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REMAGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im arp museum Bahnhof Rolandseck in Remagen startet die Ausstellung „Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“. Bis zum 10. Januar 2027 sind rund 100 Arbeiten von der Moderne bis zur Gegenwart zu sehen. Der Fokus liegt auf Werken ab 1920 und verbindet den Blick ins All mit Fragen nach Sehnsucht, Endlichkeit und kulturellen Umbrüchen. Kuratiert wird die Schau gemeinsam von Museumsdirektorin Julia Wallner und der wissenschaftlichen Assistentin Helene von Saldern.

„Zu den Sternen!“: Weltraum und Weltflucht zwischen Kunst, Physik und Kulturkritik
„Zu den Sternen!“: Weltraum und Weltflucht zwischen Kunst, Physik und Kulturkritik (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer wissen will, wie sich der Blick in den Weltraum in Bildwelten übersetzt, bekommt in Remagen eine ungewöhnlich dicht gemachte Zeitleiste: Die Ausstellung „Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ zeigt bis 10. Januar 2027 rund 100 Werke im arp museum Bahnhof Rolandseck. Statt nur Sterne zu romantisieren, legt die Schau einen dramaturgischen Spannungsbogen zwischen Sehnsucht und Kontrollverlust, zwischen wissenschaftlicher Neugier und dem kulturellen Nachhall technologischer Versprechen. Schon die Auswahl spannt einen weiten Bogen von frühen künstlerischen Annäherungen an kosmische Vorstellungen bis zu zeitgenössischen Positionen, die den Weltraum als Projektionsfläche für Gegenwartskritik nutzen.

Der Schwerpunkt liegt laut Ausstellungskonzept besonders auf Arbeiten ab 1920. Damit trifft die Schau nicht zufällig eine Phase, in der sich Bildproduktion, Naturbeobachtung und Zukunftsvorstellungen neu sortierten: Der Erste Weltkrieg hatte in weiten Teilen der Gesellschaft eine Stimmung geprägt, die sich als Weltuntergangsgefühl ausdrücken konnte. Gleichzeitig tauchen Himmelsereignisse wie der Halleysche Komet von 1910 als Anschauungsanlass auf. Der Weltraum wird damit nicht nur zu einem Motiv, sondern zu einem Verstärker für Ängste und Sehnsüchte. Genau in dieser Mischung, in der Angst und Hoffnung nahe beieinanderliegen, wird verständlich, warum künstlerische Projektionen des Irdischen ins All gerade in Zeiten von Technisierung und Rationalisierung so produktiv wirken konnten.

Technisch betrachtet lässt sich die Einordnung der Ausstellung gut an zwei Stichworten festmachen: verbesserte Beobachtung und die wachsende Vorstellung von Machbarkeit. Anfang des 20. Jahrhunderts potenzierten sich astronomisches Wissen durch spektroskopische und fotografische Techniken; damit konnte das, was zuvor vor allem als Ferne erschien, zunehmend als datenbasiertes Wissen gedacht werden. Parallel wurde es denkbar, den Weltraum nicht nur zu betrachten, sondern zu bereisen. Die Ausstellung nimmt diese Entwicklung ernst, ohne sie als reine Fortschrittsgeschichte zu erzählen: Sie zeigt vielmehr, wie sehr wissenschaftliche Messfähigkeit in der Kunst als Möglichkeitsraum und als Projektionsmaschine funktioniert. Das erklärt auch, warum die Schau nicht nur „Wissenschaftskunst“ im engeren Sinne präsentiert, sondern Kunst als Übersetzerin wissenschaftlicher Denkbewegungen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der kulturellen Ambivalenz der Raumfahrt. Das Apollo-Programm schürte Hoffnungen auf nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, und diese Erwartungslage reicht bis in die Kunst hinein. Gleichzeitig benennt die Ausstellung ausdrücklich, dass diese Zuversicht spätestens ab den 1980er-Jahren von kritischen Stimmen begleitet wurde. An dieser Stelle verschiebt sich der Blick von der Frage „Wie weit können wir?“ zu „Was bedeutet es, wenn die Grenzen sichtbar werden?“. Der Wunsch nach einem alternativen Leben auf einem Ersatzplaneten steht in der Ausstellung nicht ungebrochen im Raum, sondern wird von einem zunehmenden Kulturpessimismus konterkariert. Dazu passt die Leitidee, dass die Endlichkeit lebenswichtiger Ressourcen angesichts menschlicher Hybris und Fehlverhalten neue Diskurse auslöst, die auch in künstlerischen Arbeiten ihren Ausdruck finden.

