssel, der in der Regel nie direkt geteilt wird. Streitpunkt war allerdings die Herkunft einiger Zahlen, die zur Erzeugung dieser Kurvenparameter genutzt wurden. Nachdem NIST im Jahr 2000 einen Kurvensatz übernahm, der von der NSA bereitgestellt wurde, blieb zunächst offen, woher bestimmte Startwerte („Seeds“) stammten, obwohl diese Seeds an sich öffentlich waren. Genau diese Mischung aus Öffentlichkeit der Seeds und fehlender Dokumentation befeuerte den Verdacht auf eine gezielte Schwachstelle, wie er über Jahre in der Kryptografie diskutiert wurde; die Einordnung, dass dadurch ein „Backdoor“ wahrscheinlicher sei, beruht auf der historischen Quellenlage und den darauf gestützten Vermutungen in der Community.

Technisch verläuft die neue Lösung über eine Art Scharnier zwischen Zahlenmaterial und Implementierung: Das KI-System verfolgte die fünf NIST-Kurven-Seeds zurück zu lrand48, einem Zufallszahlengenerator, der aus älteren C-Softwarebibliotheken bekannt ist. In der Beschreibung wird außerdem genannt, dass das Modell die Sequenz rekonstruieren konnte, die zur bekannten Kurve P-256 führt, und dabei eine exakte Übereinstimmung für den publizierten Seed bei einem konkreten Kandidaten fand. Das ist mehr als eine rechnerische Kuriosität, denn ein Reproduzierbarkeits-Problem wäre im Wallet-Kontext unmittelbar gefährlich: Wenn die Schlüsselableitung aus einem Zufallsprozess möglich wäre, dessen Ausgang sich aus dem ungefähr bekannten Zeitpunkt ableiten lässt, könnten Angreifer möglicherweise mit geringer Suchbreite alle nötigen Informationen rekonstruieren. Gleichzeitig argumentiert die aktuelle Darstellung, dass die NSA-Seeds nicht geheim gewesen seien, wodurch es keinen separaten Geheimnisdiebstahl gab.

Ein wesentlicher Punkt für die Einordnung betrifft deshalb den Umfang der Auswirkungen. Laut Einordnung ist der „Backdoor“-Effekt weniger wahrscheinlich, wenn die Seeds sich auf einen alltäglichen Zufallszahlengenerator zurückführen lassen, statt auf einen Geheimcode, der nur einem Insider bekannt wäre. Für Nutzer bedeutet das zudem eine Beruhigung: Es werden keine unmittelbaren Änderungen an der Verwendung der NIST-Kurven gefordert, weil die Seeds ohnehin öffentlich nachvollziehbar sind. Dennoch bleiben Fragen offen, die auch die neue Rekonstruktion nicht vollständig beantwortet: Warum bestimmte Kandidaten im Suchraum nicht gewählt wurden und wie einige Parameterstellen in den Kurvenaufbauten exakt zustande kamen, ist weiterhin nicht sauber erklärt. Interessant ist hier auch die historische Linie: NIST hatte den Dual EC random-number generator später aus Empfehlungen entfernt, nachdem der Zusammenhang zur NSA durch die Snowden-Offenbarungen stärker in den Fokus geriet.

Während diese Geschichte bei NIST-Kurven auf elliptische Kurven und deren Parameter setzt, schiebt sie Bitcoin in eine zweite Ebene der Betrachtung. Bitcoin-Wallets nutzen nicht die betreffenden NIST-Kurven, sondern die Kurve secp256k1, die in ihrer Struktur als einfacher beschrieben wird und weniger „Stellschrauben“ bietet. Die Argumentation in der aktuellen Darstellung lautet daher, dass bei Bitcoin kaum derselbe Raum für eine heimliche Schwachstelle existiert wie bei komplexeren Parameterkonstruktionen, die auf NIST/P-256 beruhen. Das bedeutet allerdings nicht: „kein Risiko“. Denn ein anderes Szenario hängt nicht am Kurvenkonstrukt, sondern an der potentiellen Leistungsfähigkeit zukünftiger Quantencomputer. Ein ausreichend großer Quantencomputer könnte theoretisch von einem öffentlichen Schlüssel auf den zugehörigen geheimen Schlüssel zurückrechnen, unabhängig davon, wie die zugrunde liegende Kurve historisch gewählt wurde.

Die Quantenperspektive bekommt in der Berichterstattung zusätzlichen Realismus über konkrete Hardware-Fortschritte: Genannt wird etwa, dass ein sogenannter Willow-Chip Fehler in einer der kostenintensivsten Rechenschritte um rund den Faktor 40 reduziert habe. Das ist keine Angriffszusage, aber es macht sichtbar, dass sich die praktischen Hürden bei Quantenmaschinen in kleinen Schritten verringern. Der Kern bleibt dennoch unverändert: Bisher ist keine Quantenanlage bekannt, die in der Größenordnung und Zuverlässigkeit existiert, um Bitcoin-Schlüssel flächendeckend zu knacken, und entsprechend gibt es auch keinen belastbaren Zeitplan für den Eintritt eines solchen Risikos.

Für die Entwickler- und Security-Szene ist der eigentliche Mehrwert der neuen KI-Rekonstruktion damit zweigeteilt: Erstens liefert sie einen konkreten Rechenweg, mit dem sich die publizierten Seeds reproduzieren lassen, statt sie nur als „rätselhaft“ stehen zu lassen. Zweitens wird die Community-Mechanik wieder sichtbar, die Kryptografie seit Jahrzehnten antreibt: Von Analysen wie der 2015er Arbeit von Neal Koblitz und Alfred Menezes bis zu Suchbemühungen mit öffentlichen Record-Requests und sogar einer ausgelobten Prämie reicht die Historie. In diesem Fall soll die ausgelobte Summe von 36.864 USD an die Internet Security Research Group fließen, die hinter Let’s Encrypt steht, wodurch der Erkenntnisgewinn direkt in die Praxis der Webzertifikate und Transportverschlüsselung zurückwirkt.

Am Ende steht ein wichtiges Signal für Enterprise- und Infrastrukturverantwortliche: Kryptografische Risiken lassen sich nicht nur durch neue Angriffssoftware adressieren, sondern auch durch vollständige Transparenz über Parameterherkunft und Implementierungsdetails. Die nun gefundene Brücke von NIST-Seeds zu einem bekannten Zufallszahlengenerator macht eine bestimmte Klasse von „unbemerkten Insider-Schlüsseln“ weniger wahrscheinlich. Gleichzeitig zeigt die offene Restfrage nach der Auswahl einzelner Kandidaten, dass Standardisierungsgeschichte und Datenherkunft weiterhin ein Sicherheitsfaktor sind. Genau deshalb sollten Teams, die Kryptografie-Stacks betreiben, nicht nur auf Bibliotheks-Updates achten, sondern auch nachvollziehen, welche Kurven, Generatoren und Parameter ihre Systeme tatsächlich verwenden.


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