VERSAILLES / LONDON (IT BOLTWISE) – Die offizielle Weltzeit wird ab dem 20. Mai 2027 ohne Schaltsekunden auskommen. Die General Conference on Weights and Measures (CGPM) beendet damit die bisherige Anpassung von UTC an die Erddrehung. Technische Systeme müssen dafür künftig mit einem wachsenden Zeitversatz zwischen atomarer und astronomischer Zeit planen. Für den Alltag ändert sich in Europa vorerst wenig, doch in Spezialbereichen steigt der Umstellungsdruck.

Die Schaltsekunde verschwindet: Am 20. Mai 2027 soll UTC dauerhaft im gewohnten „taktlosen“ Rhythmus laufen und keine zusätzlichen Sekunden mehr nachschieben. Entscheidend ist dabei nicht eine lokale Zeitregel, sondern die internationale Referenz, auf die Funknetze, Navigationssignale und Messsysteme auf der ganzen Welt angewiesen sind. Die General Conference on Weights and Measures (CGPM) hat die Beendigung der Schaltsekundenpraxis bereits am 15. Oktober 2026 beschlossen und damit einen Prozess beendet, der seit 1972 dafür sorgt, dass die atomar bestimmte Zeit nicht dauerhaft zu weit von der Erddrehung abweicht.
Technisch betrachtet beruhte die alte Logik auf zwei Zeitwelten, die ursprünglich „möglichst eng“ gekoppelt werden sollten. UTC nutzt extrem präzise Atomuhren, während die astronomische Zeit von der Rotation der Erde abhängt, deren Geschwindigkeit sich mit der Zeit leicht verändert. Um den Abstand zwischen beiden Skalen klein zu halten, wurden seit 1972 insgesamt 27 Schaltsekunden eingefügt, die zuletzt Ende 2016 wirksam wurden. Eine Schaltsekunde kann im Extremfall dazu führen, dass eine Minute nicht wie üblich 60, sondern ausnahmsweise 61 Sekunden hat – für Menschen kaum spürbar, für Software und Steuerungssysteme jedoch durchaus relevant.
Genau hier liegt der Hauptgrund für die Kurskorrektur: In vielen Umgebungen gilt Zeit nicht als abstraktes Konzept, sondern als hartes Integrations- und Synchronisationskriterium. Computer- und Datenbanksysteme, Telekommunikationsnetze, satellitengestützte Navigation sowie Teile der Energieinfrastruktur hängen von verlässlichen Zeitstempeln ab, die zueinander passen müssen. Schon frühere Schaltsekunden haben laut dem beschriebenen Problemfeld Störungen in IT- und Online-Diensten ausgelöst. Zusätzlich kommt ein weiterer Risikofaktor hinzu: Da sich die Erddrehung nicht nur verlangsamen, sondern zeitweise auch etwas schneller drehen kann, bestand die wachsende Möglichkeit, dass künftig erstmals eine „negative“ Schaltsekunde nötig werden könnte – also eine Sekunde entfernt wird. Weil dieser Fall praktisch noch nie umgesetzt wurde, wäre die Robustheit gegenüber solchen Korrekturen für technische Systeme schwerer vorab zu validieren.
Mit den neuen Regeln wird UTC deshalb nicht mehr an die Rotation „nachjustiert“, sondern die Lücke zur astronomischen Zeit darf wachsen. Der erwartete maximale Abstand wird im beschriebenen Szenario mit bis zu 3.600 Sekunden, also rund einer Stunde, beziffert. In der Praxis dürfte eine tatsächliche Korrektur erst später erforderlich werden, weshalb die Maßnahme im Kern als vorsorgliche Umstellung verstanden wird: Systeme sollen nicht mehr plötzlich mit seltenen, aber verhaltensbestimmenden Sondersekunden konfrontiert werden. Damit verschiebt sich die Verantwortung stärker auf Prozesse, die ohnehin mit hochpräzisen Zeitsystemen arbeiten, etwa indem sie die Differenz zwischen atomarer und astronomischer Skala getrennt modellieren und bei Bedarf gezielt berücksichtigen.
Die CGPM selbst ist dabei weniger „prominent“, aber institutionell zentral. Laut International Bureau of Weights and Measures (BIPM) gehören ihr aktuell 69 Mitgliedsstaaten sowie 34 assoziierte Staaten und Wirtschaftsräume an; sie kommt typischerweise im Vierjahresrhythmus zusammen. Für Europa werden unter anderem Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, die Schweiz, das Vereinigte Königreich, Polen und die Ukraine genannt. In den Amerikas sind die USA, Kanada, Brasilien, Argentinien, Mexiko und Peru vertreten, in Asien unter anderem China, Japan, Indien, Südkorea, Indonesien und Thailand, in Afrika Südafrika, Ägypten, Marokko, Tunesien und Kenia; auch Australien und Neuseeland sind dabei. Diese Zusammensetzung erklärt, warum der Beschluss nicht nur eine technische Interna, sondern eine globale Zeitbasis betrifft.
Für das Vereinigte Königreich ergibt sich daraus vorerst vor allem eine Entkopplung von Alltagslogik: Der Schritt betrifft die internationale Referenzzeit, nicht die saisonale Uhrenumstellung. Für die Bürgerinnen und Bürger bleibt deshalb die bekannte Umstellung bestehen. Laut GOV.UK Clock Change Guide werden die Uhren am Sonntag, 25. Oktober 2026, um eine Stunde zurückgestellt. In der Folge richtet sich die lokale Uhrzeit im Winter weiter nach Greenwich Mean Time (GMT, UTC+0) und im Sommer nach British Summer Time (BST, UTC+1); die saisonalen Änderungen werden ausdrücklich nicht ersetzt oder verändert.
Am spürbarsten wird die Entscheidung dort, wo Zeit synchron mit Himmelsmechanik gedacht wird. Genannt werden insbesondere Astronomie, Geodäsie sowie bestimmte satellitenbasierte Anwendungen. Für diese Disziplinen bleibt das Wissen über die Erddrehung grundlegend, nur wird die Kopplung über Schaltsekunden entflochten. Stattdessen müssen die Systeme künftig die wachsende Differenz zwischen UTC und astronomischer Zeit dann gesondert berücksichtigen, wenn sie für Berechnungen tatsächlich relevant wird. In Summe zielt das neue Regime auf langfristig stabilere internationale Zeitmessung ab: Digitalen Infrastrukturen bleibt künftig erspart, dass „extra Sekunden“ zu unregelmäßigen Zeitpunkten in den Kalenderlauf eingreifen. Auch wenn das in der Alltagspraxis kaum auffällt, ist es für die Ingenieurs- und Betriebsrealität von Netzwerken und Messketten ein klarer Wechsel von Ereignis- zu Planungslogik.
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