Formell und inhaltlich spiegelt sich diese Gegenüberstellung in der Bandbreite der Künstlerinnen und Künstler. Zu den gezeigten Arbeiten zählen Werke von Hans (Jean) Arp, Max Ernst, Hannah Höch, Liesl Karlstadt/Karl Valentin, El Lissitzky, Joan Miró, Man Ray, Odilon Redon, Oskar Schlemmer, Carl Spitzweg, Sophie Taeuber-Arp und Yves Tanguy. Auf der Seite der Gegenwartspositionen kommen unter anderem Yael Bartana, Bjørn Melhus, Thomas Ruff, Katharina Sieverding, Klaus Staeck und Emma Talbot hinzu. Interessant ist dabei weniger die bloße Historienliste als die Funktion der jeweiligen Stilsprachen: Von frühen avantgardistischen Bildexperimenten bis zu zeitgenössischen Strategien, die den Blick auf das All mit medialen oder gesellschaftlichen Bruchstellen verknüpfen, zeigt die Schau, wie ein gemeinsames Thema in sehr unterschiedlichen ästhetischen Codes auftreten kann.

Dass es nicht bei Bildern bleibt, dafür sorgt auch das Begleitmaterial. Der ausstellungsbegleitende Katalog „Zu den Sternen! – To the Stars!“ umfasst 224 Seiten und erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln. Kuratorin Julia Wallner führt in sechs Kapiteln in die Ausstellung ein, ergänzt durch Beiträge zum Werk einzelner Künstlerinnen und Künstler sowie zum Themenkomplex „Von Weltuntergängen und Extraterrestrischem in Literatur und Film nach 1900“. Damit wird der kunsthistorische Blick um Mediengeschichten erweitert: Literatur und Film erscheinen als zusätzliche „Schnittstelle“, über die kosmische Vorstellungen in kulturelle Erwartungsbilder übersetzt werden. Auch das Begleitprogramm setzt auf diese Verzahnung von Wissenschaft und Kunst. Bei einer Dialogführung am 26. November führen der Radioastronom Frank Bertoldi von der Universität Bonn und Julia Wallner gemeinsam durch die Ausstellung. Zusätzlich liefert eine Folge des Museums-Podcasts „Die Leichtigkeit der Kunst“ Hintergründe zur Ausstellung, die vor allem erklären sollen, wie sich wissenschaftliche Beobachtung und künstlerische Deutung gegenseitig beeinflussen.

Für Technik- und Wissenschaftsinteressierte liegt der Mehrwert dieser Ausstellung auch darin, dass sie den Weg von Daten zu Bedeutung sichtbar macht. Spektroskopie und Fotografie sind hier nicht als reine Messverfahren präsent, sondern als Ursprung einer Bildlogik, die im Kunstkontext weitergedacht wird. Ebenso wird deutlich, wie Raumfahrtprogramme kulturelle Narrative formen, die später wieder kritisch gespiegelt werden. Wer heute in KI- und Datenprojekten arbeitet, erkennt die Parallele: Auch dort geht es weniger um Technik allein, sondern um das Zusammenspiel aus Datenverarbeitung, Modellannahmen und dem, was Menschen daraus als Zukunftsversprechen oder als Warnsignal ableiten. „Zu den Sternen!“ liefert dafür ein präzises kulturtechnisches Beispiel, bei dem sich Fortschritt und Skepsis in derselben Bildwelt begegnen.


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